Jahrgang 
1 (1879)
Seite
105
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Concordia.

ſchwichtigen und ſtand einige Zeit hindurch faſt auf intimem Fuße mit Falk. Doch ſeit Wellmann in das Haus gekommen, war das Verhältniß zwiſchen Beiden ein ziemlich kühles ge⸗ worden. Und merkwürdig, nicht allein der Diener Paul, ſondern auch der Herr Kommerzienrath Falk legte einen

großen Reſpekt vor Jenem an den Tag.

Natürlich hätte Falk ſich längſt, ſeiner Stellung und ſeinem Beſitze angemeſſen, ſowohl an ſeinem früheren Aufenthaltsorte wie in der Reſidenz vermählen können, und die Leute ſuchten oft genug vergeblich zu ergründen, weshalb dies nicht ge⸗ ſchehen, da der Mann keineswegs für einen Weiberfeind gelten durfte. Der wahre Grund lag jedoch darin, daß dieſer egoiſtiſche, rückſichtsloſe Menſch das Bedürfniß fühlte, eine Verbindung auf Grund gegenſeitiger Neigung zu ſchließen, und daß er glaubte, eine ſolche dort erwecken zu können, wohin ihn das eigene Gefühl zog. Oft genug war er in dieſer Hin⸗ ſicht bereits enttäuſcht worden; demungeachtet hatte er neuer⸗ dings ſein Auge auf die liebliche Knospe, welche im Hauſe Römer's erblühte, geworfen, und heute erſchien er, wie wir bereits wiſſen, um den erſten Schritt zu thun, die werdende Blume aus dem heimiſchen Boden in ſein Haus zu ver⸗ pflanzen.

Falk ſchritt langſam durch den Flur bis zur Treppe; er ſtieg dieſe zögernd hinan, indem er die zur Seite aufgeſtellten Blumen betrachtete; er ſchien noch immer zu erwarten, daß ihn Jemand hier willkommen heißen werde; doch es zeigte ſich Niemand.

Oben im erſten Stock angelangt, nahm er denſelben Weg, den geſtern der Doktor Rohrbeck gewählt hatte; aber er legte denſelben nicht, wie dieſer, feſt auftretend zurück, ſondern ſchleichend und ſpähend. So gelangte er bis in das Zimmer, welches dem Diener gewöhnlich zum Aufenthalt diente. Paul war da und erhob ſich, während Falk einige Schritte weit in das Zimmer trat. Beide lächelten ſich recht freundlich und verſtändnißinnig an; Beide machten auch Miene zu ſprechen. Da ward jedoch die Thür zu Römer's Kabinet geöffnet und dieſer ſelbſt erſchien in jener. Falk und Paul bekamen den⸗ ſelben Schreck; doch der Erſtere faßte ſich ſchnell wieder.

Ich habe die Ehre, theurer Freund! rief er, ſich ver⸗

beugend und den Hut ſchwenkend.

Römer verneigte ſich nur leicht.

Trage dies in's Komptoir! ſagte er zu Paul, indem er dieſem ein Billet hinhielt; dann wendete er ſich wieder zu Falk und fuhr fort:Ich bitte, Herr Kommerzienrath!

Römer war heute in einem eleganten Anzuge, der ſeine Figur vortheilhaft hob. Seine Bewegungen und ſein Be⸗ nehmen, ſeine ganze Erſcheinung, trugen in dieſem Augenblicke unverkennbar den Stempel des vornehmen Herrn.

Als Römer in ſein Kabinet zurückgekehrt war, nahm er dort an einem kleinen Tiſche Platz; der größere zeigte eine aufgezsählte Summe Geldes. Falk war Römer gefolgt und bis in die Mitte des Zimmers getreten.

Ich grüße Sie, theurer Freund! begann er wiederum, der Himmel möge Sie bei der Geſundheit erhalten, welcher Sie ſich gegenwärtig erfreuen!

Das möge er! erwiderte Römer kalt und hob das geſtern von Falk erhaltene Billet vom Tiſche auf. Dieſer hatte ſich bereits nach einem Seſſel umgeſehen; da aber Römer keine

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Einladung an ihn richtete, ſich zu ſetzen, ſo gerieth er in nicht geringe Verlegenheit.

Herr Kommerzienrath, hob Römer, ohne darauf zu achten, an,Sie machten vorgeſtern an unpaſſendem Orte eine An⸗ ſpielung, die ich für einen ebenſo unpaſſenden Scherz hielt. Durch Ihr geſtriges Billet bin ich jedoch belehrt worden, daß jene ernſtlich gemeint war und um ſo mehr, als Sie mir dies Billet zu einer Zeit überreichen ließen, welche mich vielleicht veranlaſſen ſollte, anderen Perſonen ſofort Mittheilung über deſſen Inhalt zu machen!

Falk, deſſen Geſicht recht lang wurde, verſuchte mehrmals Römer zu unterbrechen. Dieſer ſprach jedoch, ohne Notiz davon zu nehmen, ruhig und ebenmäßig weiter.

Es war allerdings meine Abſicht; ich glaubte, mein Ver⸗ ehrter ſtotterte Falk jetzt,ja ich gab mich der Hoffnung hin, die hochgeſchätzten Damen würden meine reſpektvolle An⸗ deutung meinen beſcheidenen Wunſch, bei Ihnen unter⸗ ſtützen, theurer Freund!

Nun, ich habe keine Mittheilungen an meine Damen ge⸗ macht, mein Herr! erwiderte Römer,und dieſe würden Ihre Abſichten auch wohl nicht unterſtützt haben. Ich bin aber leider in der Lage, Ihnen bemerken zu müſſen, daß Ihr Billet ſo viel Beleidigungen für mich, wie Zeilen enthält!

Der Kommerzienrath bekam ein Ausſehen, als ſei er ſoeben aus den Wolken auf die Erde herabgefallen.

Auf Ehre, Beſter! betheuerte er.Gott im Himmel kennt mein Herz und die Reinheit meiner Abſichten! Ich Sie unter den obwaltenden Umſtänden beleidigen wollen? wie wäre das nur möglich?! ich bitte Sie, verehrteſter Herr Römer!

Um ſo ſchlimmer, wenn Sie nicht einmal wiſſen, was Sie gethan, mein Herr! Ich werde mir deshalb die Mühe nehmen müſſen, ihre Handlungsweiſe etwas näher zu beleuchten. Ich ſchulde Ihnen die Differenz aus einem Geſchäft, das iſt richtig. Sie nehmen daraus ab, daß mir ein lukratives Manöver erwünſcht kommen müſſe, und ſchlagen mir deshalb vor, den flotten Ankauf eines Papiers einzuleiten, welches ſchon in nächſter Zeit ſtark entwerthet ſein dürfte. Nach Einleitung der Sache wollen Sie das Papier maſſenweiſe an die Börſe bringen und ſpäter den Gewinn mit mir theilen. Die Zu⸗ ſammenſtellung der erſten Thatſache mit jener Anſicht deutet darauf hin, daß Sie bei mir einen ſchlechten Stand der Finanzlage des Geſchäfts vermuthen ich will nämlich nur die Vermuthung annehmen und eine ſolche Annahme hat für den Bankier nie etwas Schmeichelhaftes, im Gegentheil. Ihr Vorſchlag ſpekulirt zuförderſt auf den guten Ruf meiner Firma, um mich hinterher bei einem unſauberen Geſchäft zu Ihrem Agenten zu machen. Gewöhnlicher Bauernpfiffigkeit können jedoch der Ruf meiner Firma und meine Perſon nie dienſtbar werden. Ihr Verſprechen in Betreff der Theilung eines ſehr ſtark ſchattirten Gewinnes anlangend, ſo fordern Sie für daſſelbe auch ſofort Gegenleiſtung und was für eine! Doch gehen wir nach der Reihe. Haben Sie die Güte, die zwanzigtauſend Thaler dort einzuziehen!

Die letzten Worte Römer's wurden in einem faſt gebieteriſchen Tone geſprochen.

Der Kommerzienrath wußte offenbar nicht, wie ihm geſchah; wahrſcheinlich hatte er ſich den Verlauf der heutigen Unter⸗ redung an dieſem Orte ganz anders gedacht. Er glaubte, im Geheimen wie auch offen ſo gut operirt zu haben daß Römer

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