Jahrgang 
1 (1879)
Seite
104
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Concordia.

ſchien er nicht daran gedacht zu haben, daß die Ueberraſchung, welche er Beiden durch ſeine Erſcheinung zu bereiten im Be⸗ griff ſtand, nicht zu den angenehmen Erlebniſſen gerechnet werden durfte.

6. Kapitel. Der Kommerzienrath.

Am nächſten Morgen fuhr wiederum eine Equipage bei Römer vor. Ein Mann in den beſten Jahren, im Viſiten⸗ Anzuge, verließ den Fond derſelben unter Bewegungen ſeines, zum Embonpoint geneigten Körpers, die von viel ſicherem Selbſtbewußtſein, wenn nicht gar Stolz und Ueberhebung ſprachen.

Der Herr warf einen Blick nach dem Portal des Hauſes, als erwarte er, dort von Jemand empfangen zu werden. Die Täuſchung ſeiner Erwartung ließ einen Zug von Mißmuth über ſein Geſicht gleiten, der jedoch ſchnell wieder verſchwand.

Demnächſt hob er ſein Auge prüfend zu den Fenſtern der erſten Etage empor, und als er auch dort Niemand entdeckte, der von ſeiner Ankunft Notiz nahm, ſchritt er langſam, ge⸗ wiſſermaßen feierlich dem Portal des Hauſes zu.

Dieſer Herr war der, nicht allein in Börſenkreiſen, ſondern auch in den ariſtokratiſchen Cirkeln der Reſidenz gekannte und vielfach geſuchte Bankier, Kommerzienrath Falk, welcher mit dem Rufe eines reichen und geſchäftskundigen Börſianers auch noch denjenigen eines frommen Mannes verband.

Der Kommerzienrath gehörte zu den Leuten, welche die Nordamerikaner und Engländerſelbſtgemachte Männer nennen, und er betonte ſolches recht oft, mit großer Vorliebe und ſicht⸗ lichem Stolz, nebenbei auch wohl noch, daß er als Sohn armer Landleute nur ein einfacher, jedoch rechtſchaffener Mann geworden ſei, der Gott ſtets im Herzen trage und vor Augen habe.

Der äußere Lebenslauf Falk's ſchien auch einfach genug und ganz geeignet zu ſein, jene Verſicherungen zu unterſtützen. Er war wirklich der jüngere Sohn eines Bauern und hatte, nachdem er die Dorſſchule durchlaufen und der Vater verſtor⸗ ben, die Wahl, ſeinem älteren Bruder oder einem anderen Bauer nach und nach als Pferdejunge, Knecht und Tage⸗ löhner zu dienen, was ihn vielleicht dahin bringen konnte, ſein Daſein als Eigenthümer eines armſeligen Kathens zu be⸗ ſchließen.

Falk machte nur das erſte Stadium dieſer glänzenden Stufenleiter durch; als er zu Kräften gekommen, ließ er ſich den aufgelaufenen Lohn auszahlen und ging mit der Ausſicht auf eine Abfindungsſumme, ſobald er majorenn geworden, nach

der nächſten Stadt, um eine andere Laufbahn zu wählen. Er

begann dieſelbe als Hausknecht eines Materialiſten.

Dieſer Mann gehörte zu den Frommen im Lande und er⸗ zählte Jedem, der es hören wollte, daß Kirchengang und fleißiges Gebet den Segen Gottes auf ſein Geſchäft herab⸗ gezogen hätten. Dagegen verſchwieg er wohlweislich, wie er von ſeinen Waaren durch allerlei Miſchungen und Zuſätze einen doppelten oder gar dreifachen Gewinn zu ziehen wußte.

Der junge Falk zeigte ſich ſo lernbegierig, begriffsfähig, thätig und treu, daß er ſehr bald das Vertrauen ſeines Prinzipals gewann und von dieſem zum Gehilfen bei ſeinen Waaren⸗Verbeſſerungen benutzt ward; auch ließ er ſich ohne

Sträuben auf den Weg leiten, welcher nach der Muckerlehre direkt in's Paradies führen ſoll.

Der Kaufmann kam immer mehr zu der Ueberzeugung, daß ihm der Himmel in dem jungen Manne einen wahren Schatz beſcheert habe. Er ließ denſelben daher vom Haus⸗ knecht zum Lehrling, vom Lehrling zum Ladendiener und vom Ladendiener zum Buchhalter ſteigen und hätte ihn wahr⸗ ſcheinlich auch zu ſeinem Schwiegerſohn und Nachfolger ge⸗ macht, wenn Falk Luſt gehabt hätte, Beides zu werden; doch wie derſelbe den in der Ferne winkenden Tagelöhner⸗Kathen verſchmäht hatte, ſo machte er es jetzt auch mit dem häus⸗ lichen Glück und dem Kramladen, welche heide ſchon etwas näher lagen wie jener; ſein Sinn ſtand einmal nach Höherem.

Der junge Mann mochte in gewiſſer Hinſicht Anerkennung verdienen, daß er ſich ſo emporzuſchwingen verſtand. Sein energiſches Verfolgen eines beſtimmten Zieles war die Licht⸗ ſeite ſeines Charakters. Aber auch die Schattenſeiten der Selbſtmachemänner, Egoismus, Rückſichtsloſigkeit gegen Andere und Mangel an Dankbarkeitsgefühl, waren demſelben eigen; in wie hohem Grade letzteres vorhanden war, darüber ſollte ſein würdiger Prinzipal eine ſehr bittere Erfahrung machen.

Falk kündigte demſelben eines guten Tages ſeine Stellung und forderte, außer einem empfehlenden Abgangs⸗Atteſte, noch eine hübſch gerundete Abfindungsſumme, und als der Kauf⸗ mann letztere nicht zahlen wollte, erbffnete ihm ſein aus⸗ gezeichneter Jünger eine Perſpektive auf Unterſuchung und Verurtheilung wegen lange fortgeſetzter Verfälſchung von Lebensmitteln und Betrugs, welche zugleich den völligen Ruin ſeines Geſchäftes herbeiführen mußten.

Der in die Enge getriebene Materialiſt zahlte denn auch und gab das verlangte Atteſt. Falk trat in das Komptoir eines Bankiers, im Grunde genommen eines Wucherers, der nicht mehr wie Hundert vom Hundert zu nehmen pflegte und welchen er in den von ihm beſuchten frommen Cirkeln kennen gelernt hatte.

Nach einigen Jahren ward Falk Aſſocié ſeines neuen Prinzipals; wiederum nach Jahren zog ſich der ältere Kom⸗ pagnon zurück vom Geſchäft und Jener ward alleiniger In⸗ haber der Firma. Nach weiteren fünf Jahren war Falk ein gemachter Mann und ſiedelte nach der Reſidenz über, um dort Millionär zu werden.

Die beſſeren oder höheren Kreiſe der Hauptſtadt waren zu jener Zeit durchweg von der Frömmigkeit angehaucht, und Falk, den in doppelter Hinſicht ein guter Ruf empfahl, ward zuvorkommend in jenen Kreiſen aufgenommen. Er verſtand es meiſterlich, die für ſich gewonnene gute Meinung zu er⸗ halten und immer mehr zu befeſtigen.

Falk hatte von vorn herein verſucht, mit Römer in Ver⸗ bindung zu treten, und dieſer konnte den von Allen geachteten Mann nicht von ſich weiſen, obſchon die Charaktere Beider wenig miteinander harmonirten. Frau Römer wollte dagegen bemerkt haben, daß ſeit der Erſcheinung Falk's im Hauſe der Diener Paul, über den ſonſt Niemand zu klagen gehabt, völlig umgewandelt ward und daß auch das Nervenleiden ihres Gemahls um jene Zeit, alſo vor zehn Jahren ungefähr, ſich zuerſt geltend gemacht hatte.

Römer ſuchte die Bedenken, welche ſeine Frau mitunter vorſichtig in dieſer Hinſicht äußerte, ſtets ſcherzend zu be⸗