Jahrgang 
1 (1879)
Seite
103
Einzelbild herunterladen

Concordia.

103

Es iſt nur ein ungeſchickter Umſtand in dem ganzen Falle ich meine, inſofern es Sie betrifft.

Was iſt das? fragte Cliſſold.

Ihre Weigerung, anzugeben, wo Sie die letzte Nacht zu⸗ brachten.

Ich würde es bedauern, wenn ich zu einer ſo armſeligen Vertheidigung greifen müßte, wie es ein Alibi iſt.

Ich denke nicht, daß Sie dies fürchten müſſen. Der Be⸗ weis gegen Sie wiegt nur gering. Aber warum nicht die Dinge vereinfachen, indem Sie über die Verwendung Ihrer Zeit bis heute zu Ihrer Rückkehr Rechenſchaft geben? Sie ſagen, Sie ſeien erſt mit dem Zwölf⸗Uhr⸗Zug von Spinnersbury nach Eborsham zurückgekommen?

Ich kam mit dieſem Zug.

Denken Sie, daß irgendwelche von den Trägern oder Kondukteuren ſich erinnern würden, Sie geſehen zu haben?

Wahrſcheinlich nicht. Der Zug war übervoll mit Menſchen, die zu dem Rennen kamen. Ich konnte nur noch mit Noth einen Sitz erhalten. Ich mußte in ein Coupé eines Wagens dritter Klaſſe klettern, als der Zug ſich zu bewegen begann.

Aber warum wollen Sie ſich nicht auf Jemand in Spinners⸗ bury beziehen, um Ihre Abweſenheit von Eborsham in letzter Nacht zu beweiſen?

Wenn mein Hals in Gefahr iſt, kann ich das thun. Inzwiſchen können Sie die Sache wohl fallen laſſen. Ich habe meine eigenen Gründe dafür, es nicht zu ſagen, wo ich letzte Nacht war, außer wenn ich hart gedrängt werde.

Mr. Brent war genöthigt, zufrieden zu ſein. Die Lage ſeines Klienten war noch immer nicht beſonders ungünſtig; aber es war ſeltſam, daß dieſer junge Mann es hartnäckig verweigerte, über ſich eine aufrichtige Rechenſchaft zu geben! Bis zu dieſem Punkte fühlte ſich Mr. Brent abſolut von der Unſchuld ſeines Klienten überzeugt; aber dieſe Verweigerung verwirrte ihn. Er ging nach Hauſe mit dem unangenehmen Gefühle, daß doch etwas da nicht ganz richtig ſei.

Die Herren Higlett und Smelt waren in der Zwiſchenzeit nicht müſſig. Higlett logirte ſich imWaſſervogel ein und

hörte alles Geſchwätz im Hauſe, deſſen einziger Gegenſtand die Ermordung von James Penwyn war.

Unter anderen Einzelheiten hörte der Detektive von Spinners⸗ bury Frau Marport, die Wirthin, von einem gewiſſen Briefe ſprechen, welchen die Frühpoſt Mr. Cliſſold an dem Tage ge⸗ bracht, an welchem er fortging. Er war mit der erſten Brief⸗

ausgabe, vor acht Uhr, gekommen. Jane, das Hausmädchen,

brachte ihn in Mr. Cliſſold's Zimmer gleichzeitig mit deſſen Stiefeln und dem Raſirwaſſer.

Ich hatte noch niemals einen ſolchen Brief geſehen, ſagte Mrs. Marport.Er ſchien durch die ganze Welt gegangen zu ſein. Er trug eine Adreſſe von London, eine von Wales, eine von Cumberland, und war ganz voll Poſtmarken. Ich denke, es muß etwas ganz Beſonderes geweſen ſein, was man ihm ſo nachgeſchickt hat.

Eine Rechnung vielleicht oder den Brief eines Ad⸗ vokaten.

O nein! Das war's nicht. Es war die Handſchrift einer Dame, das fiel mir beſonders auf.

War irgend ein Wappen oder Monogramm auf dem Umſchlage? fragte Higlett.

Ich ſah nichts Derartiges; aber das Papier war ſo dick wie Pergament. Dieſen Brief ſchrieb nur eine Lady.

Hm, ſagte Higlett,wahrſcheinlich Mr. Cliſſold's Ge⸗ liebte.

Das iſt's, was auch ich gedacht habe, und vielleicht war es dieſer Brief, der ihn ſo plötzlich fortführte, ſodaß er auch wirklich in der Nacht des Mordes weit von Eborsham fort⸗ geweſen ſein kann.

War er das, ſo wird er im Stande ſein, es zu beweiſen, erwiderte Mr. Higlett, der nicht geneigt war, die Idee von Mr. Cliſſold's Unſchuld zu unterhalten. Um ſeinen Antheil an der ausgeſetzten Belohnung zu erhalten, mußte er den Mörder finden, und es machte Mr. Higlett wenig aus, wo er ihn fand.

(Fortſetzung folgt.,

Aus der Börſenwelt.

Erzählung von Karl Schmeling. (Fortſetzung.)

Es bedarf keiner Entſchuldigung! ſagte Graupner ſchnell, ich nehme Ihnen nichts übel. Der Vorſchlag von Madame ſcheint gut zu ſein, nur muß die Verkleidung vollſtändig wer⸗ den können. Es wird wirklich am beſten ſein, wenn ich meine

Leute aufſuche, und damit Sie völlig ſicher gehen, begleiten

Sie mich!

Mann und Frau nickten Beifall.

Ja, ja, murmelte der Erſtere,ſo wird es ſich machen⸗ und wann wollen wir?

Morgen, ſobald wie möglich! antwortete Graupner, in⸗ dem er ſich, jetzt völlig geſättigt, mit dem Behagen, welches ein ſolcher Zuſtand gewährt, zurücklegte. Dann ſchob er die Hand in die Taſche und langte den erſt wieder fortgeſteckten Thaler hervor, welchen er dem Wirthe, der übrigens den Zwangspaß noch in der Hand hielt, hinſchob.

Nechnen können wir morgen! meinte der Wirth, das Geld nehmend.

Meinetwegen! entgegnete Graupner,aber nun ein Bett; o nach zehn Jahren wieder in einem Bette zu ſchlafen! Sie ahnen gewiß nicht, was das ſagen will. Bringen Sie mich zur Ruhe, ich bin fertig!

Kommen Sie! ſagte der Wirth, welcher ein Licht an der von der Decke herunterhängenden Lampe angezündet hatte.

Beide verließen den Laden durch eine Seitenthür; die Frau räumte in jenem noch Einiges auf, verlöſchte die Lampe und verließ ihn ebenfalls.

Nach zehn bis fünfzehn Minuten war alles Leben in der obſkuren Vagabunden⸗Herberge erſtorben.

Möglich, daß der entlaſſene Sträfling von guter Aufnahme durch Bruder und Freund träumte. Im wachen Zuſtande

ͤ