Concordia.
„Und vergeſſen Sie nicht, daß Alles, was Sie nunmehr ſagen, ſeinerzeit gegen Sie gebraucht werden kann,“ bemerkte Smelt.
10. Kapitel. „Nichts kommt unangenehm, wenn Geld mitkommt.
Die gerichtliche Unterſuchung der Leiche fand um zwei Uhr ſtatt und wurden dabei keine anderen Thatſachen feſt⸗ geſtellt, als die, welche ſchon am Morgen in aller Welt Munde waren, als Matthew Elgood von dem Morde gehört an dem Schanktiſche des Wirthshauſes, wo er ſeinen Mittags⸗ Schluck zu nehmen pflegte— um drei Pence Wachholder⸗ Branntwein mit Bitterem, um ſich nach dem Gelage der letzten Nacht wieder zu beleben.
James Penwyn war von einem verſteckten Mörder durch das Herz geſchoſſen worden. Es ſchien vollſtändig klar, daß der Mörder ſein Ziel hinter dem zerriſſenen Gebüſch ge⸗ nommen, welches das niedriger liegende Land am Fluſſe von der Straße gerade an jenem Punkte theilte. Es waren Fußſpuren da in dem weichen Raſen— aber nicht Spuren der großen Stiefel eines Bauern. Die Reihe der Fußſpuren zeigte an, daß der Mörder durch ein Thor, das ungefähr hundert Schritte von der Stadt lag, in das Feld eingetreten und dann über das Gras nach dem Leinpfade gegangen war. Hier, auf härterem Boden, hörten die Fußſpuren allmälig auf. Es waren die Eindrücke von der Sohle eines Gentle⸗ man— ſo dachten die Detektives, welche begierig waren, eine Beziehung zwiſchen dieſen Fußſpuren und den Stiefeln von Maurice Cliſſold aufzufinden. Aber auch hier waren ſie etwas im Irrthume. Mauricke's ſtarke Jagdſtiefel niachten eine längere und breitere Spur auf dem Raſen.
„Er mag letzte Nacht kleinere Stiefel getragen haben,“ ſagte Smelt.„Aber ſie ſagten in der Schänke, daß er nur zwei Paare bei ſich habe, ein Paar an ſich, das andere Paar bereit, und beide von derſelben Mache. Ich ſah die an, welche er trägt, ſie ſind nicht größer als die anderen.“
Das war eine leichte Unterbrechung in der Kette, die bis dahin ſo hübſch fortzulaufen ſchien. Es iſt wahr, daß kein oder nur ein ſehr geringes Motiv für das Verbrechen vor⸗ handen war; aber auf die eine Thatſache des Wortſtreites ließ ſich ſchon etwas bauen, und die ſeltſame Abweſenheit von Maurice Cliſſold in dieſer eigenthümlichen Nacht war ein Umſtand, mit dem man rechnen mußte.
Wer konnte ſagen, wie ernſt der Streit geweſen ſein mochte? Vielleicht war er der letzte Ausbruch einer langunter⸗ drückten Flamme, vielleicht eine Auseinanderſetzung über die tiefſten Intereſſen. Nach und nach mußten ſich weitere Be⸗ weiſe herausſtellen. Auf jeden Fall hatten ſie ihren Mann.
Maurice war bei der Leichenſchau zugegen und ſehr ruhig und gefaßt. Er machte keine Angaben, nach dem Rathe eines Rechtsfreundes, Mr. Brent, deſſen Beiſtand er nicht zurück⸗ gewieſen. Er wäre vielleicht mehr aufgeregt geweſen durch das Faktum von dem unzeitigen Tode ſeines Freundes, ohne die gegen ihn gerichtete monſtröſe Audene es machte ihn zu kaltem Eiſen.
Die Unterſuchung wurde vertagt, die Thatſachen waren ſo gering, und Mr. Cliſſold wurde nach dem Schloſſe Eborsham, einer Feſtung aus dem Mittelalter, gebracht, welche von der
modernen Civiliſation in ein Gefängniß der Grafſchaft ver⸗ wandelt worden war.
Hier hatte er es komfortabel genug, was ſeine Umgebung betraf; denn er war ein junger Mann von abenteuerlichem Geiſte, und ſeine Anſprüche waren ſo geringe, daß ein hartes Bett und ein Zimmer ohne Teppiche für ihn keine Unannehm⸗ lichkeiten hatten.
Mr. Brent, der Advokat, beſuchte ihn in ſeinem Gefäng⸗ niſſe und beſprach mit ihm die Einzelheiten des Falles.
„Es iſt hart für Sie in jeder Weiſe,“ ſagte der Advokat, „hart, ihren Freund zu verlieren, und noch härter, ſich ſelbſt einem ſo monſtröſen Verdachte ausgeſetzt zu ſehen.“
„Ich kümmere mich keinen Srohhalm um den Verdacht,“ antwortete Maurice,„aber ich kümmere mich ſehr viel um den Verluſt meines Freundes. Er war einer der beſten Men⸗ ſchen, die je gelebt— ſo heiter, ſo voll Friſche und Lebens⸗ kraft. Hätte ich nicht ihn ſtarr und kalt in jener Schänke liegen geſehen, ich könnte mich nicht dazu bringen, an ſeinen Tod zu glauben. Es iſt hart, daran zu glauben, auch wenn man die Erinnerung an die Leiche friſch im Geiſte hat. Armer James! Ich liebte ihn wie einen jüngeren Bruder!“
„Sie haben keine Kenntniß von irgendwelchen Umſtänden in ſeinem Leben, die uns helfen könnten, den Mörder auf⸗ zufinden?“ fragte Mr. Brent.
„Ich weiß von nichts. Er hatte ſich an einige Leute ge⸗ macht, mit denen intim zu werden, nicht mein Wunſch war— wandernde Schauſpieler, die hier im Stadt⸗Theater agiren. Aber meine größte Furcht war, daß er mit irgend einem Heiratsverſprechen gefangen werden könnte. Ich kann kaum denken, daß dieſe Leute mit einem Verbrechen zu ſchaffen haben könnten.“—
„Nein. Es ſind harmloſe Vagabunden,“ erwiderte der Advokat.„Wiſſen Sie, wo Mr. Penwyn die letzte Nacht zu⸗ brachte?“
„Ohne Zweifel bei dieſen Leuten— einem Manne, Elgood genannt, und ſeiner Tochter. Ich dächte, der Mann ſollte als Zeuge vorgeladen werden.“
„Ohne Frage. Wir werden ihn nächſten Sonnabend vor dem Coroner haben und wollen ihn inzwiſchen im Auge be⸗ halten.“
Die Unterſuchung war auf drei Tage verſchoben, um Zeit für die Feſtſtellung neuer Thatſachen zu gewinnen.
„Sie ſagen, Ihr Freund hatte keine Feinde?“
„Nicht einen,“ antwortete Cliſſold.„Er war einer von jenen Menſchen, die ſich nie einen Feind machen. Er hatte nicht die Kraft, Jemandem eine Gunſt zu verweigern. Es war meine Kenntniß ſeines Charakters, die mich bezüglich ſeiner Bekanntſchaft mit den Elgood's beſorgt machte. Ich ſah, daß er von dem Mädchen bezaubert war, und fürchtete, er möchte in irgend eine falſche Poſition verlockt werden. Das war die einzige Urſache unſerer Auseinanderſetzung die vorletzte Nacht.“
„Warum verließen Sie ihn?“
„Weil ich ſah, daß meine Dazwiſchenkunft ihn erzürnte und leicht eine Hartnäckigkeit hervorrufen konnte, von der ich wußte, daß ſie in ſeiner Natur lag. Er war ſolch' ein ver⸗ dorbenes Kind des Glückes, daß ich meinte, ich müſſe ihn allein laſſen, damit ſeine Leidenſchaft ſich abkühle. Widerſpruch feuerte ihn an.“


