Jahrgang 
1 (1879)
Seite
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Concordia.

hinſandte, um ihn zu mir zu führen, haben ihn verfehkt. Dennoch ſoll er ſich in der hieſigen Gegend noch aufhalten; wollen Sie mir dazu behilflich ſein, den armen Mann auf⸗ zuſuchen?

O, von ganzem Herzen, Herr Walther!

Nun denn, ſo hören Sie!

Er beſchrieb ihm den alten Blumau ſo gut es ihm mög⸗ lich war, und nachdem er Werner die größte Vorſicht an⸗

empfohlen, verabſchiedete er ſich, ſeinen Beſuch ſchon am nächſten

Abend in Ausſicht ſtellend.

Mutter! rief Werner, nachdem Edgar das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, indem er die mit zum Himmel gewendetem Dankesblick daſitzende Frau an ſein Herz zog,wie recht hatteſt Du, als Du mir geſtern ſagteſt:

Vertrau' auf Gott, laß ſeine Hand nur walten, Ein einz'ger Augenblick kann Alles umgeſtalten.

Beide hielten ſich lange und innig umſchlungen.

Wo bleibt denn Bertha? fragte Werner nach einer Pauſe leichthin.

Sie wollte eine Freundin beſuchen, entgegnete die Mutter.

Oder einen Freund?

Du thuſt Bertha unrecht, Ernſt.

Sollteſt Du wirklich nicht wiſſen, Mutter, daß Bertha, während Du Dir die Finger wund nähſt, heimliche Zuſammen⸗ künfte mit einem Schurken hat, dem auf der Welt nichts heilig iſt?

Ernſt! rief erſchrocken die Mutter.

Ja, ja, ſo iſt's! Sieh', Mutter, fuhr er fort,als ich vorhin hinter dem Garten entlang ging, hörte ich in der Laube Geflüſter; ich lauſchte und erkannte die Stimmen Bertha's und des Hofraths von Salfeld.

Großer Gott! rief die Mutter aus, und nach einer Pauſe fügte ſie hinzu:Ernſt, ich ſollte es Dir auf Bitten Bertha's verſchweigen aber jetzt muß ich reden. Bertha hat die Fürſprache des Hofraths zu Deiner Befreiung an⸗ gerufen. Seinem Einfluſſe und Bertha's Bitten danken wir es, daß Du uns zurückgegeben biſt!

Ernſt ſchlug ſich mit der Hand an die Stirn und rief:

O, mein Gott! ich fürchte, Bertha hat mir die Freiheit um einen furchtbaren Preis erwirkt!

Beruhige Dich, Ernſt! bat die Mutter.

Beruhigen? Soll ich ruhig zuſehen, wenn meine Schweſter an einem jähen Abgrunde ſteht? Ich kenne den Hofrath nur zu gut, er iſt ganz das Ebenbild ſeines ſchurkiſchen Vaters! Nein, nein, ich hole ſie herauf!

Er griff nach dem Hute, um in den Garten hinabzugehen, als Bertha eintrat.

Wo warſt Du, Schweſter? fragte Ernſt forſchend.

Tiefe Röthe bedeckte ihr ſchönes Geſicht, als ſie entgegnete:

Ich war bei einer Freundin.

So?

Zweifelſt Du etwa daran?

Allerdings thue ich das!

Ich bin doch nur wegen wegen des Verdienſtes aus⸗

gegangen ſtotterte ſie. Des Verdienſtes wegen? rief Ernſt heftig;giebt Dir etwa der Hofrath von Salfeld zu verdienen? verhandelſt Du in der Laube mit ihm wegen Arbeit? Bertha warf ſich ſchluchzend an die Braſt der Mutter.

Ernſt aber fuhr fort:

Gott ſei Dank, Du kannſt noch erröthen! Dies läßt mich hoffen, daß Dir Deine Ehre und Tugend höher ſteht als das Geplauder eines ehrloſen Buben.

Bruder, der Hofrath meint es ehrlich mit mir! rief Bertha unter Thränen. 3

O, über die Verblendung! entgegnete Ernſt erregt.Ich ſage Dir, er iſt ein Schurke! Schyeſter, Schweſter, fuhr er milder fort,traue dieſer Brut nicht! Wiſſe, daß unter den ſchillerndſten Blumen oft die giftigſten Schlangen ſitzen. Wehe dem Bethärten, der, von dem Glanze gelockt, die Blume ſein eigen nennen will, er wird gar bald den giftigen Zahn der Schlange ſpüren!

Er ging auf ſeine Schweſter zu, hob ſie vom Buſen der Mutter empor, umſchloß ſie mit ſeinen Armen und ſprach bewegt:

Bertha, ich weiß, daß ich Dir meine Freiheit verdanke; aber ſage mir, kann ich Dir ſo ganz von Herzen danken, kannſt Du mich noch wie ſonſt mit Deinen lieben, treuen Augen anblicken?

Sie hob das thränenumſchleierte Auge zu ihm empor und ſprach:. Bei Gott, Bruder, ich kann es!

Er küßte ſie auf die Stirn und ſprach:.

Gott ſei Dank, Schweſter! Ich glaube Dir! Für das Weitere laß mich ſorgen! Du darfſt wohl glauben, daß es Niemand ſo gut mit Dir meinen kann, als Deine Mutter! und ich! Aber deshalb iſt es auch meine Pflicht, Dich vor den Klippen zu warnen, vor denen Du ſtehſt, und ich danke Gott, daß es hierzu noch nicht zu ſpät iſt. Und nun laßt! uns ſchlafen gehen und Gott danken, der uns heute ſo unver⸗ hoffte Hilfe geſandt und der trübe Wolken von dem Himmel unſeres Familienglückes ferngehalten hat.

Bald darauf ſchlummerten alle Drei in ſüßem Frieden, und der Mond, der durch die kleinen Fenſter hineinſchaute, hatte wohl lange keine ſo glücklichen Menſchen geſehen als dieſe.

Ach, wie verſchieden ſpendet doch der Schlummiergott ſeine Gaben! Wie ſpärlich hatte er ſie in der Familie des Kauf⸗ manns Elsner vertheilt; dort ſchloß ſich kein Auge, denn Alle ſahen einem ernſten und ſchweren Tage entgegen. Das Ver⸗ fahren war mit unerhörter Eile gegen Elsner eingeleitet und fortgeſetzt worden, und da es ihm unmöglich war, die hohen Summen für den Augenblick zu beſchaffen, ſollte zur Exekution geſchritten werden..

Elsner ſaß noch immer am Schreibtiſche, als ſchon ein lichter Streifen in Oſten den nahenden Tag verkündete..

Er ſah bleich und verſtört aus. Das halb ergraute Haupt auf die Hand geſtützt, ſaß er in tiefen Gedanken da, und endlich, nach einem tief aus der Bruſt ſteigenden Seufzer, murmelte er:

Nun, wie Gott will! Mag Alles verloren ſein, das Bewußtſein, als ehrlicher Mann gehandelt zu haben, können ſie mir doch nicht nehmen.

Wieder ordnete und ſchrieb er..

Es mochte gegen neun Uhr Vormittags ſein, als er an das Fenſter trat, und wieder ſtieg ein Seufzer aus ſeiner Bruſt, als er den Sekretär des Geheimraths von Salfeld und einige Gerichtsbeamte auf ſein Haus zuſchreiten ſah..

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