90 Concordia.
Elsner nahm das ihm dargereichte Schriftſtück in Empfang und gab dem Diener Auftrag, ſeine Frau und Tochter herbei⸗ zurufen.
Als der Diener ſich entfernt, öffnete er die Zufertigung.
Sie enthielt eine Aufſorderung, binnen 24 Stunden die Mündelgelder bei der Obervormundſchaft zu deponiren, und eine Verſetzung in Anklageſtand wegen Vevuntreuung.
„Schnelle Juſtiz!“ murmelte er; endlich erhob er ſich, und langſam im Zimmer auf⸗ und abgehend, ſprach er:
„Ich habe heute viel verloren— vielleicht Alles.— Ich bin tief gebeugt, aber noch iſt mein Muth nicht ganz geſunken. Was mich am härteſten beträfe, ſteht mir noch bevor!— Wenn ich mich in Weib und Kind geirrt hätte, wenn Du noch verwundet würdeſt, mein armes Herz— wenn ich ſie nicht fände, wie ich erwarte, o, Gott, dann ende mit mir!“
In dieſem Augenblicke trat Frau Elsner ein.
„Mein Gott, was iſt Dir, lieber Karl? Du ſiehſt ſo blaß, ſo verſtört aus!“ rief ſie, ſeine Hand erfaſſend.
„Du wirſt es gleich hören, liebe Marie— doch wo bleibt Agnes?“
„Der Hofrath von Salfeld war eben bei ihr, doch wird ſie gleich kommen.“
„Der?— Und was konnte er ihr zu ſagen haben?“
„Es wird nichts Bedeutendes geweſen ſein. Doch der alte Trenkler war heute ſchon einige Male hier, lieber Karl, haſt Du ihn geſprochen?“
„Ja— gut, daß Du darauf kommſt⸗. eine Unternehmung vor, wozu mein Vermögen kaum ausreicht. Ich muß mir daher durch große Einſchränkungen ein anſehn⸗ liches Kapital ſichern—
„Von Herzen gern, lieber Mann, von unſerer Seite kannſt Du auf Alles rechnen. Beſtimme nur, wie es Dir am beſten ſcheint.“
„Ihr würdet Euch viel verſagen müſſen—
„Wenn es nöthig iſt, immerhin.“
In dieſem Angenblicke trat Agnes ein. Sie war bleich, und das von Thränen geröthete Auge auf den Vater richtend, fragte ſie mit bebender Stimme:
„Iſt es wahr, mein Vater?
Höre— ich habe
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o, ſagen Sie, iſt es wirklich
wahr?“ „Was, mein Kind?“ fragten die Eltern faſt zugleich. „Treulos— beſchümpft— und o, mein Gott, ich liebte
ihn doch ſo innig!“
„Weißt Du Dein Unglück ſchon?“ fragte der Vater ernſt. „Ja es iſt wahr; Arthur heiratet die Tochter des Geheimraths von Salfeld. Das arme Kaufmanns⸗Mädchen wird ausgelacht! — Das iſt Dein Unglück— nun höre auch das meine.— Der ehrliche Trenkler iſt geſtürzt— ich war für ihn Bürge und bin— bankerott!“
„O, mein Gott!“ rief Frau Elsner.
Agnes aber ſchien es nicht gehört zu haben, was der Vater
ſprach; ſie fuhr fort: „Ach, ſie kann ihn nicht ſo lieben, wie ich ihn liebe.— Warum lehrte er mich Gefühle kennen, die mir fremd waren? — Warum ſchwur er mir unter heiligen Berheuerungen eine Liebe, die er nicht fühlte?“
„That er das?“ wirklich?“
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rief der Vater heftig,„that er das
ch, unzählige Ma⸗
„Nun, ſo will ich den Meineid ſtrafen, oder—“ „Karl, Du wirſt doch nicht den Geheimrath noch mehr er⸗ bittern wollen?“ bat die Frau, und die Tochter fügte hinzu:
„O, mein Vater, auf mich laſſen Sie alles Elend fallen! Laſſen Sie mich meinen Jammer allein tragen; zürnen Sie auf mich, aber nicht auf ihn.— Ach, er iſt unglücklich genug, darum laſſen ſie ihn.“
„Gut denn! Möge er Deiner Einfalt ſpotten, Deiner phan⸗ taſtiſchen Liebe in den Armen einer Anderen lachen!— Ver⸗ giß über den Böſewicht, der ſich nicht ſcheut, mich wegen Ver⸗ untveuung in Anklageſtand verſetzen zu laſſen, Deinen älteſten Freund, Deinen Vater!— Schwärmſt Du höher für einen Schurken, als Du Deinen Vater liebſt, ſo gehe hin, tändle im Mondenſcheine, phantaſire in Deiner Romanenwelt indeß Dein Vater troſtlos bettelt!“
Er ſtürzte hinaus.
Die Gattin wollte ihm nacheilen, allein ſie mußte der Tochter zu Hilfe eilen, welche ohnmächtig niederſank.
5. Kapitel. Ein Verführer.
An demſelben Abende ſchlich ſich Franz, der Sohn des Ge⸗ heimrathes von Salfeld, nach einem einſamen Häuschen der Vorſtadt.. 1
Vorſichtig ging er um das baufällige und dürftige Haus herum, ſchlich, wie es ſchien, mit dem Terrain vollſtändig bekannt, nach dem kleinen das Haus umſäumenden Gärtchen und nahm in einer primitiven Laube Platz.
Er hatte kaum einige Minuten dageſeſſen, ſo öffnete ſich leiſe die Hinterthür des Hauſes und ein junges Mädchen eilte ebenfalls der Laube zu.
„Du biſt pünktlich, Bertha, ich danke Dir dafür,“ ſprach Franz, indem er das Mädchen an ſeine Bruſt zog.
„Ach, Geliebter,“ flüſterte das Mädchen, ohne ſich ſeinen Zärtlichkeiten zu entziehen,„ſo ſehr ich auch einſehe, daß ich unrecht handle, ſo habe ich doch nicht die Kraft, Deinen Bitten um eine Zuſanmenkunft zu widerſtehen. Bin ich Dir doch ſo viel Dank ſchuldig, daß ich den Bruder, der Mutter einzige Stütze, zurückempfing.“
„Es hat viel Mühe gekoſtet, Bertha, Deinem Bruder, den der Fürſt bereits aus dem Lande verwieſen hatte, Begnadigung zu erwirken. Nur aus Liebe zu Dir habe ich Alles aufgeboten, ihm, der meinen Vater ſo ſchwer beleidigt hat, die Freiheit zu erwirken.“
„Ach, aber es war doch auch Dein Vater, der uns und ihn ſo namenlos unglücklich gemacht hat.“
„Laß das, Bertha, Du haſt ihn ja wieder! Jetzt laß uns von unſerer Liebe ſprechen und uns der wonnigen Gegenwart freuen.“
„Ach, ich weiß nicht, wie es konunt, mir iſt jedesmal ſo namenlos bange, wenn Du bei mir biſt.“
„Warum, Geliebte?“
„Sieh', Franz, ich glaube Deinen heiligen Schwüren, Deinen Verſicherungen, daß Du es treu mit mir meinſt, daß Du mich armes Mädchen nicht täuſcheſt.— Aber wird Dein ſtolzer Vater eine Heirat zwiſchen uns zugeben?“
„Dafür laß mich ſorgen, Bertha,“ entgegnete der Hofrath, jetzt laß uns die wenigen Augeublicke, die wir beiſammen
„ebn!
ſein können, genießen.“
„
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