88 Concordia.
Mädchen hinauf und laß uns zu Mittag eſſen, heute habe ich über dieſes Kapitel vollauf genug gehört.“
Mit einem Seufzer ging er hinaus nach ſeinem Ankleide⸗ zimmer.
7. Kapitel. Betronel's Tagebuch.
Genau entſinne ich mich nicht mehr, wie und wann mir mitgetheilt wurde, daß ich fortan beim Vetter Ulih und bei deſſen Schweſter bleiben ſollte; ich weiß nur, daß ich hoch⸗ erfreut darüber war. Ich hatte auch von einem Landgute in der Nachbarſchaft ſprechen hören, das Frampton hieß und wo meine Mutter in ihrer Jugend gelebt haben ſollte, und war ſehr in Sorgen, daß ich dahin geſchickt werden könnte, um mit vornehmen, ſtolzen Verwandten, die daſelbſt lebten, zu verkehren, denen ich vielleicht völlig gleichgiltig war und zu denen ich kein Vertrauen hatte. Die Couſine Marcia liebte mich zwar auch nicht, das war mir von Anfang an klar, doch ihr Weſen genirte mich weiter nicht, wenn es auch noch ſo ſteif war— ich war keck und verwegen und ſo leicht nicht einzuſchüchtern. Für den Vetter Ulih aber, den ich allerdings nur ſehr ſelten ſah und der wenig Notiz von mir nahm, hegte ich eine Anhänglichkeit, die geradezu an Verehrung ſtreifte. Die erſten Tage in Rockbury vergingen natürlich trüb für mich, ich konnte die liebe, verſtorbene Mutter nicht vergeſſen, und immer ſtand mir das Bild vor den Augen, wie ſie ſo blaß und ſtill auf ihrem Lager in Saltpool lag. In meiner Betrübniß ward ich verſchloſſen und zurückhaltend; die Couſine aber hielt es für ſchlechte Laune und überließ mich deshalb ganz mir ſelbſt oder der Aufſicht des Mädchens, das Pinner genannt wurde. Sehr aufgeregt ward ich bei der Ankunft meiner Trauerkleider, die gerade am Begräbniß⸗ tage meiner theuren Mutter anlangten; der ſchwarzſeidene Rock wurde getränkt von meinen heißen Thränen, doch da ich nie ſo ſchöne Kleider getragen, konnte ich trotz meines Weinens nicht umhin, ſie mir genau zu beſehen und zu bewundern. Nach unſerer gewöhnlichen Hausordnung wurde ich zu den Mahlzeiten des Geſchwiſterpaares nie zugelaſſen. Morgens frühſtückte ich mit der Couſine in deren Stube, Mittags aß
ich allein am Frühſtückstiſch, wozu der Vetter ſehr ſelten kam,
und Thee trank ich oben mit Pinner, während unten dinirt wurde. Bald nachher kam dann gewöhnlich der Diener Wheeler mit der Beſtellung, der Herr Doktor ließe mich er⸗ ſuchen, herunterzukommen. Da ließ ich mir dann das Haar etwas in Ordnung bringen, eilte, dem Rufe zu folgen, und blieb unten bis zum Schlafengehen. Nach den erſten Begrüßungen ſprach der Vetter Ulih faſt nie mit mir, zeigte ſich jedoch bei jeder Gelegenheit freundlich; den größten Theil der Zeit ſaß ich dort ſtill bei einem Buche oder bei einer Handarbeit, und ſprach nur dann, menn ich angeredet wurde. Welch' ein himmelweiter Unterſchied⸗ wiſchen dieſem Leben und meinem früheren voll unbegrenzter Freiheit und harm⸗ loſer Glückſeligkeit! In dieſer Art bl. lieb es jedoch nur während der erſten Tage, wo ich ſo trüb war und mich in den neuen Verhältniſſen fremd und ſcheu fühlte; bald aber, nachdem ich etwas bekannter mit Land und Leuten geworden, 8 Weſen zurück. Am reler mit der Beſtell⸗
iel ich unwillkürlich in mein
333o Hegräbnitzkag er Mütier kam
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ung, Miß Ford ließe mich erſuchen, herunterzukommen, und als ich kam, fand ich ſie, allein am Tiſche ſitzend, auch ganz in Schwarz. Die gemeinſame Trauer brachte mich ihr näher und auch ſie ihrerſeits ſchien mir herzlicher wie gewöhnlich, als aber ſpäter ihr Bruder eintrat, war ſie wie umgewandelt. Dieſer kam haſtig in's Zimmer, legte ſeinen Hut, an dem ich ebenfalls einen breiten Flor bemerkte, auf den Nebentiſch und verzehrte in aller Stille ſein Mittageſſen, das für ihn warm⸗ gehalten war. Wenngleich ich wußte, daß er in Saltpool zur Beerdigung der Mama geweſen war, konnte ich mich doch nicht überwinden, ihm dafür zu danken, legte nur mein Buch zur Seite, rückte meinen Stuhl ihm ſo nahe als es ging und ſah ihm unverwandt in's Geſicht in der Erwartung, daß er mich anreden würde. Er drehte ſich auch mir zu und ſah mich an, doch als er ſich haſtig wieder abwandte, fürchtete ich ſchon, in irgend einer Weiſe ſein Mißfallen erregt zu haben; im nächſten Augenblick ſagte er aber, indem er mir auf die Schulter klopfte:
„Nun, kleine Dame, kannſt Du heute keine Lektüre finden, die Dich anzieht?“
Ich ſprang auf, um mich an ſeinem Tiſche hinzuſetzen, und hörte dabei, wie ſeine Schweſter ihn in flüſterndem Tone fragte:
„Haſt Du ſchon die Zeitungen durchgeſehen?“
„Ja,“ antwortete er kurz.
„Und keine Antwort auf Deinen Aufruf, keine Adreſſe?“
„Nichts!“
„Das iſt doch ſonderbar, faſt unerklärlich! Du wirſt doch nicht nachlaſſen mit Deinen Annoncen?“
„Ich weiß nicht. Bitte, davon.“
Ich merkte wohl, daß das Geſpräch der Geſchwiſter mich anging und daß ſie dabei verſchiedener Anſicht waren, doch als ich mich an ihrem Tiſch niederſetzte, ſchwieg ſie mäuschen⸗ ſtill und er fuhr bei ſeiner Mahlzeit fort. Ich brannte natürlich vor Neugierde, etwas zu erfahren.
„Soll ich fort von hier?“ fragte ich ſchüchtern, ihn am Aermel zupfend.
Er wandte ſich zu mir und ſah mich unendlich freund⸗ lich an.
„Nein, Kind, Du bleibſt bei uns!“
„Gottlob, dann bin ich glücklich!“ rief ich hocherfreut aus, er aber erwiderte weiter nichts, ſein Auge flog nur nochmals über meinen Anzug.
Couſine Marcia's Weſen jedoch wurde plötzlich ſehr ver⸗ ändert, ſie fuhr auf und redete mich ſo heftig an, daß ich ſchon beſorgt war, etwas verbrochen zu haben.
„Komm', Petronel,“ rief ſie aus, als die Uhr gerade Neun ſchlug und Pinner ſich in der Thür zeigte,„es iſt Zeit zum Zubettgehen, laß das Mädchen nicht warten!“ Dabei wollte ſie mich aus der Stube ſchieben, ohne ihrem Bruder Gute Nacht gewünſcht zu haben.
„Darf ich— ihm nicht Gute Nacht ſagen?“ bat ich; ich wußte immer noch nicht, wie ich ihn anreden durfte.
„Bitte, Ulih, beſtimme doch endlich, wie Petronel Dich anreden und wie ſie von Dir ſprechen ſoll,“ ſagte ſie, während er mich auf die Stirn küßte;„es geht unmöglich länger, daß ſie ſtets von„dem Herrn“ oder von„ihm“ ſpricht.“
ſprich mir heute nicht weiter
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