Jahrgang 
1 (1879)
Seite
87
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anzurechnen, daß er es über ſich vermochte, ſeine Erwiderung ſo zu faſſen, daß keine Reizbarkeit und Empfindlichkeit darin lag.Sollte ich genöthigt ſein, Deine Beihilfe in Anſpruch zu nehmen, ſo werde ich es thun, doch Du weißt ja, ich habe wenig Gelegenheit, Geld auszugeben, und kurzum, wenn ich dieſe Sorge überhaupt übernehme, ſo thue ich es gern allein und ohne fremde Hilfe und Zwiſchenreden.

Gut, gut, Ulih, thue, was Du willſt, doch vergiß nicht, daß ich mich dazu erbot, und laß dieſe Angelegenheit keinen⸗ falls ſtörend auf unſer gutes Einvernehmen einwirken. Deine Beſuche hier ſind uns zu lieb, als das wir ſie entbehren möchten. Hätte ich doch vor vierzehn Jahren die Dinge etwas kommen ſehen! Doch wir werden nicht vergeſſen, daß am Donnerstag drei Uhr die Beerdigung ſein wird. Arme Ciſſy, wer hätte das gedacht!

Hiermit erhielt der Doktor die Erlaubniß, zu gehen und nach Rockbury zurückzukehren, während die Verwandten, Jeder nach ſeiner Art, ihr Erſtaunen darüber ausſprachen, wie der gute Vetter Ulih ſich ſo menſchenfreundlich gegen Ciſſy's Kind benehme.

Was nun Ulih ſelbſt anbetraf, ſo wußte dieſer kaum, was er von Allem denken ſollte. An die Möglichkeit, daß Sir Lionel ſich ja offen und beſtimmt weigern könnte, ſein Groß⸗ kind anzuerkennen, hatte er nie gedacht, und doch war es ge⸗ ſchehen; und da ſaß er nun in ſeinem Wagen auf der Rück⸗ fahrt nach Rockbury und hatte die Sorge für Petronel Fleming auf ſeinen Schultern, und zwar zweifelsohne für immer, denn der Fall, daß der ehrloſe Vater ſie je reklamiren würde, war nicht wahrſcheinlich. Obgleich er der ſterbenden Ciſſy verſprochen, für ihr Kind zu ſorgen, ſo ſchien es ihm doch, als ob jetzt erſt die Pflichten der Vormundſchaft ihm übergeben ſeien. Doch er bereute ſein Verſprechen nicht und ſcheute auch nicht vor der übernommenen Verantwortung zurück, wenngleich er im Voraus ſah, daß dieſe ihm eine Quelle mancher Laſt werden könnte.

Der tägliche Anblick der Tochter Fleming's war eine Qual für ihn, doch eine noch größere würde es ihm geweſen ſein, wenn er es hätte erleben müſſen, daß ſie auf die Gnade anderer Mitmenſchen angewieſen würde. Daran, was die Welt, die immer gleich mit ihrem Urtheile bei der Hand iſt, ſagen würde, wenn er Ciſſy's Kind adoptiren ſollte, dachte er weiter nicht, das war ihm völlig gleichgiltig, doch er war im Intereſſe des Kindes neugierig, wie Marcia die Sache aufnehmen würde, und ſo ſchickte er denn auch, um hierüber klar zu ſehen, gleich nach ſeiner Rückkehr zu ihr und ließ ſie bitten, nach ſeinem Zimmer zu kommen.

Was macht das Kind? fragte er ohne Weiteres die Ein tretende.

Das Kind? gab Marcia zurück.Ulih, wenn Du von Ciſſy Fleming's Tochter ſprichſt, kannſt Du unmöglich den AusdruckKind noch gebrauchen, ſie iſt ja faſt ſo groß wie ich.

Und hierin hatte ſie nicht unrecht; an Größe und Höhe hatte die junge Couſine wirklich das Glück, der Tante zu gleichen.

Wie geht es denn Petronel?

Nun, vollſtändig gut, wie ich nicht anders weiß. Doch unerklärlich iſt es mir, wie man ihr dieſen ausländiſchen

A

ſtedt'ſchen Familie kommt. ſtill und verdrießlich; ich gab ihr daher einige Bücher und ſchickte ſie ſpäter zum Eſſen nach dem Speiſezimmer. Wie ich eben ſehe, iſt ſie dort auf dem Sopha eingeſchlafen. Haſt Du denn Sir Lionel und Tante Mary geſehen?

Die Frage berückſichtigte Ulih weiter nicht und beſchäftigte ſich eifrig damit, ſeinen Schreibtiſch aufzukramen.

Das arme Kind wird wohl ſehr entkräftet ſein nach all dem Weinen und nach den Anſtrengungen des heutigen Tages. Es wäre gewiß das Beſte, Du brächteſt ſie baldmöglichſt zu Bett.

Bei dieſen Worten richtete Marcia ſich erſtaunt auf.

Soll ſie denn hier ſchlafen? Das ſcheint mir doch nicht nöthig, es iſt ja noch ſo früh am Tage, daß ſie heute noch leicht Frampton erreichen kann.

Vielleicht auch nicht, denn ſie geht überhaupt gar nicht nach Frampton. Sir Lionel weigert ſich, ſie aufzunehmen und anzuerkennen.

Ulih!

Ja, das ſcheint Dir wohl undenkbar? Ich hielt es für⸗ wahr auch nicht für möglich, daß Jemand in dieſer Angelegen⸗ heit ſo wenig Gefühl zeigen könnte, und doch war es der Fall. Die Sache iſt abgemacht!

Was ſoll denn überhaupt mit dem Mädchen geſchehen, wenn es auch vorläufig dieſe Nacht hier ſchläft?

Sie bleibt hier bei uns, bis ihr Vater kommt, ſie ab⸗ zuholen was aber wohl nie der Fall ſein wird.

Sie bleibt hier? ſoll mit Dir und mir leben?

Es wäre unmöglich, das Erſchrecken und den Unwillen wiederzugeben, der ihre Stimme durchzitterte, als ſie dieſe Worte hervorſtieß.

Ja, gewiß, mit Dir und mir! ſterbenden Mutter für den Fall, weigern ſollten, ſie aufzunehmen.

Ich gelobte dieſes ihrer daß ſich die Großeltern

Doch wenn dieſe ſich weigern, warum ſoll denn uns ge⸗ rade dieſe Laſt aufgebürdet werden? Welche Anſprüche hat denn das Kind an uns an Dich?

Marcia hätte noch länger in der Art fortgeſchwatzt, wenn Ulih ſich nicht zu ihr gewandt und ſie angeblickt in einer Art, die ihr hinlänglich bekannt war. Die Feſtigkeit, die ſich in dem Blick ausſprach, duldete keinen Widerſpruch und ſchnitt alle weiteren Gegenvorſtellungen ab. Sie fügte ſich deshalb ohne Widerreden.

Wo ſoll ſie denn ſchlafen? fragte ſie beſcheiden.

Das iſt ja gleichgiltig, Du wirſt doch irgend ein paſſen⸗ des Plätzchen für das Kind haben. Richte es nach Deinem

Gutdünken ein, wenn Du nur dabei ſein Wohl im Auge

haſt. Und nun noch Eins, Marcia! Ich denke, Du ſorgſt auch dafür, ſo bald als möglich einen Traueranzug anzuſchaffen, ebenſo, daß Petronel von Kopf bis zu Fuß gut ausgerüſtet wird; ich wünſche, daß dabei nichts geſpart wird.

Soll ich denn für ein Kind in ihren Jahren Krepp oder Seide nehmen? Von Eueren Toilettenſachen weiß ich nichts, doch nimm,

was für das Kind paſſend iſt. Und jetzt, Marcia, ſchicke das