Jahrgang 
1 (1879)
Seite
86
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86 Concordia.

Und Du übernahmſt es, ihren Wünſchen nachzukommen?

Ja, gewiß! Was blieb mir anders übrig? Das arme Kind wäre ja ſonſt ganz verlaſſen geblieben; ich brachte es mit nach Rockbury, und dort iſt es ſeit heute Morgen in meinem Hauſe. Es iſt ein hübſches, geſundes junges Mäd⸗ chen, auf das jede Familie ſtolz ſein kann.

Stolz? rief Sir Lionel aus, und dabei ſah man alle Sanftmuth, die er bei Empfang der Todesnachricht gezeigt, wie mit einem Zauberſchlage aus ſeinen Mienen verſchwinden, und Zorn und Empörung ſpiegelten ſich darin.Ford, Du willſt uns Halſtedt's doch nicht zumuthen, auf einen Fleming⸗ ſchen Sprößling ſtolz ſein zu ſollen? Vergißt Du denn, weſſen Kind es iſt und weſſen Blut in ſeinen Adern fließt? Nein! Meine Tochter hätte Alles von mir verlangen können, nur dieſes nicht! Nie werde ich dulden, daß David Fleming's Kind mein Haus betritt, und nimmer werde ich dieſes als mein Großkind anerkennen. Selbſt wenn der Vater todt wäre, würde ich mich dazu nicht haben entſchließen können, nun dieſer aber noch lebt und jeden Augenblick mit ſeinen Anſprüchen hervortreten kann, iſt es mir vollſtändig unmöglich. Davon will und mag ich nichts hören!

Dieſe Eventualität deutete ich der Frau Fleming an und darauf erwiderte ſie mir, ihr Gatte ſei ihr auf⸗ und davon⸗ gegangen, ſei todt, wie ſie es nicht anders wiſſe, und würde Euch nie läſtig fallen.

Wer ſteht uns hierfür ein? antwortete Sir Lionel heftig.Und wenn dem auch ſo wäre, hat er uns durch die ganze unſelige Geſchichte während der verfloſſenen vierzehn Jahre nicht ſchon Trübniß genug gebracht? Und nun will man noch von uns verlangen, ſein Kind, ſein Fleiſch und Blut, bei uns aufzunehmen und uns täglich neue Qualen durch deſſen Anblick zu bereiten? Nein, davon will ich nichts hören! Meine Tochter war eine Halſtedt, ſie gehörte zu uns, doch ihr Kind iſt eine Fleming, ich ſage mich davon los für jetzt und für immer! Nach dieſem Ausſpruche lehnte ſich Sir Lionel erſchöpft und zitternd wieder zurück und ſchwieg.

Ulih wandte ſich zu den übrigen Mitgliedern der Familie, um deren Anſichten zu hören.

Ich denke, Sir Lionel hat vollſtändig recht, Ulih, ſagte Lady Halſtedt mit kläglicher Stimme;wenn unſere arme Ciſſy noch lebte, wäre es ein ander Ding, nun ſie aber todt iſt, wäre es doch auffallend, wenn wir, nachdem wir die gan⸗ zen Jahre hindurch unſere Würde bewahrt haben, nun darin einwilligen wollten, das Kind Fleming's aufzunehmen; damit würden wir uns ja gewiſſermaßen damit einverſtanden erklä⸗ ren, ihn ſelbſt zu empfangen, wenn es ihm einfallen ſollte, ſich zu zeigen.

Und was ſollten wir mit dem großen Mädchen hier bei uns anfangen? ſagte Miß Halſtedt.

Für das arme Kind ſcheint es mir aber doch ſehr hart! bemerkte der Major,und doch muß ich dem Papa Recht geben in ſeiner Anſicht, daß es für unſere Familie ſehr fatale Verwickelungen herbeiführen könnte, wenn wir die Rechte des Kindes öffentlich anerkennen wollten. Wir können doch nie mit dem Vater in irgend einen Verkehr treten, und wer ſteht uns dafür ein, daß dieſer nicht über kurz oder lang verſuchen würde, durch das Kind eine Preſſion auf uns auszuüben? llih, Du wirſt mir einräumen, wenn wir heute das Kind

anerkennen, können wir es morgen nicht gut verleugnen. Vielleicht finden wir unter Ciſſy's Papieren die Adreſſe Fleming's, oder wenn nicht, ſo muß er durch öffentliche Auf⸗ rufe in den Zeitungen aufzufinden ſein; was ſagſt Du dazu, Ford? Laßt uns verſuchen, ihn auf dieſe Art und Weiſe aufzufinden, dann kann er ſagen, was mit dem Kinde geſchehen ſoll. Unmöglich kann er uns die Laſt, dafür zu ſorgen, auf⸗ bürden.

Und inzwiſchen kann dieſes verhungern! rief Ulih Ford aus, denn er war empört über den Mangel an Gefühl, den Ciſſy's Verwandte zeigten. Eben hatten ſie die Nachricht ihres frühzeitigen Todes empfangen, und nun ſchon war alle Be⸗ wegung verzehrt durch die Furcht, man könne ihnen zumuthen, ihr Kind anzuerkennen und dafür zu ſorgen.

Das Kind fände wohl Aafnahme in einem Arbeitshauſe, wo alle Armen untergebracht werden.

Dein Großkind im Arbeitshauſe?

Mein Großkind iſt es nicht, ein⸗ für allemal! Ich habe es nie als ſolches anerkannt und werde es nie thun!

Gut dann! ſagte der Neffe, ſich ruhig erhebend.Wenn dieſes Dein letzter Beſcheid iſt, kann ich nichts mehr dagegen ſagen und brauche meine Zeit hier nicht länger zu verſchwen⸗ den; für das Mädchen wird geſorgt werden, darüber könnt Ihr ruhig ſein, ich verſprach es der ſterbenden Mutter, da⸗ für zu ſorgen, wenn Ihr Euch weigern ſolltet, es auf⸗ zunehmen.

Hätteſt Du wirklich die Abſicht, es bei Dir in Deinem Hauſe aufzunehmen? fragte Lady Halſtedt erſtaunt.

Darüber habe ich weiter noch nicht nachgedacht, doch ich denke, mein Wort zu halten; das Weitere findet ſich mit der Zeit.

Ford, Du biſt ein braver Menſch! ſagte der Major herzlich, ging am Kamin vorbei zu ſeinem Vater und flüſterte dieſem einige Worte in's Ohr.

Halt, Ford! rief Sir Lionel dieſen zurück, wie er gerade im Begriff war, das Zimmer zu verlaſſen.Bitte, noch für einen Augenblick! Du weißt, daß es ſich nie mit meinen Grundſätzen und Rechtsanſichten vereinigen laſſen würde, das kleine Mädchen hier in Frampton aufzunehmen und die Welt das Unerhörte erleben zu ſehen, daß ich ein Kind Fleming's mein Großkind nennte; auf der anderen Seite aber kannſt Du Dir auch denken, daß es mir nicht angenehm ſein kann, wenn Du dadurch in Unkoſten gebracht wirſt. Sollten daher die Aufrufe unberückſichtigt bleiben und Deine Schweſter die Gefälligkeit übernehmen, für Trauerkleider zu ſorgen und das

Kind in einer Penſion unterzubringen, ſo verſteht es ſich von

ſelbſt, daß ich die Koſten bezahle, bis für das Kind weiter geſorgt iſt. Doch ich mache dabei zur Bedingung, daß mir ferner nichts darüber zu Ohren kommt. Verwende für die Kleine ſoviel, wie Du für nöthig hältſt, da Du, wie Du uns eben ſagſt, es einmal übernommen haſt, für ſie zu ſorgen, wenn ich dieſes verweigere. Doch wenn es möglich iſt, nenne nie in meiner Gegenwart den Namen des Kindes.

Das iſt brav, rief der Major bewundernd aus,und gerecht und billig vom Papa gehandelt!

Ulih ſtand dabei und biß ſich auf die Lippen. Geduldig lauſchte er den Worten Sir Lionel's, die auf's Höchſte ſeine Gefühle beleidigten. In keinem Punkte war er ſo zart⸗ fühlend, wie gerade in Geldſachen, und es war ihm hoch