Jahrgang 
1 (1879)
Seite
85
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Concordia.

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Dann wünſche ich nichts davon zu hören! ſagte der Vater, indem er die Stirn runzelte und ſich von Ulih ab⸗ wandte.

Dooch dieſer fuhr gelaſſen fort:Vorgeſtern Abend erhielt ich ein Telegramm von Saltpool, das mich eiligſt dahin be⸗

orderte; ich folgte dem Ruf und blieb dort einige Stunden

Bitte, keine Details, unterbrach ihn Sir Lionel und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er alle weiteren Mittheilungen abwehren.

Ich fand Frau Fleming ſehr gefährlich krank, fuhr Ulih fort,und verließ ſie todt.

Er hatte abſichtlich dem hartherzigen Vater die Nachricht von dem Tode der Tochter ſo ſchnell mitgetheilt, da er hoffte, ſo ſein Herz zu rühren. Anfänglich ſchien es auch, als ſei es ihm gelungen. Sir Lionel richtete ſich auf, öffnete ſeine Augen, ſo weit es ging, ſtarrte ihn durchdringend an, als ob er ſich davon überzeugen wollte, ob auch Alles Wahrheit ſei, und fiel dann mit einem ſchwachen Schreckensausruf zurück in ſeinen Seſſel. Seine Gattin ſtieß einen Schrei unglaublicher Pein aus, griff zu ihrem Taſchentuch und brach in ein kin⸗ diſches Schluchzen aus, worin die Tochter ihrem Beiſpiele folgte. Der Major rief:Beim Jupiter! warf ſeine Zeitung bei Seite und ſprang vom Sopha auf, und Archibald näherte ſich dem Kreiſe der Seinen in der Erwartung, nähere Details über den Tod ſeiner Schweſter zu hören.

Todt! wiederholte Sir Lionel halb für ſich,todt! Wie iſt es möglich! Arme, arme Ciſſy!

Ol unſere liebe, theure Chiſſy! ſeufzte die Mutter,es iſt mir noch wie geſtern, wie ſie noch unter uns war, ſo glücklich, ſo unſchuldig!

Wo iſt denn der niederträchtige Fleming? fragte der Major mit halblauter Stimme, indem er ſeinen Bart drehte?

Du ſahſt doch, daß es ihr an nichts fehlte, Vetter? ließ ſich Archibald hören, und gerade dieſe Frage bot Ulih⸗ die Gelegenheit, auf die er gewartet.

Unglücklicherweiſe, fuhr er fort,rief man micch nur, um ſie ſterben zu ſehen; kaum eine Stunde nach meinem Eintreffen hauchte ſie ihr Leben aus. Sie hat dort offenbar in ſehr beſcheidenen Verhältniſſen gelebt, ſoweit ich mich jedoch davon überzeugen konnte, hat es ihr am Nothwendigſten nicht gefehlt.

War er denn bei ihr? fragte Sir Lionel mit gepreßten Lippen.

Nein, ich habe auch nicht in Erfahrung bringen können, ob er je in Saltpool geweſen iſt. Ich fand Frau Flemiing unter der Pflege eines Arztes, Namens Burrell, der annahm, daß ſie Wittwe ſei. Ich ließ mir Genaues von ihm berichten; danach iſt ſie ſchon ſeit mehreren Jahren ſehr zart und leidend geweſen..

Wovon lebte ſie denn? fragte der Major.

Wie ſollte ich das wiſſen? lautete Ulih's Antwort in einem Tone, der deutlich einen Vorwurf ausſprach.Meines Amtes war es nicht, für ſie zu ſorgen und nach ihr zu ſehen. Ihre Effekten und Sachen habe ich alle verſiegelt; wenn Ihr zur Beerdigung, der Ihr doch wohl beiwohnen werdet, geht, könnt Ihr ſehen, was darin vorhanden iſt und wie es bei ihr ſtand.

Er iſt an Allem ſchuld! flüſterte Sir Lionel.Er,

der niedriggeborene, hinterliſtige Böſewicht, der uns unſer

Kind ſtahl und zu Grunde richtete. Welche Frau von Geburt und Erziehung könnte auch die Schande, an einen Zeichen⸗ lehrer gefeſſelt zu ſein, überleben! Das allein genügte, ſie in's Grab zu bringen!

Die Urſache ihres Todes war eine Lungenkrankheit, er⸗ widerte der Doktor trocken,der ſie unter allen Umſtänden hätte erliegen müſſen. Daß ſie unter anderen Verhältniſſen glücklicher geweſen wäre, will ich nicht in Abrede ſtellen.

Ulih, rief Lady Halſtedt aus,Du willſt doch nicht be⸗ haupten, daß wir Cecilie nach dem Skandal, den ſie uns ver⸗ urſacht, hätten aufſuchen ſollen? Nein, das war unmöglich! Bedenke doch nur, er war ja ein gewöhnlicher Zeichenlehrer,

der von Haus zu Haus ging, um ſich ſein Brot zu verdienen.

Fürwahr, wie ich ihn für meine Töchter engagirte, hatte ich keine Ahnung davon, daß ich mit ihm Unglück und Trübſal in unſer Haus brachte. O, unſer theures Kind war damals ſo lieblich und fand ſo ungetheilten Beifall!

Sei ruhig und laß uns davon nicht ſprechen, unter⸗ brach ſie Sir Lionel;Ford, ich danke Dir herzlich für Alles, was Du in dieſer trüben Angelegenheit für uns gethan haſt, und bedauere tief, daß wir nicht früher von ihrem Krankſein gehört. Indeſſen da Du ſagſt, daß nicht mehr zu helfen war, müſſen wir es tragen, ſo gut es geht, und verſuchen, die ſchö⸗ nen Hoffnungen, die wir einſt hegten, zu Grabe zu bringen. Bei dieſen Worten zitterte die Stimme des alten Herrn, und er mußte einen Augenblick innehalten, um ſich zu faſſen. Wann, ſagſt Du, ſoll ſie beerdigt werden? nächſten Donnerstag? Gut; ob ich im Stande ſein werde, dazu hin⸗ zugehen, weiß ich nicht, doch Wilfred und Archibald werden dort nicht fehlen, und willſt Du ſie begleiten, ſo werde ich es als eine große Freundlichkeit für uns anſehen.

Ich hatte von vorn herein die Abſicht, hinzugehen. Dann übernimmſt Du wohl die Sorge für Alles, und

D achteſt darauf, daß die ganze Beerdigung ſo ausgeführt wird, wie es ſich für eine Tochter aus unſerem Hauſe ziemt? Doch nun, wenn ich bitten darf, laß uns davon nicht mehr ſprechen, ich leugne nicht, daß mich die Angelegenheit ſehr aufgeregt hat mehr, wie mir gut iſt. Dabei lehnte Sir Lionel ſich zurück und zog ſein Kinn hinter die hohe Halsbinde, während Lady und Miß Halſtedt von Neuem in Thränen ausbrachen.

Doch Ulih konnte hierin ſeinen Wünſchen nicht nach⸗ kommen, er hatte ja Ciſſy's letzten Auftrag an ihren Vater noch auszurichten und hielt den Augenblick dazu für günſtig.

Ich bedauere, lieber Onkel, Dich noch fernerhin behelligen zu müſſen, doch meine Pflicht zwingt mich, Einiges hinzu⸗ zufügen. Wie ich nämlich Deine Tochter anfänglich ſah, war ſie noch bei voller Beſinnung und legte mir noch einen Auf⸗ trag für Dich an's Herz.

So theile mir den mit!

Sie ſagte mir: Bringe mein Kind nach Frampton zu meinem Vater und ſage ihm, er möchte ſich deſſen er⸗ barmen, es hat ja ſonſt Niemanden auf der weiten Welt!

Doktor Ford wiederholte dieſe Worte langſam, indem er zwiſchen jedem Satze anhielt, um die Wirkung, die ſie bei dem Onkel und der Tante hervorbrachten, zu beobachten. Nachdem er geendet, herrſchte Todtenſtille.

Endlich, nach langer Pauſe, fragte Sir Lionel: