Jahrgang 
1 (1879)
Seite
84
Einzelbild herunterladen

Concordia.

6. Kapitel. ZDie Doktor Ford's Wohlwollen vergolten wurde.

Doktor Ford beſorgte an dem Tage ſeine Praris ſo eilig, als es nur möglich war; trotzdem war es ſchon Mittag, als er heimkehrte. Raſch wechſelte er ſeine Toilette, nahm ein einfaches Frühſtück zu ſich, hatte eine kurze Unterredung mit Auſtin und dem Herrn Elliott, der am Tage zuvor ihn bei⸗ ſeinen Patienten vertreten hatte, dann mußte er noch zwei dringliche Beſuche machen, noch einer Konſultation beiwohnen, auch im Hoſpital vorſprechen, und endlich war er ſoweit, daß er ſich in ſeinen Brougham werfen konnte, um nach Frampton zu fahren. Das Gut, das Sir Lionel Halſtedt be⸗ wohnte, war etwa fünf Meilen von Rockbury entfernt, die Straße dahin führte meiſtentheils durch Grundſtücke des be⸗ nachbarten Adels und war ſehr gut. Ungeſtört durchlebte Ulih, ſobald er die Stadt hinter ſich hatte, nochmals im Geiſte bis in alle Details die Ereigniſſe des letzten Tages. Wenn aber auch, während er ſich ſeinen Gedanken hingab, die tiefen Furchen, die Zeit und Kummer in ſeine Stirn gegraben hatten, immer deutlicher hervortraten, er ſah deshalb doch nicht trüber oder ernſter aus, als während der vergangenen vierzehn Jahre, und es iſt auch zweifelhaft, ob er es wirklich war. Nachdem er damals ſeine Couſine verloren, hatte er nie wieder einen Augenblick Sehnſucht danach gehabt, ſie zurückzugewinnen, und wie ſein Charakter war, würde er Ciſſy Fleming, nachdem er ſich einmal in ihr getäuſcht, nie und nimmer zu ſeiner Frau gemacht haben, auch dann nicht, wenn ſie ſich von den Feſſeln befreit hätte, um deretwillen ſie ihm die Treue gebrochen. Wenn daher unter dieſen Ver⸗ hältniſſen das Ereigniß ihres Todes an und für ſich für ihn nicht die Bedeutung eines neuen Schickſalsſchlages haben konnte, ſo hatte doch das Wiederſehen nach den langen Jahren voll Pein und unter Umſtänden, die das Herz eines jeden Mannes erſchüttern mußten, für den Augenblick ſein Gemüth tief er⸗ regt und ſeine Wunden auf's Neue geöffnet. Doch nun war ſie dahin! Jetzt endlich war er am Ende dieſes Kapitels, und er wußte, daß er ſich wieder dem Berufe der Arbeit und der Mühen zuwenden mußte bis zum Abend ſeines Lebens, und daß fortan die Erinnerung an die Liebe, auf die zu ver⸗ zichten er durch die Verhältniſſe gezwungen war, auf ſeine Pflichten nicht mehr und nicht weniger als bisher einwirken würde. So weilten denn auch jetzt, wo er zurückgelehnt in ſeinem Wagen lag, ohne die vor ihm ausgebreiteten Hefte und Zeitungen zu berückſichtigen, ſeine Gedanken mehr bei der Zuſammenkunft, die ihm bevorſtand, als bei den Ereigniſſen des Tages zuvor. Die Aufgabe, die er jetzt zu löſen hatte, war keineswegs angenehmer Art. Sein Verhältniß zum Onkel in Frampton und zu deſſen Familie war zwar ſehr intim und er bezweifelte auch nicht, daß dieſer ſein Großkind aufnehmen würde, doch ſeit dem Tage ihrer Flucht hatte er gegen Nie⸗ manden ſeiner ganzen Verwandtſchaft Ceciliens Namen er⸗

wähnt, und es ſchien ihm ziemlich wahrſcheinlich, daß die

Neuigkeiten über Petronel ihm gerade keinen ſehr freundlichen Empfang bereiten würden.

Doch der in ihm wohnende Nerv, der ihn zu dem gemacht,

was er jetzt war, ließ ihn vor keiner Szene zurückſchrecken, wenn ſie auch noch ſo unerquicklich war, und wie er nun end⸗ lich durch den Park von Frampton fuhr, gab er ſich nicht ein⸗

mal die Mühe, zu wünſchen, die ihm bevorſtehende glücklich überſtanden zu haben. Schloß Frampton, wie man es überall in dortiger Gegend nannte, war einer der ſehenswertheſten Punkte, und die meiſten Fremden, die mit der Bahn paſſirten, fragten nach dem Namen des ſchönen weißen Gebäudes, das, an einer kleinen Anhöhe gelegen, ſich ſo maleriſch von den hohen, dunklen Bäumen abzeichnete. Es war im italieniſchen Styl erbaut, mit Säulenhallen und hohen Fenſtern.

Das ganze Eigenthum repräſentirte einen bedeutenden Werth und der demnächſtige Erbe, Wilfred Halſtedt, Major bei den Zehner⸗Huſaren, wurde von den meiſten Müttern der Nachbarſchaft für eine ſehr wünſchenswerthe Partie angeſehen. Der jüngere Sohn, Archibald, hatte ſich der juriſtiſchen Lauf⸗ bahn gewidmet; er war zwar der ſtärkere Charakter von den beiden Brüdern, doch auch der weniger gutmüthige. Lady Otho Vivian hatte Ulih kürzlich ſchon mitgetheilt, daß augen⸗ blicklich die beiden Söhne in Frampton anweſend ſeien, und als dieſer ſich die Sache überlegte, wünſchte er ſehr, daß Wil⸗ fred bei der Zuſammenkunft mit Sir Lionel gegenwärtig ſein möchte, um ihm im Nothfall bei den Verhandlungen über ſeine kleine freundloſe Nichte zu Hilfe zu kommen. Sein Wunſch wurde erfüllt, denn beim Eintritt in die Bibliothek fand er die ganze Familie dort vereinigt. Sir Lionel, ein alter Herr mit feingeſchnittenen Geſichtszügen, die wohl hätten hübſch genannt werden können, wenn etwas männliche Kraft darin ausgeprägt geweſen wäre, ſaß im Halbſchlummer in einem Armſeſſel vor dem gemüthlich praſſelnden Kaminfeuer, während ſeine Frau, eine kleine, lebendige, kugelrunde Dame mit dunklen Augen, rothen Backen und ſchneeweißen Haaren, ſtrickend an ſeiner Seite ſaß; ſie arbeitete an einer Decke, und zwar ſchon ſolange, wie Ulih denken konnte.

An einem Tiſche in der Nähe ſaß die einzige unverheiratete Tochter ſchreibend, ſie war im verjüngten Maßſtabe ganz das Ebenbild der Mutter; Major Wilfred ruhte, vergraben unter denTimes, auf einem Sopha, und Archi war in einer Ecke des Zimmers mit anderer Lektüre beſchäftigt. Bei Ulih's Eintritt ſtanden die Geſchwiſter auf, um ihn zu begrüßen und ihm einen freundlichen Willkomm zu ſagen, dennunſer Vetter Doktor war, ſeines bürgerlichen Standes ungeachtet, bei den Halſtedt's ſehr wohl gelitten, ſowohl wegen ſeiner Perſönlichkeit als auch in Rückſicht auf ihre eigenen Inter⸗ eſſen.

Er ſeinerſeits begrüßte auch ſie auf's Freundlichſte, doch entging es ihnen nicht, daß ſich in ſeinem Weſen etwas Be⸗ fangenheit ausſprach.

Nun, Ford, redete ihn Sir Lionel an, nachdem er ſeine Schläfrigkeit einigermaßen überwunden und ſich etwas auf⸗ gerichtet,wie ſieht es aus, was giebt es Neues, kommſt Du aus eigenem Antrieb oder wurde nach Dir geſchickt?

Nein, Onkel, erwiderte Ulih, indem er ſich einen Stuhl neben ihm hervorzog,ich komme heute aus eigenem Antriebe, bin aber leider der Ueberbringer trüber Nachrichten für Euch.

Wie ſo denn? rief der alte Herr, ſich Ulih zuwendend, aus,hoffentlich iſt Julia doch nicht krank! Sie war ja vor⸗ geſtern noch hier.

Nein, mit Lady Otho hat meine Botſchaft nichts zu thun, dieſe bezieht ſich auf Deine andere Tochter, auf Frau Fleming.