Conceordia. 8
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„Gieb, Frau!“ ſagte der Mann und trat zu der Thür des Ladens, um dieſe von innen feſt zu verſichern. Damit war von ihm gewiſſermaßen die Aufnahme des Fremden beſtätigt.
Eine Minute ſpäter ſaß dieſer am Tiſche, vor ſich die Beſtandtheile eines zwar nur frugalen, aber reichlichen Abend⸗ eſſens, dem er, ſowie dem zugleich aufgetragenen Biere tüchtig zuſprach. Wirth und Wirthin hatten an demſelben Tiſche ihm gegenüber Platz genommen und warteten ſchweigend ab, bis der Fremde ſeinen erſten ſtarken Appetit geſtillt hatte.
„Nun aber,“ begann der Wirth nach einiger Zeit,„wer ſind denn die Leute, von denen Sie geſprochen, Herr Graupner?“
Die Anrede„Herr“ mochte Graupner, der ſie jedenfalls nach langer Zeit zum erſten Male wieder auf ſich anwenden hörte, wohl ſchmeicheln; er lächelte behaglich und nickte mit dem Kopfe.
„Sie ſollen Alles wiſſen!“ ſagte er dann,„mein Freund iſt der Kommerzienrath und Bankier Falk; kennen Sie ihn vielleicht?“
Das Paar tauſchte wiederum bedeutungsvolle Blicke aus.
„Ich kenne den Herrn nicht!“ antwortete der Mann,„aber ich weiß, daß er in der Stadt wohnt— ſogar ſein Haus!“
„Gut; mein Bruder hat Stellung beim Bankier Römer; vielleicht iſt Ihnen auch dieſer Name nicht fremd! Er wohnt mit Falk in derſelben Straße! Würden Sie alſo wohl einige Zeilen von mir an die beiden Perſonen gelangen laſſen können? Ich werde Sie auffordern, hierherzukommen!“
„Hierher?“ fragte der Wirth verwundert.
Betronel.
„Zu uns?! rief die Frau ebenſo.
„Nein, Herr Graupner!“ fügte der Mann hinzu,„zu mir kommt Niemand, der nicht durchaus kommen muß; höchſtens ein naſeweiſer, neugieriger Literat oder ein überdienſteifriger Polizeibeamter!“
„Ja, die Polizei!“ ſagte Graupner auffahrend,„vor der müſſen Sie mich verbergen, bis ich die Herren geſprochen habe!“
„Das wird ſich machen laſſen!“ erwiderte der Wirth,„aber wie Jene ſprechen? das iſt die Frage!“
„Ich weiß Rath!“ warf die Frau ein;„wir kleiden den Herrn anſtändig, Garderobe iſt ja genug da, und er geht dann ſelbſt, ſeine Beſuche abzuſtatten!“
„Um nicht wiederzukommen!“ fiel der Mann mit einem vorwurfsvollen Blicke auf ſeine Frau ein.
„Halt, meine Herrſchaften!“ rief Graupner ſichtlich un⸗ angenehm berührt, doch vermöge der allgemach eintretenden Sättigung ſchon ein ganz Anderer als vorhin,„laſſen Sie jeden Verdacht gegen mich ſchwinden. Ich wiederhole Ihnen, daß ich Sie für Ihre Unterſtützung ſo reichlich belohnen werde, wie Sie es nicht erwarten dürften!“
„Ja, ja, ich traue Ihnen auch!“ ſagte die Frau nicht ohne Würde, man ſieht ſchon, wenn man vor ſich hat!“
„Na, ich habe meine Erfahrungen gemacht,“ brummte der Mann verdrießlich,„und da wird das Mißtrauen zur zweiten Natur!“
(Fortſetzung folgt.)
Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung.)
Vor der Thür eines Hauſes, das mir beſonders ſchön zu ſein ſchien, hielten wir an; mein Begleiter ſtieg aus, ſprach einen Augenblick mit Jemandem, der an der Thür ſtand, trat dann wieder an den Wagen, half mir beim Ausſteigen und führte mich durch eine Halle in ein Zimmer, woſelbſt uns eine Dame begrüßte, in deren Mienen ſich offenbar das größte Erſtaunen ausdrückte. Der erſte Eindruck dieſer Dame war für mich keineswegs gewinnend oder vertrauenerweckend; ein eigenthümliches Lächeln flog über ihre Züge, während ſie mir die Hände drückte. Mir ſchien dieſes erzwungen, weshalb ich mich auch von ihr abwendete und mich ängſtlich an meinen Führer ſchmiegte.
„Petronel,“ ſagte dieſer,„hier iſt meine Schweſter, die zugleich Deine Couſine iſt; für einige Stunden überlaſſe ich Dich ihrer Pflege, ich komme aber bald wieder. Marcia, ſorge dafür, daß es ihr an nichts fehlt.“
Die Dame verſprach dies in unfreundlichem Tone und fügte noch hinzu:
„Ulih, wenn man Dich ſprechen hörte, ſollte man denken, daß ich noch nie Jemanden hier gebührend empfangen.“
Hierauf achtete er jedoch nicht und ſagte:
„Ich habe nur noch einige unbedingt nothwendige Ge⸗ ſchäfte zu beſorgen und gehe dann direkt nach Frampton; ſollte ich länger ausbleiben, ſo kann ſie ſich ja hier aus⸗ ruhen.“
Die Dame zog ihre Augenbrauen höher, doch auch davon nahm er keine Notiz; als er mich aber beim Fortgehen an⸗ blickte und meine trüben, vom Weinen gerötheten Augen ſah, wandte er ſich zu mir, nahm meine kalten Hände in die ſeinigen und ſagte freundlich:
„Ich bleibe nicht lange fort, ſei Du nur ein recht artiges Kind und warte geduldig, bis ich zurückkehre.“
„Ja gewiß, das will ich auch,“ antwortete ich, hielt ihn aber feſt an der Hand, als ob es mir unmöglich ſei, mich von ihm zu trennen. Ihn ſchien dieſes auch daran zu er⸗ innern, daß ich ſo ganz einſam und freundlos war, denn er neigte ſich freundlich zu mir und küßte mich auf die Stirn.
Dieſer Kuß rief mir die Liebkoſungen meiner Mama zurück, und unwillkürlich brach ich wieder in Thränen aus. Während ich jedoch bemüht war, mich zu faſſen, hatte er das Zimmer verlaſſen und mich allein gelaſſen mit der Dame, die er Marcia genannt, die nun, ohne ein Wort zu ſagen, mir gegen⸗ über Platz genommen hatte und mich mit ihren harten dunklen Augen unverwandt anblickte.
Vom erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft an fühlte ich mich von ihr abgeſtoßen, ich konnte ſie nicht leiden!
Der fremde Herr alſo hieß Ulih, war mein Couſin; wie er weiter hieß und wie unſere Verwandtſchaft war, darüber dachte ich nicht weiter nach.
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