Jahrgang 
1 (1879)
Seite
82
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Concordia.

J Gott bewahre! meinte die Dame,wie werden wir uns die Mühe noch machen. Es iſt überdem Polizei⸗ ſtunde!

Was heißt hier Schlafſaal? fragte der Fremde, ohne auf die Rede der Frau zu achten.

Ihr wißt nicht, was ein Schlafſaal iſt? fragte der Mann verwundert;da müßt Ihr noch ſehr neu ſein. Mein Schlaf⸗ ſaal iſt ein Gemach ohne Fenſter, mit eiſenbeſchlagener Thür. In demſelben wird eine Streu ausgebreitet, die Gäſte ent⸗ kleiden ſich außerhalb und gehen in den Raum, um ſich eine Lagerſtelle zu ſuchen. Schließlich wird eine große Filzdecke mit Löchern über die ganze Geſellſchaft gebreitet; wer will, ſteckt den Kopf durch ein Loch heraus, wer nicht will, läßt es bleiben. Ihr begreift wohl, daß durch einen Spätling Alle geſtört werden müſſen!

Der Fremde hatte bereits einen begehrlichen Blick auf die Lebensmittel, welche der Ladentiſch trug, geworfen. Die Rede des Wirths lenkte jedoch ſeine Aufmerkſamkeit dieſem wieder zu.

Und wozu dienen die Sicherheits⸗Vorkehrungen? fragte er, ganz ſtutzig geworden.

Wirth und Wirthin ſchienen durch die offenbare Unbekannt⸗ ſchaft des Fremden mit ihrer Hausordnung erheitert zu werden; denn ſie lächelten, während ſie ſich einen Blick zuwarfen.

Das will ich Euch ſagen! erwiderte der Mann grinſend; ließe ich den Brüdern das Zeug, ſo würden ſie einander be⸗ ſtehlen. Schlöſſe ich ſie nicht ein, ſo würden ſie Nachtprome⸗ naden machen, wodurch meine ehrliche Herberge zum Diebes⸗ Hauptquartier werden könnte. Endlich erſcheint jeden Morgen ein Polizei⸗Beamter, und wenn wir dann die Leutchen wie die Hammel herauszählen, ſo findet das Organ der Obrigkeit manchmal ſo großen Gefallen an Dieſem oder Jenem, daß derſelbe mit einer Einladung zum Mitgehen beehrt wird!

Der Fremde erſchrak ſichtlich bei dieſer letzten Eröffnung des Wirthes.

Ich danke für dieſe Art Unterkunft! antwortete er ſchnell; ich wünſche ein Abendeſſen und ein Zinmmer zu erhalten!

Ja was denn? rief der Wirth erſtaunt;bisher glaubte ich noch, Eure ſcheinbare Unkenntniß mit den Ein⸗ richtungen dieſes Hauſes ſei Verſtellung, denn Eure Livree ſpricht ziemlich deutlich. Aber nun muß ich doch faſt glauben, daß Ihr nicht zur Zunft derBrüder gehört. Könnt Ihr denn bezahlen, was Ihr verlangt? Bei mir wird überhaupt vorausbezahlt!

Ich kann bezahlen! ſagte der Mann leidlich ſelbſtbewußt, langte in die Taſche und brachte einen harten Thaler zum Vorſchein.

Wirth und Wirthin warfen ſich wiederum einen Zlick zu.

Nun aber meinte der Erſtere zögernd,ich will nicht gerade fragen, woher der Schwede ſtammt; aber wie iſt es denn mit der Legitimation?

Das mußte eine böſe Frage für den Fremden ſein; denn

er krümmte und wand ſich förmlich nach derſelben, ſuchte aber

ſeine Erregung und Unſicherheit durch das Umherfühlen nach dem geforderten Papier zu verbergen; die Wirthsleute harrten erwartungsvoll der Beendigung des Manövers.

Endlich brachte der Menſch ein mehrfach zuſammengelegtes Blatt hervor, entfaltete daſſelbe und reichte es dem Wirthe hin; natürlich hatte ſein Benehmen dem Letzteren längſt ver⸗

rathen, daß in jenem Papier die ſchwache Seite ſeines zweifel⸗ haften Gaſtes verborgen ſei. Der Biedermann begann alſo, höchſt wichtig thuend, ſehr aufmerkſam das Studium der ſo⸗ genanntenbeſchränkten Reiſeroute, wie ſie aufgegriffenen Vagabonden und entlaſſenen Sträflingen früher zur Reiſe in die Heimat ertheilt wurde. Madame trat näher und ſah dem Hausherrn über die Schulter, um ebenfalls ihren Antheil an der angenehmen Lektüre zu haben.

Aus den Zügen des Fremden ſprach neben den deutlichen Zeichen völliger Erſchöpfung eine ängſtliche Erwartung.

Alſo zehn Jahre! murmelte der Mann,hm wun⸗ dert mich, daß Ihr da nicht durch Nebenverdienſt zu einem anderen Gefieder gekommen ſeid; das Koſtüm da empfiehlt nicht ſehr!

Ich bin als Schreiber im Bureau beſchäftigt worden! ſagte der Fremde leiſe,da giebt es keinen Nebenverdienſt!

Ah ſo; nun begreife ich auch, weshalb Ihr ein Grün⸗ ſpecht geblieben. Ihr habt keine Gemeinſchaft mit den anderen Häuslingen gehabt?

Gar keine!

Der Wirth ſtudirte weiter.

Alſo Obertelegraphiſt wart Ihr waren Sie? rief er plötzlich und ſchaute den Gaſt faſt reſpektvoll an; Madame machte unwillkürlich eine Verbeugung.

Ich war Vorſteher des Telegraphen⸗Amts in nun, es thut ja nichts zur Sache! erwiderte der Fremde.

So, ſo! brummte der Wirth und ſtudirte von Neuem los.

Seine Blicke übergingen das Blatt bis zum unteren Rande. Offenbar vermochte er nichts Unrechtes an dem Paſſe zu ent⸗ decken, da fiel ſein Auge nochmals auf den Kopf deſſelben und ſofort leuchtete es auf.

Aber Mann Graupner heißen Sie ja Sie ſind von der vorgeſchriebenen Route abgewichen! rief der Wirth.

Der Fremde fuhr erſchreckt zuſammen und erhob ſich.

Meine Herrſchaften! begann er mit zitternder Stimme. Sie ſcheinen mein Vertrauen zu verdienen. Ich bin von der Route abgewichen, ja und habe heute zehn Meilen gemacht, um die Hauptſtadt zu erreichen. Man hat mich nach Rumſtadt zurückdirigirt; aber was ſoll ich dort, wo jeder Menſch mich, meine Verbrechen und meine Strafe kennt, wo es nicht verborgen bleiben kann, daß ich unter Polizei⸗Auf⸗ ſicht ſtehe und wo ich nicht einmal mehr meine Familie an⸗ treffe? Dagegen habe ich hier einen vermögenden Freund, der mir hohe Verpflichtungen ſchuldet, und einen Bruder, der ſich in günſtigen Verhältniſſen befindet. Beide würden mir helfen, wenn ich ſie ſprechen könnte, und ich würde es Demjenigen, der dies vermitteln möchte, reichlich lohnen!

Der Mann ſchwieg; er war, während er ſprach, um Vieles ruhiger geworden.

Wirth und Wirthin ſahen einander bedeutſam an und die Frau nickte endlich faſt unmerklich mit dem Kopfe. Dem Fremden entging dies nicht und er war trotz der füheren Aengſtlichkeit doch der Mann, ſeinen Vortheil ſogleich wahr⸗ zunehmen.

Vor allen Dingen bitte ich Sie, fuhr er fort,mich mit einiger Nahrung zu verſehen, wenn Sie nicht wollen, daß ich ohnmächtig werde; denn ich habe, obwohl ich einen ſo weiten Weg zurückgelegt, heute noch nichts genoſſen!