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Concordia.
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des Bettels und zu anderer Zeit dürfte er wohl den zudring⸗ lichen Menſchen ſchroff abgewieſen haben.
Doch heute—? war es nun, daß ſein Gemüth durch die vor Kurzem empfundene Seligkeit milder geſtimmt worden—; war es, weil ihm der Gedanke kam, daß dieſer Menſch, der heute noch nichts genoſſen haben wollte, in der nächſten Vier⸗ telſtunde ſchon zum Selbſtmörder oder Verbrecher werden konnte—; war es die auf ehemalige Bildung deutende Sprache des Menſchen—; oder war es endlich der Umſtand, daß Wellmann das Geſicht deſſelben, trotz des zweifelhaften Lichtes, bekannt vorkam—; kurz er griff in die Taſche, langte ein Silberſtück heraus und warf es dem Manne in die Miütze.
Der Menſch dankte ziemlich wortreich, eilte dann aber über die Straße davon und verſchwand bald unter den doppelten Lindenreihen derſelben.
Wellmann blieb noch einige Zeit auf dem Platze, um dem Manne uachzuſehen; endlich ſchüttelte er den Kopf und ging weiter. Wahrſcheinlich hatte er ſchon nach wenig Sekunden
den ihm ſo auffallend erſcheinenden Bettler vergeſſen.
5. Kapitel. Der Beltler.
Ob auch der Bettler in dem aus dem Hauſe tretenden Prokuriſten eine ihm bekannt erſcheinende Perſon zu ſehen glaubte, oder ob er aus anderen Gründen vor dem jungen Manne erſchrak, wäre wohl nicht leicht zu erkennen geweſen.
Doch ſchien zwiſchen ſeinem Beſtreben, ſo ſchnell wie mög⸗ lich aus Wellmann's Geſichtsweite zu kommen, nachdem er deſſen Gabe erhalten, und ſeinem erſten Schrecken ein Zu⸗ ſammenhang zu beſtehen; denn der flinke Schritt, in welchem er ſich entfernte, hielt nur bis zur anderen Seite der Straße vor und verwandelte ſich hier in ein komplettes Hinken, welches zu natürlich erſchien, um für Verſtellung gelten zu können.
Eine ſolche hätte auch offenbar keinen Zweck gehabt; denn der von Wellmann eine Gabe erbittende Menſch erhob keinen ferneren Anſpruch auf Almoſen, ſo viel wohlhabend ausſehende Leute ihm auch begegneten, ſondern ſuchte nur eilig und ſcheu zugleich an Allen vorüberzukommen, als fürchte er, von Jemand erkannt oder auch nur beobachtet zu werden.
Aus der mit Lindenreihen, einer breiten Promenade und Reitwegen verſehenen Hauptſtraße bog der Mann bald in eine andere, deren noch in weiter Ferne ſchimmernde Laternen ihre bedeutende Länge erkennbar machten. In dieſer Straße befand ſich Laden an Laden, und der Wanderer beeilte ſich ſtets, aus dem Lichtſchein derſelben zu kommen; beſonders aber wich er den ab und zu auftauchenden Sicherheitsbeamten aus, obgleich ihn keiner derſelben beachtete.
Auf dieſe Weiſe gelangte der Menſch an das Thor, zu welchem die lange gerade Straße führte. Jenſeits deſſelben, zeigte ſich zuerſt zwar noch daſſelbe Treiben, wie in der Stadt ſelbſt; doch allgemach nahmen die erleuchteten Läden ab und die Menſchenſtröme auf den trübe erleuchteten Trottoirs wurden dünner. Nachdem er an einigen rieſigen Gebäuden vorübergekommen und eine Brücke paſſirt hatte, wurden die Häuſer zur Seite von dunklen Zwiſchenräumen unterbrochen und bald ſtanden nur noch einzelne Gehöfte nehen der, in eine Chauſſee übergehenden Straße. Menſchen begegneten dem Wanderer hier nur noch ſelten und endlich hörte jedes Straßenleben auf.
Unſer Mann hatte ſeinen Schritt nach und nach verlang⸗ ſamt, offenbar um ſeinen ſchmerzenden Füßen Schonung zu verſchaffen; er that auch weniger ängſtlich als vorhin, da⸗ gegen betrachtete er prüfend die einzelnen Gebäude, an denen er vorüberkam, fand jedoch lange nicht, was er ſuchte.
Endlich mußte dies wohl der Fall ſein; denn er bog vom Wege ab und ſteuerte einem, zwiſchen Gartenanlagen etwas zurückſtehenden Hauſe zu, welches über einem Laden ein großes Schild zeigte. Dies Haus war einſtöckig und überdem noch niedrig; auf das erwähnte Schild war irgend ein reißendes Thier geklext; die Thür des erleuchteten Ladens ſtand weit auf und ein Mann war damit beſchäftigt, die Läden der Fenſter zu ſchließen. In der Ferne hörte man die Pfeife eines Wächters, welcher durch ihren Ton ankündigte, daß es zehn Uhr ſei.
Der Wanderer humpelte eilig an jenem Manne vorüber, bot demſelben jedoch einen„guten Abend“.
„Hollah— he—! wohin— wohin?“ rief dagegen der Mann am Fenſter und verließ jenes, um dem Fremden nach⸗ zueilen. Als er den Laden betrat, hatte ſich derſelbe bereits auf einen Stuhl geworfen.
Inzwiſchen war auch eine Frau aus einem Nebenzimmer hinter den Ladentiſch getreten.
„Na, das muß ich ſagen!“ rief dieſelbe, ihre Armee in die Seite ſtemmend,„ſo hier hereinzuſtürzen und ſich gleich hin⸗ zuwerfen!“
„Guten Abend, meine Herrſchaften!“ ſagte der Fremde ſichtlich erſchöpft und mit Zeichen, daß er Schmerzen an den Beinen litt;„ich möchte bei Ihnen für die Nacht Herberge nehmen!“
Dieſe Worte des Fremden ſchienen bei dem anderen Manne, wie bei der Frau gleich großes Erſtaunen hervorzurufen. Beide betrachteten den unerwarteten Gaſt mit weitaufgeriſſenen Augen, und zu verdenken war ihnen ſolches eben nicht.
Der Fremde ſtand ohne Zweifel ſchon in reiferen Jahren; ſein Geſicht war vor kurzer Zeit wohl glatt raſirt geweſen, zeigte jedoch augenblicklich große Flächen vorwitziger Bart⸗ ſtoppeln; das Haar war ganz kurz geſchoren. Ein Käppchen, an welches ein Schirm genäht war, bedeckte den oberen Theil des Schädels; ein dünnes Tuch, von unbeſtimmter Farbe, ſchnürte den Hals ein.
Soweit mochte noch Alles hingehen; doch die kurze braune Jacke, die braunen Kniehoſen, die braunen Strümpfe von grober Wolle und endlich die maſſiven, ungeſchickten, außer⸗ ordentlich ſchadhaften Bundſchuhe konnten nur für Uniformsſtücke eines Zuchthausbewohners gelten, ohne daß man das blaue Drillichhemd, welches neugierig hier und da hervorlugte, noch in Betracht zu ziehen nöthig hatte.
Aber auch die äußere Erſcheinung des Paares, an welches der Fremde ſein Geſuch gerichtet hatte, war nicht ganz zweifels⸗ ohne. Die Phyſiognomieen von Mann und Weib hatten mehr von Schelmen⸗Ausdruck wie von Edelmuth an ſich, und daß ſie nebenbei einen Zank nicht fürchteten, bewieſen deutlich die Poſituren, welche ſie trotz ihres Staunens annahmen. Es war nicht eben ſchwer, in Beiden die Wirthsleute einer Vaga⸗ bonden⸗Herberge zu erkennen.
„Das iſt bald geſagt!“ platzte endlich der Mann heraus; „aber der„Schlafſaal“ iſt ſchon geſchloſſen, ich kann meine Gäſte nicht mehr ſtören!“
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