Jahrgang 
1 (1879)
Seite
80
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30 Concordia.

hatte aber überhaupt nie Einwendungen gegen Klara's Anord⸗ nungen zu machen.

Noch während Wellmann ſeinen Thee mit einigem Behagen trank, nahm Klara bereits ihren Shawl und warf ihn um ihre Schultern. Als Jener ſich erhob, ſteckte ſie ihre Hand unter Wellmann's Arm und Beide verließen das Gewächshaus durch die in den Garten führende Thür. Die Tante blieb allein zurück.

Herrlich! rief Klara, als ſie an der Seite Wellmann's in's Freie trat.

Ja, erwiderte dieſer,der Abend iſt wirklich ſchön!

Die Bäume und Gebüſche im Garten waren natürlich noch blätterlos, doch die Gänge trocken; Wellmann und Klara ſchritten einige Zeit, ihren Gedanken nachhängend, ſchweigend neben einander hin.

Für Klara war das jedoch nicht lange möglich. Sie be⸗ gann zu plaudern, erzählte von dem Entſchluſſe des Vaters und verſuchte bereits, das Leben auf dem Lande wie im Bade mit flüchtigen, aber kühnen Umriſſen zu zeichnen. Sie forderte Wellmann auf, recht oft nach Lomath hinaus und ſpäter nach dem Seebade zu kommen.

Wellmann verſprach es.

Klara kam ſodann auf den morgen ſtattfindenden Empfangs⸗ abend und wollte wiſſen, ob Wellmann auch an demſelben er⸗ ſcheinen werde.

Es kommt darauf an, erwiderte Wellmann,ob mich Herr Römer dazu auffordern wird!

Ei, was Sie ſagen! meinte Klara ſpöttiſch,haben Sie nicht ein⸗ für allemal die Einladung der Mama?

Das wohl! doch es könnte ſich morgen im Laufe des Tages etwas ereignen, wodurch dieſe Berechtigung aufgehoben würde, Fräulein Klara!

Klara blieb plötzlich ſtehen.

Fräulein Klara?! rief ſie,was ſoll das heißen, mein Herr? Sie kommen mir überhaupt heute ſonderbar vor, Eduard. Ich hielt erſt Ihr Schweigen für übertriebene Be⸗ ſcheidenheit; doch jetzt ſehe ich wohl, daß jenes noch einen anderen Grund hat. Was fehlt Ihnen eigentlich? Was hegen Sie für Befürchtungen? Theilen Sie mir Ihren Kummer mit, lieber Eduard!.

Der zuletzt von Klara geſprochene Satz war nicht ganz frei von Spott, doch immerhin herzlich betont.

Ja, Klärchen, ſagte Wellmann mit zärtlichem Ausdruck, ich will Ihnen meinen Kummer, wie Sie es nennen, klagen. Ich habe Sie zu dieſem Zwecke aufgeſucht.

Klara ſetzte ſich wieder in Bewegung.

Das beginnt ja förmlich feierlich! ſcherzte ſie,doch nur weiter!

Es ſind zwei Jahre her, Klärchen! fuhr Wellmann fort, als ich eine Entdeckung an mir ſelbſt machte, die mir ſeit⸗ her wenig Ruhe gelaſſen hat. Was mir durch jene klar ward, betrifft jedoch nicht mich allein, ſondern es geht auch Sie an, und vielleicht hätte ich längſt ſprechen ſollen, um Sie, wie mich ſelbſt, allen Zweifeln über unſer Verhältniß zu entheben. Doch es gab gewiſſe Gründe, welche mir Schweigen auferlegten; dieſe Gründe ſind zwar auch jetzt noch nicht beſeitigt; dagegen ſind andere eingetreten, welche es mir wie eine Verſündigung an der Zukunft erſcheinen laſſen, wenn ich noch länger ſchweige. Was ich Ihnen infolge deſſen zu ſagen habe, wird Ihnen

nicht neu ſein und läßt ſich überhaupt in wenig Worte faſſen: Klärchen, ich liebe Sie ſeit zwei Jahren!

Klara neigte den Kopf nach vorn und mäßigte allgemach ihren lebhaften Schritt, während Wellmann ſprach; als er ge⸗ endet, blieb ſie ſtehen und wendete ihm ihr Geſicht zu. Offen⸗ bar hatte ſie eine Entgegnung auf der Zunge, ſprach jedoch nicht, ſondern ſenkte das Haupt wiederum.

Verzeihen Sie, Klärchen! hob Wellmaun von Neuem an.

Still, Eduard! unterbrach ihn Klara ſchnell,ich habe ja noch nicht geantwortet. Es iſt richtig, daß Sie mir durch die letzten Worte nichts Neues ſagten. Ich habe ferner auch die Gründe Ihres Schweigens erkannt oder zu erkennen ge⸗ glaubt und mich ſtillſchweigend gefügt, bis Sie ſprechen würden. Sie haben es jetzt gethan, und es würde thöricht von mir ſein, wollte ich in dieſer Angelegenheit zu verbergen oder zu ver⸗ leugnen ſuchen, was Sie ja auch wiſſen. Ich kann Ihnen deshalb nur der Wahrheit gemäß ſagen, daß meine Liebe für Sie älteren Datums iſt, als Ihre Empfindungen dieſer Art für mich!

Klärchen! ſtieß Wellmann hervor und breitete ſeine Arme aus.

Eduard! hauchte Klara und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Im nächſten Augenblicke begegneten ſich die Lippen Beider. Die Seligkeit des erſten Kuſſes durchſchauerte die Liebenden.

Klärchen, Klärchen! rief die ängſtliche Stimme der Tante in der Ferne,Klärchen, wo biſt Du?

Klara und Wellmann fuhren leicht erſchreckt empor. Gleich darauf lachte Klara munter und gab der Tante Antwort.

Ich ſpreche morgen mit dem Vater, Klärchen! flüſterte Wellmann. 3

Thun Sie es, Eduard! gab Klara ebenſo zurück.

Und wenn uns Widerwärtigkeiten und Hinderniſſe drohen, theures Klärchen

ſo ſuchen wir ihrer Herr zu werden, Eduard!

Die Tante war heran und erging ſich etwas redſelig in Vorwürfen, die ſie ſowohl Klara wie Wellmann machte. Im Grunde waren es jedoch nur ſolche, welche Befürchtungen aus⸗ ſprachen, daß ſich Klara erkälten könne. Den verſtohlenen Händedruck, welchen die Liebenden noch austauſchten, bemerkte die gute Tante nicht.

Wellmann nahm übrigens ritterlich die Schuld der langen Ausdehnung des Spazierganges auf ſich. Er begleitete die Damen nach dem Gewächshauſe zurück, empfahl ſich aber bald, um ſich zu entfernen; ſein Herz war zu voll, ihm jetzt noch

zu erlauben, an einer gleichgiltigen Unterhaltung theilzu⸗

nehmen.

Als Wellmann, mit ſich und ſeinem Glücke zu ſehr beſchäf⸗ tigt, um viel auf die Umgebung zu achten, aus dem Seiten⸗ Portal des Hauſes auf die Straße zu treten im Begriff war, ſah er ſich plötzlich einem Manne von auffallendem Aeußeren gegenüber.

Der Menſch bekam einen heftigen Schreck, als Wellmann vor ihm ſtehen blieb, riß dann jedoch ſeine Kappe vom Kopfe und bat um eine Gabe, wobei er die Bemerkung machte, daß er heute noch nichts genoſſen habe.

Wellmann war ſeiner ganzen Veranlagung nach ein Feind

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