Jahrgang 
1 (1879)
Seite
78
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78 Concordia.

Das Stück war:Die Läſterſchule, eine Unterhaltung zu Ehren der Beſucher des Wettrennens.

Der geräumige Reiſewagen kollerte durch eine der engeren Straße nächſt der Kathedrale, als James Penwyn plötzlich aufſtand und hinter ſich zurückblickte.

Was giebt's denn? fragte Mr. Dempſon.

Nichts! Ich dachte, ich hätte einen Mann geſehen, den ich kenne; das iſt Alles. Er ging eben dort in das Gaſthaus, das an der ſtillen Ecke liegt. Ich meinte, ich hätte ihn auch bei den Rennen geſehen, aber ich kann nicht einſehen, daß er es ſein könnte, ſetzte James, wie zweifelnd, hinzu.Was jollte ihn hierher bringen? Es liegt nicht in ſeiner Art!

8. Kapitel. Bleibt den hohen Göttern noch etwas zu geben übrig!

Mr. Penwyn ſetzte ſeine Gäſte vor der Thür des Krämers ab und fuhr allein heim nach demWaſſervogel; der Wagen ſchien ein gutes Theil zu groß für den jungen Mann, der darin ſaß. Sein reichliches Mahl bei dem Rennen machte ein Diner zur Unmöglichkeit, er beſtellte daher nur eine Taſſe Kaffee und ging hinaus in den Garten, um eine Cigarre zu rauchen auf ſeiner Lieblingsbank unter der Trauerweide. Der Waſſervogel lag zu weit ab für andere Beſucher der Rennen und ſo hatte James den Garten auch an dieſem Abende für ſich allein.

Die Sonne ging unter jenſeits der Krümmung des Fluſſes, gerade wo das ſchimmernde Waſſer in ein mit Binſen um⸗ wachſenes Baſſin zu verlaufen ſchien. Das rothe Licht fiel in die Fenſter der Stadt, bis ſie wie feurige Augen durch den grauen Abendnebel blickten, während ſich über die ebene Landſchaft und die niedrige, unregelmäßige Stadt die düſtere Maſſe der Kathedrale emporthürmte, die entfernten Hügel kleiner erſcheinen ließ und ſich finſter von dem veränderlichen Firmamente abhob.

James Penwyn war in einer nachdenklichen Stimmung und betrachtete träumeriſch die Landſchaft, während er eine vortreffliche Cigarre mit der Langſamkeit eines Epikuräers rauchte und das Vergnügen ſo lange als möglich dauern ließ.

Nicht daß ſeine Seele von den ſubtilen Schönheiten der Szene durchdrungen war. Er dachte nur, daß es ganz hübſch ſei, dieſe feierliche Stille nach dem Lärmen des Wettrennens dieſe einſame Landſchaft nach der Bewegung der Maſſen.

Nur in der letzten Nacht waren er und Juſtina, Seite an Seite, dageſtanden im Mondlicht erſt letzte Nacht waren ihre Hände einander zum erſten Male begegnet, und doch ſchien ſie ihm ein Theil ſeines Lebens, unentbehrlich für ſein Glück.

Iſt es Liebe? fragte er ſich ſelbſt;die erſte Liebe? Ich dachte nicht, daß es in mir liege, ſolch' ein Tropf zu ſein.

Er war in dem Alter, in welchem die Idee,einer Thor⸗ heit fähig zu ſein, noch ſehr demüthigend iſt. Er war ſtolz geweſen auf ſeine Männlichkeit, hatte gedacht, daß er über ſentimentale Gefühle und Liebeleien längſt hinaus ſei, und oft von der Nothwendigkeit geſprochen, bei einer Heirat auch die Ausſteuer und die geſellſchaftliche Stellung der Erwählten

zu berrckſichtigen damit dem alten Hauſe Penwyn daraus ein vermehrter Glanz erwachſe er wollte auch das Wappen

irgend einer reichen Erbin mitzdem ſeinen vereinigen.

War es wirklich Liebe? Liebe für ein thörichtes Mäd⸗

chen von ſiebzehn Jahren, mit himmelblauen Augen, mit

einem Ausdruck der Verehrung, wenn ſie dieſe immer ſo furcht⸗ ſam zu ſeinem Antlitze erhob. Juſtina hatte eine Schwermuth, die ihn mehr bezauberte als die Fröhlichkeit anderer Frauen, und bis jetzt war Munterkeit das Höchſte geweſen, was er an einem weiblichen Weſen geſchätzt; er hatte ſich ein Mäd⸗ chen gedacht, welches die Cigarre für ihn anzündete, drei bis

vier Züge machte und den Rauch vor ſich hinblies, ehe ſie ihm

dieſelbe reichte ein Mädchen, das ein Witzwort raſch er⸗ widerte und ihnausſchelten konnte. Dieſes Mädchen aber verſuchte gar keine ſchnelle treffende Antwort dieſes Mäd⸗ chen war friſch und ſimpel, wie die ideale Frau Wordsworth's. Und er liebte ſie. Zum erſten Male in ſeinem fröhlichen jungen Leben erzitterte ſein Herz in Liebe, die dem Schmerz ſo nahe verwandt iſt.

Ich werde ſie heiraten! ſagte er zu ſich ſelbſt. Herrin werden auf Penwyn.

Die Sonne ging hinab und ließ die Landſchaft in Düſter⸗ heit zurück. James Penwyn erhob ſich von der Bank mit einem ſchwachen Schauer.

Dieſe frühen Sommerabende ſind kühl, dachte er, als er nach dem Hauſe zurückging. Er fühlte ſich etwas einſam, trotz ſeiner ſchönen neuen Hoffnung. Es war ſo ſeltſam für ihn, Cliſſold nicht an ſeiner Seite zu haben um von ihm einen Tadel oder eine Warnung zu hören.Dieſe Stimme, dachte er,war doch eine freundliche! Das Schweigen in die⸗ ſem Garten, der düſtere Schein des Fluſſes, die feierliche Finſterniß der Kathedrale, das durchfröſtelte ihn.

Die große Glocke ſchlug Acht, und das erinnerte ihn, daß das Schauſpiel ſchon vor einer halben Stunde begonnen habe. Er meinte, er würde Beruhigung finden in dem hellerleuchteten Schauſpielhauſe, unter jenen lärmenden Schauſpielern.

Er ging nach dem Theater und nahm ſeinen Weg gerade⸗ zu auf die Bühne, hinter die Szene. Es war ein gutes Haus ein übervolles Haus, ſagte Mr. Elgood zu James und die Antheile des Gemeinweſens waren bereits über pari. Jedermann war in fröhlicher Laune und der Athem der meiſten Leute duftete etwas nach Bier.

Wir mußten bezüglich der Galerie baares Geld zurück⸗ weiſen, ſagte Mr. Dempſon,mindeſtens an ſiebzehn Schillinge. Das iſt die rechte Art von Zudrang, Sir. Es erinnerte mich an die Zeit meines alten Vaters, als das Drama im Lande geachtet war und der ganze niedere Adel auf fünfundzwanzig Meilen im Umkreiſe zu ſeinem Benefiz zu kommen pflegte.

Juſtina war dieMaria des Stückes, in alten weißen Atlas gekleidet oder wenigſtens in alten Atlas, der ein⸗ mal weiß geweſen, welcher aber durch langen Dienſt und oft⸗ maliges Reinigen eine Art von Kanarienfarbe erhalten. Sie hatte einen luftigen Aufputz von Muſſelin daran und trug einen ſchwarzen Gürtel zur Erinnerung an ihre geſtorbenen Eltern, und ihr reiches braunes Haar fiel in unſchuldigen Locken über ihren Hals und die Schultern.

Juſtina hatte niemals hübſcher ausgeſshen als an dieſem Abende. Sie erhielt ſogar einen lebhaften Applaus, als ſie Sir Peter ihre Aufwartung machte. Die Schauſpieler ſagten ihr, daß ſie nach Allem ein verteufelt hübſches Mädchen würde und eines Tages auch dazu kommen werde, gut zu ſpielen.

Sie ſoll