Jahrgang 
1 (1879)
Seite
77
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Concordia. 77

Der Korb war geleert Hummer, Huhn, Paſteten, Alles auf ein Tiſchtuch geſetzt, ſtanden auf dem Fronteſitz des Wagens. Dann begann das Wanderungsmahl die Ladies ſaßen mit Tellern in ihrem Schoße, die Gentlemen ſtanden. Wieder theilten James und Juſtina daſſelbe Glas Champagner, während ſich Elgood dienſteifrig mit der Flaſche zu thun machte und ſein eigenes Glas zeitweilig füllte, ſodaß es nie⸗ mals leer war und niemals voll. Mr. Dempſon war mäßig, aber jovial; Mrs. Dempſon proteſtirte jedesmal heftig, wenn ihr Glas gefüllt wurde, und ſchwur, daß ſie den Wein nur aus Höflichkeit trinke.

James war der Heiterſte der Amphitryons. Er blieb bei der Erklärung, daß er niemals ſo fröhlich geweſen, niemals einen ſo luſtigen Tag verlebt.

Ich bedauere, daß Ihr Freund nicht bei uns iſt, bemerkte Mr. Elgood mit einem Mund voll Hummer.Er hat einen hohen Genuß verloren.

Sein Verluſt iſt unſer Gewinn, bemerkte Mr. Dempſon. Es wäre weniger Champagner für die Uebrigen vorhanden, wenn er da wäre.

Mein Freund iſt ein Eſel, ſagte James ſorglos. Seine irrende Phantaſie, ſo leicht eingenommen, war um dieſe Zeit ganz gefeſſelt. Er war heute Juſtina viel geneigter geworden, und mit dem Wachſen ſeiner knabenhaften Leiden⸗ ſchaft wuchs auch ſein Zorn gegen Maurice. Er hatte ſich bei⸗ nahe ſchon entſchloſſen, gerade Dasjenige zu thun, was Cliſſold als Wahnſinn bezeichnet hatte. Er war beinahe klar darüber, daß er die Tochter des Schauſpielers heiraten würde. Er liebte ſie, und was konnte das Ziel ſeiner Liebe ſein? Er kam von einem zu guten Stamme, hatte ein zu gutes Herz, um ein unehrenhaftes Ende nicht zu verachten; es blieb ihm nur übrig, zu entdecken, ob ſie ihn wirklich liebe ob dieſe Neigung,

die geſtern in ihm aufgedämmert, in der That der Beginn

ſeines Schickſals ſei oder jener beträchtliche Theil in der Be⸗ ſtimmung eines Mannes, welchen die Ehe involvirt. Er war ſeit dem Tode ſeiner Mutter ſehr wenig in Geſellſſchaft von Frauen geweſen. Seine kurzen, harmloſen Liebeleien hatten ſich meiſtens mit Schänkmädchen abgeſpielt, und nach dieſen verführeriſchen Zauberinnen erſchien Juſtina mit ihren Wangen, die wilden Roſen glichen, und mit ihren unſchuldigen blauen Augen als die perſonifizirte Jugend und Reinheit. Juſtina blickte ſcheu empor zu ihrem Bewunderer, glück⸗ licher als Worte es ſagen können. Sie hatte vor dieſem Tage wenig von dem Becher der Freude gekoſtet. Die Blume des Weines war ihren Lippen nicht fremder, als die Blüthe der Freude ihrer Seele. Die Mädchenzeit hatte für ſie nur

harte Arbeit und Entbehrung bedeutet. Seit ſie jung genug

geweſen, um mit Nachbarkindern vor den Thüren zu ſpielen und dies für ein Glück zu halten, hatte ſie kaum gewußt, was es heiße, fröhlich zu ſein. Heute ſchien ihr das Leben wie ein ſüßer Zauber ein Wagen, ein Picknick, Rennen, die ganze fröhliche Welt lachte rings um ſie. Sie ſah mit einem dankbaren Lächeln auf James, als er ſie fragte, ob ſie ſich amüſire.

Wie könnte ich anders? antwortete ſie.Ich hatte nie in meinem Leben einen ſolchen Tag! Es wird Abends Alles

vorüber ſein, und morgen wird die Welt gerade ſo ausſehen,

als ob ich von einem wundervollen Traum erwacht wäre.

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Ich habe Träume gehabt, die dieſem Tage ähnlich waren, ſetzte ſie einfach hinzu.

Könnten wir den Traum nicht verlängern, nicht eine Freude für morgen finden? fragte James.Wir könnten wieder zu den Rennen kommen, wenn Sie es wünſchen.

Wir können nicht. Es wird morgen eine lange Probe⸗ ſtattfinden. Wir ſpielen morgen Abend die neue Poſſe. Und ich dachte, daß Sie morgen fortgehen. Ihr Freund ſagte ſo.

Mein Freund väre weiſer geweſen, wenn er für ſich ſelber geſprochen hätte und nicht für mich. Ich werde bleiben, bis die Rennen vorüber ſind; vielleicht länger. Wie lange bleiben Sie?

Bis Sonnabend nächſte Woche, außer wenn das Geſchäft zu ſchlecht ginge.

Dann denke ich eben ſo lange zu bleiben. Ich kann ein griechiſches Schauſpiel zu Eborsham ſo gut wie anderswo leſen und ſehe nicht ein, warum ich von Ort zu Ort eilen ſoll, um Cliſſold zu gefallen, ſetzte der junge Mann rebelliſch hinzu.

Man war aber bisher nicht von Ort zu Ort geeilt. Sie hatten eine gute Zeit in Wales zugebracht und an den eng⸗ liſchen See'n, hatten Poſtfahrten gemacht, in ſtillen Schänken angehalten und in den Zwiſchenpauſen ihrer Wanderſchaft viel geleſen, und James war mit dem Buſenfreunde ſeiner Jugend vollkommen glücklich geweſen.

Nur ſeit geſtern hatte ſich dieſer Buſenfreund in einen Tyrannen verwandelt. 3

Cliſſold hatte ihn auch früher gewarnt und ermahnt; er hatte mit der Stimme der Weisheit geſprochen, wenn James in irgend einer Liebelei zu weit zu gehen ſchien; und James hatte ihm ſanft zugehört.

Aber diesmal wies James' Seele den Rath zurück. Er war zornig auf ſeinen Freund, weil dieſer es nicht für das natürlichſte Ding auf der Welt hielt, daß er, Squire Penwyn von Penwyn, ſich über Hals und Kopf in die Tochter eines wandernden Provinzial⸗Schauſpielers verlieben ſollte.

Ich darf Abends hinter die Szene kommen, nicht wahr, Juſtina? fragte James endlich, als das Rennen vorüber war, als er und Juſtina geſehen hatten, wie der Gewinner dem Meiſtbietenden zugeſchlagen wurde, und als die patriarchaliſche Arche ſchnell, ach, nur zu ſchnell dahinrollte, zurück nach der Stadt, zurück zum gewöhnlichen Leben und in die alte, düſtere Welt.

Sie müſſen den Vater fragen oder Mr. Dempſon, ant⸗ worte Juſtina ſanft.Bisweilen machen ſie viel Weſens daraus, wenn Jemand in das Schauſpieler⸗Zimmer kommt, aber ich denke nicht, daß dies bei Ihnen der Fall ſein kann. Es wäre ſehr undankbar, wenn ſie es thäten.

James ſtellte die Frage an Mr. Elgood und erhielt eine herzliche Antwort. Er ſollte das Schauſpieler⸗Zimmer in Eborsham wie einen Anhang zu ſeinem Hotel betrachten, und das Eborsham⸗Theater ſollte ihm offenſtehen wie ſein Klub, ohne eine Frage nach Bezahlung an den Thüren.

Ihr Name wird dem Billeteur bekanntgegeben werden, ſagte der gewichtige Vater mit Würde.

Mr. Dempſon lachte.

Unſer Freund iſt ein wenig geſchraubt, ſagte er,aber ich denke, er wird ſeinen Sir Oliver gut genug ſpielen.