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derte ſich, wp ſo viele Leute herkämen, und wie es komme, daß von ihnen ſo Wenige in's Theater gingen, und ſie ſeufzte darüber, daß das Drama niemals eine ſolche Anziehungskraft auf das Gemüth des Publikums ausübe, als dieſes durchaus nationale Amuſement. Wie ſich die Leute zuſammendrängten, Reihe um Reihe auf den gebrechlichen Gerüſten, gepreßt, daß ihnen kaum Raum genug zum Athmen übrig blieb; und doch war vorauszuſehen, daß Abends im Theater Raum genug übrig bleiben würde. Juſtina fürchtete es trotz der unvergleich⸗ lichen Reize und der überraſchenden Kombination von Talenten, die auf den Theater⸗Zetteln angekündigt waren.
Aber nach dieſem einen Seufzer über das vernachläſſigte Drama gab ſich Juſtina ganz dem Vergnügen dieſer Stunde hin und war äußerſt zufrieden. James ſagte ihr Alles über die Pferde, wie das eine Großes zu Newmarket geleiſtet, wie das andere Gewinner des Cheſter⸗Preisbechers geweſen. Er zeigte ihr die Farben, erklärte jedes Ding, und ſo gewann das Rennen ein neues Intereſſe. Mr. Dempſon verließ den Wagen, um ſeine Beine ein bischen auszuſtrecken, wie er ſagte, und zu ſehen, wer auf dem Rennen ſei; aber in Wirklichkeit, weil er Neigung zum Herumſchweifen fühlte und der Ruhe bald müde war. Mr. Elgood widmete ſich⸗umfeließlich Mrs. Dempſon, oder„Villeroy“, wie er ſie nannte, da er an ihren Theaternamen mehr gewöhnt war als an den Namen, der ſie im häuslichen Leben auszeichnete. So blieben Hames und Juſtina ſich ſelber überlaſſen und ſie benahmen ſich wie Liebende, die einander längſt ihr Wort verpfändet, freilich ganz un⸗ bewußt von Juſtina's Seite, denn ſie wußte wenig von wirk⸗ lichen Liebenden und deren Art und Weiſe.
Jetzt gab es eine plötzliche Bewegung, ein Zurückdrängen
der Fußgänger von der Rennbahn, während einige Polizei⸗
wachen hin und her galoppirten und der Sekretär des Rennens in ſeinem Scharlachrocke und rothledernen kurzen Beinkleidern munter über das Gras trabte; dann erſchien ein Hund, der mit Geſchrei und Schimpfen fortgetrieben wurde, endlich er⸗ tönten Glocken, der einleitende kurze Galopp und hierauf folgte das Rennen. 8
Einige Minuten athemloſer Aufmerkſamkeit, ein donnern⸗
der Anlauf nach allen Wagey, ein eifriges Stehen der Zu⸗. Ad Sherey und ein Packet appetitlicher„Sandwiches“(Butter⸗
ſchauer auf den Zehenſpitzen, und die weiße Jacke mit rothen Flecken hatte zuerſt das Ziel erreicht. 4
Concordia. 75
hübſch beſorgt. Mr. Elgood nahm eine der Flaſchen mit den vergoldeten Hälſen, fand die hohen Kelchgläſer und öffnete die Bouteille ſo nett wie ein Kellner. Er hatte den Löwenantheil an dem Weine für ſeine Mühe.
James und Juſtina hatten nur ein Glas gemeinſchaftlich. Sie konnten ſehr leicht zwei haben, aber es gefiel ihnen ſo, und ſie ſchlürften fröhlich den klaren Wein; Juſtina nahm gerade ſoviel, wie die Feenkönigin„Titania“ aus dem Becher ſchlürft, der aus einer Hyacinthe gemacht iſt.
Die Champagner⸗Flaſche war kaum offen, als eine Zigeu⸗ nerin am Wagenſchlage erſchien, wie angezogen durch den Knall des Korkes, eine ältere Zigeunerin, mit einem orange⸗ farbigen, ſeidenen Taſchentuche über ihr ſchwarzes Haar ge⸗ bunden, unter welchem einige wenige Silberfäden ſichtbar waren. Es war dieſelbe Zigeunerin, welche James Penwyn und ſeine Gefahrten geſtern Nachmittag am Fluſſe angehalten.
„Gebt der armen alten Zigeunerfrau einen kleinen Tropfen Wein, gütiger Gentleman,“ ſagte ſie einſchmeichelnden Tones.
Juſtina zog ſich ſchaudernd zurück, näher an ihren Ge⸗ fährten, bis ſich ihre ſchlanke Geſtalt gegen ſeine Schulter drückte und er fühlen konnte, daß ſie zitterte.
„Nunl, wassgiebt's denn, Du ſcheller Vogel?“ flüſterte er zärtlich, indem er mit einer inſtinktiven Bewegung ſeinen Arm um ſie legte. Sie ſtanden aufrecht im Wagen, wie ſie ge⸗ ſtanden hatten, um das Rennen zu ſehen, Mrs. Dempſon mit ihrem Geſichte gegen den Kutſchbock, von wo aus Mr. Elgood
einige Punkte von Intereſſe in der Rennbahn zeigte. „Es iſt dieſelbe Frau,“ ſagte Juſtina bebend und in halbem Geflüſter. „Was für eine Frau, mein Liebling?“ Dazu war es bereits gekommen, und Juſtina war in die⸗ ſem Augenblicke zu ſehr in Gedanken verſunken, um dagegen zu remonſtriren. .„Die Frau, die Ihnen etwas ſagte über ein Zeichen in Ihrer Hand..* „Wirklich? Ich' bemerkte es nicht,“ antwortete James, über ihre Unruhe lächelnd. Die Zigeunerin war zu dem ssnächſten Wagen gegangen, deſſen Beſitzer eben eine Flaſche
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brote mit kalten Fleiſchſchnitten) gemüthlich genoſſen. Dünne
„Haben Sie's geſehen?“ fragte James, ſich des Maͤdchens und lecker belegte Sandwiches, mehr gemacht, den Appetit her⸗
heiterem Geſichte zuwendend, das vor Aufregung glühte.
„O! Es war ſchön! Ich wundere mich jetzt nicht, warum die Leute zu dem Rennen kommen. Ich habe ein Gefühl, dals ob ich zuvor nicht ganz lebendig geweſen wäre. Nur der eine Moment, als die Pferde völlig vorüberflogen. Es war wun⸗ dervoll.“
„Ein ſehr ſchönes Rennen,“ ſagte James mit diner Gönner⸗ miene,„aber es waren einige elende Mähren darunter. Sie werden bald einen beſſeren Zug ſehen, um den Becher. „Iphianaſſa“, das iſt mein Lieblingsrenner. Die Gelehrten nennen ſie der Kürze wegen Free and Easy(Frei und Leicht). Und nun wollen wir Champagner trinken.“
„Kein ſchlechter Zug!“ ſagte Mr. Elgood beiſtimmend. „Das Ding da macht einem Manne die Kehle trocken.“
Er machte ſich ſehr nützlich im Oeffnen der Körbe; es waren zwei große Marktkörbe da, einer für den Wein, der andere für feine kalte Eßwaaren; der„Waſſervogel“ hatte Alles ganz
vorzurufen, als ide zu beſänftigen. —„ Auf mein Wort,⸗ich beikerkte es nicht,“ wiederholte James.„Für mein Auge ſind alle Zigeuner einander ähnlich, dieſelbe braune Haut, daſſelbe ſchimmernde ſchwarze Haar. àN warum ſollten Sie ſich vor ihr fürchten, mein ſchönes Kind?— Re prophezeite mir nichts Böfes.“⸗ „Nein, aber ſie blickte Jo nedgierig auf Sie; und dann die Linie ber der Liniesdes Lebens— das muß etwas Fürch⸗ terliche bedeuten.“ 8 „Meine Theuerſte, denken Sie, daß irgend ein vernünß
tiges Weſag an Linien des Lebens und dergleichen Schwindel glaubt? Zigeuner haben ren Jargon, ſonſt würden ſie keine Gimwpel finden, die ſie täuſchen können. Aber ich denke, Sie und ich ſind zu weiſt⸗ um an eihren Unſinn zu glauben. Wir woollen der alten Hexe ein Trinkglas voll ſchäumenden Weines geben, und ich bürge dafür, ſie wird uns ſehr angenehme
Dinge prophezeien. He, Miſtreß, kommt her!“ 10*


