Concordia.
auf einen Stock geſtützt, ſoeben in das Vorzimmer trat. Auf den erſten Blick mußte man an dem vornehmen, faſt ſtolzen Weſen dieſes hochgewachſenen, weißhaarigen Edelmannes er⸗ kennen, daß man einen einflußreichen, vielgeltenden Herrn vor ſich hatte. Alle beugten ſich vor ihm, während er nur ſelten grüßte.
„Herr Herzog von Sully,“ redete ihn Bellegarde an und ſtellte ihm den Geſandten vor.
Sully ſtrich ſich ſeinen grauen Knebelbart und erwiderte:
„Möge es Ihnen in Paris gefallen und Sie ſo Erſatz für Ihre Reiſe ſinden.“
„Erſatz werde ich nur finden, wenn Seine Majeſtät meinen Herrn, den Pfalzgrafen, gegen die Gewalt des Kaiſers in Schutz nehmen will, der das Recht meines Gebieters nicht achtet.“
Sully zupfte an den Enden ſeines grauen Schnurrbartes und ſuchte das Geſpräch auf einen anderen Gegenſtand zu ſpielen; aber Werner von dem Bongart kam immer darauf zurück, indem er das Erbrecht ſcharf betonte.
„Bah, Recht!“ verſetzte Sully in hartem Tone.„Da fällt mir ein Wort unſeres Königs ein. Ende Februar 1594 mußte ſich Chartres nach einer heftigen Belagerung ergeben und am 28. zogen wir ein. Am Thore kam der Magiſtrat uns entgegen und redete viel von dem göttlichen Recht Hein⸗ rich's. Da rief der lachend:„Vergeßt das Kanonenrecht nicht!“
In dieſem Augenblicke öffneten ſich die Flügelthüren des großen Saales, der Hofmarſchall und zwei Pagen, die in Azurblau und Gold gekleidet waren, traten herein.„Ihre Majeſtät die Königin von Frankreich und Navarra!“ meldete der Erſtere.
Gleich darauf rauſchte Maria von Medicis herein, ihr folgten ein halbes Hundert Damen und Kavaliere. Sie ging auf die Gemächer des Königs zu, während ſie den ſtolzen Kopf nur leicht zum Gruße neigte. Zwei Pagen, die eben⸗ falls in Blau und Gold gekleidet waren, trugen die lange Schleppe ihres purpurfarbenen Gewandes, das mit Gold ge⸗ ſtickt und mit edlen Steinen verziert war und den ſchönen, vollen Hals freiließ. Eine hohe, ſtehende, vorn offene Fraiſe,
welche einen koſtbaren Diamantſchmuck ſehen ließ, umgab ihn.
Die blonden Haare fielen, mit Goldfäden durchzogen, in Locken herab. Das dunkle Auge warf ſcharfe Blicke umher. Sie betrat das Zimmer des Königs allein, um nach einer Viertelſtunde wieder, ernſter als zuvor, zurückzukehren.
Sie ſchaute ſich um und ging dann auf den Grafen Belle⸗ garde zu:
„Sie bringen einen deutſchen Herrn zu Seiner Majeſtät.“ Der Großſtallmeiſter und Werner von dem Bongart verneigten ſich.„Das iſt alſo der Geſandte,“ fuhr ſie fort.„Mag Ihre Miſſion für uns und Frankreich heilbringend ſein. Treten Sie ein.“
Bellegarde führte nun den Deutſchen in das Empfangs⸗ zimmer Heinrich's IV., der am offenen Fenſter mit über⸗ einandergeſchlagenen Armen ſtand. Das Fenſter führte auf die Seine hinaus und gewährte einen Blick auf die Notre⸗ dame⸗Kirche.
Heinrich war nicht mehr der Jüngling, deſſen Aeußeres die Herzen der Damen im Sturme gewann. Sein Haupt war ergraut und nur ſpärlich mit Haaren bedeckt,
während
erklärte den Thron für erledigt.
ſeine Brauen dunkel geblieben waren. Die Geſichtsfarbe war geſund und gebräunt. Zur Seite ſeiner Adlernaſe leuchteten die Augen unter der gefurchten Stirn hell und klar. Seine Haltung war edel und ungezwungen. Er trug ein violettes Sammetwams mit kleinen Diamantknöpfen. Seine zierlichen Hände wurden von den Spitzenmanſchetten faſt verdeckt und ſein Hals verbarg ſich in einer dichten Krauſe, unter welcher der Heilige Geiſt⸗Orden am blauen Bande ſich zeigte.
„Sie bringen mir einen Brief von meinem Vetter, dem Pfalzgrafen von Neuburg,“ redete er den ſich verbeugenden Geſandten an.
„Und einen der Stände von Jülich und Berg,“ antwortete Werner von dem Bongart und übergab die ihm anvertrauten Schreiben, die der Monarch in den Händen hielt, als wäre er ungewiß, welches er zuerſt öffnen und leſen ſollte. Dann trat er zu einem Tiſche, ſodaß er dem Geſandten ſeinen Rücken zuwandte, und beſchäftigte ſich einige Minuten mit Leſen. Plötz⸗ lich wandte er ſich raſch um und fragte Werner von dem Bongart:„Wie gefällt es Ihnen in Paris? Sie ſind ſchon drei Tage hier. Das iſt für einen geiſtreichen Kopf Zeit genug, um allerlei Orte zu beſuchen und allerlei Perſonen kennen zu lernen. Ventre saint gris! ich wollte, mein Bart wäre noch nicht weiß, ich wollte Sie weiſen.“
Der Geſandte des Pfalzgrafen bemerkte, daß durch die Ungeduld, den größten König der Erde kennen zu lernen, ihm das Vergnügen getrübt ſei.
Heinrich IV. lachte gutmüthig.
„Sie ſchmeicheln und machen mir Vorwürfe zu gleicher Zeit; aber ich konnte Sie nicht früher empfangen, die Staats⸗ geſchäfte haben ſich gewaltig angehäuft, ſodaß ich weder aus noch ein wußte.“
Werner von dem Bongart bemerkte, daß ein günſtiger Beſcheid die Verzögerung ausgleichen werde, er harre auf denſelben.
„Nun, dann ſagen Sie dem Herrn Pfalzgrafen, meinem ſehr lieben Vetter, und ſeinen getreuen Ständen, daß ich ihrem
„Wunſche gern nachkommen werde und ihnen im Nothfalle mit
raſcher That beiſtehen will,“ erwiderte der König;„Sie wer⸗ den das auch bald ſchriftlich erhalten. Die kaiſerliche Majeſtät möge ſich vorſehen. Einſtweilen müſſen die Stände das Recht hochhalten; ſie können wie der Pfalsgraf, mein lieber Vetter,
verſichert ſein, daß Heinrich von Frankreich und Navarra ihnen
ſtets in Guaden gewogen bleiben wird.“
Mit dieſen Worten verneigte er ſich leicht gegen den Ge⸗ ſandten, ihm andeutend, daß die Audienz beendet ſei. Belle⸗ garde und Bongart zogen ſich zurück.—
Schon am folgenden Tage befand ſich der Letztere auf der Heimreiſe nach Düſſeldorf, um dem Pfalzgrafen die erfreuliche Kunde zu bringen, daß Heinrich IV. ihm gegen Kaiſer Ru⸗ dolph II. Hilfe zuſage.
In Düſſeldorf, der Hauptſtadt des Herzogthums Berg, waren indeſſen ſchon die Feindſeligkeiten ausgebrochen. Ende April war Graf Johann Georg von Hohenzollern, aus der ſchwäbiſchen Linie ſtammend, dort erſchienen, um die kaiſer⸗ liche Sequeſtrationsurkunde an das Rathhaus anzuſchlagen; denn mit dem Tode des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich⸗ Cleve⸗Berg war der Mannesſtamm erloſchen, und Rudolph II Durch alte Beſtimmungen war aber auch die weibliche Linie nachfolgeberechtigt. Nun
. 1
——
———
——ℳ—ÿ—ℳ⸗——;—;—


