68 Concordia.
„Geſchäfte?— Die müßten von ſeltener Wichtigkeit ſein, wenn ſie mir keine Zeit für meine Mündel übrig ließen.— Indeſſen Sie brauchen das Wort„ernſtlich“— freilich wohl, ich bin Ihnen zu ernſtlich; aber es beklagt wohl Niemand mehr als ich, daß ich es Ihretwegen ſo oft ſein mußte.“
„Sie dürfen verſichert ſein, daß—“
„Laſſen Sie die hergebrachten Redensarten weg,“ unter⸗ brach ihn Elsner ſanft.„Sie können das, was ich für Sie thue, nicht überſehen; Sie können nicht wiſſen, warum ich es thue, alſo auch nicht ſchätzen, wie ich es thue. Es thut mir dies oft recht weh, allein ich bin Ihnen nicht feind.— Sie kennen die Welt nicht— gute Anlagen, aber gemiß⸗ braucht von böſen Geſellſchaften; übelgeordnete Lektüre und Forderungen auf Grundſätze, die nicht paſſend und haltbar ſind— das iſt Ihr Unglück. Sehen Sie, ich halte Sie nicht fuͤr bös; allein ich muß innig bitten, dieſe Dinge abzulegen und ein geordneter Mann zu werden.“
„Danach ſtrebe ich jetzt.“
„Was bewegt Sie nur dazu, ſich vor mir zu verbergen? Ueber Jugendfehler, wenn ſie nicht ausarten, ſchmähe ich nicht; Schwachheiten kann ich überſehen, aber— Verſtellung— das iſt wahr— die verabſcheue ich.“
„Ich hoffe nicht,“ entgegnete etwas piquirt Arthur,„mit mir in dieſem Falle zu ſein.“
Elsner reichte ihm die Hand und ſprach herzlich:
„Ueberzeugen Sie mich, daß es nicht ſo iſt, und Sie machen mir eine große Freude!“
„Wie kann ich es, da ich allezeit das Unglück habe, von Ihnen gemißdeutet zu werden?“
„O, wenn Sie mich doch überzeugen könnten, daß Sie es mit mir und meinem Hauſe redlich meinen!“
„Bei Gott!“
„Keine Betheuerungen! Geben Sie mir Ueberzeugung!— Ich ſollte gerade heute ſchärfer prüfen, als je— und es iſt möglich, daß ich Ihnen doch leichter glaube, weil ich Ihnen ſo gern glauben möchte. Meine Hoffnung iſt noch die, daß theuere Erfahrungen es Ihnen bald zeigen werden, Ihr Weg ſei der rechte nicht. Indeſſen es iſt Zeit zur Umkehr! Sie ſind in den Jahren, worin Sie an eine Laufbahn denken müſſen.“
„Da kommen Sie auf den Punkt, um deſſentwillen ich hier bin; ich fühle mich mehr als je gedrungen, aus dieſer Unbeſtimmtheit herauszugehen und mich um ein Amt zu bewerben.“
„Endlich einmal! Nun, das freut mich!“ entgegnete lebhaft Elsner.„Es kann Ihnen nicht fehlen; denn wahrlich, Ihrem Kopfe mangelt das nicht, woran ich manchmal glauben muß, daß es Ihrem Herzen abgeht.“
„Nun denn, ich will mich Ihnen ganz anvertrauen. Aber wenn Sie jetzt hart ſein wollen, ſo treiben Sie mich auf das Aeußerſte.“.
„Nun, ſo reden Sie doch!“ entgegnete gutmüthig Elsner.
„Mehr als Vormund— Sie müſſen jetzt ganz Vater ſein wollen, um mich glücklich zu machen— ich liebe!— und nur die Verbindung mit dem Mädchen meines Herzens kann mir Glück gewähren.“
„Arthur!“ ſprach gerührt Elsner;„lieben Sie das Mäd⸗ chen wahrhaft?“
„Von ganzem Herzen.“
„O, wenn es ſo wäre!“ „Warum zweifeln Sie?“ „Arthur, ich war nur ſelten auf einer Hochzeit, wo mir
nicht der Gedanke einfiel: Du hilfſt einen Tag des Unglücks
begehen.— Arthur, es iſt etwas Furchtbares, unglücklich ver⸗ heiratet zu ſein!“
„Das habe ich reiflich überlegt. Warum aber halten Sie die Schrecken Dem vor, der glücklich gewählt hat?“
„Warum?— Könnte ich doch den ganzen Jammer miß⸗ rathener Ehen, die Verzweiflung der alten, getäuſchten Eltern — das Unglück der Kinder, die unter Haß und Thränen aufwachſen, ſich nach ſchändlichen Beiſpielen bilden und für edle Gefühle des Herzens verſchloſſen bleiben, o, könnte ich Ihnen dies Alles ſo lebendig ſchildern und Ihnen ſo vor⸗ malen, daß Ihr leiſeſter Zweifel zum unüberwindlichſten Hinderniß würde— ehe Sie ſich und Ihre künſtige Gattin unglücklich machen!“
„Sie machen ſich unnöthige Sorgen.— Die Liebe, die ſchon fo unendlich größere Dinge bewirkte, hat auch mir Ge⸗ ſinnungen gegeben, die mein Glück machen müſſen.“
„Hat das Mädchen, oder wie Sie ſagen, die Liebe zu ihr, wirklich Ihre Aenderung bewirkt?“
„Gewiß!“.
„O, Gott ſei Dank! So ſeid Ihr Beide glücklich!“
„Deshalb bin ich nun gekommen, Sie um Ihre Einwillig⸗ ung zu bitten, ehe ich dem Mädchen einen direkten Antrag mache.“
„Aber warum ſprachen Sie denn nicht früher?“
„Die Ungewißheit, ob Sie einwilligen würden— dazu die Verwirrung meiner Angelegenheiten—“
„Hätten Sie mir nur etwas Vertrauen und Liebe ent⸗ gegengebracht!“
„Sie willigen alſo ein?“
Man ſah es, es koſtete dem Vormunde einen Kampf, das „Ja!“ auszuſprechen. Endlich aber that er es doch, fügte aber ernſt bei: 8
„Nun bitte ich innig, geben Sie nicht einer Aufwallung, ſondern Ihrer beſſeren Ueberzeugung Gehör!“
„Gewiß!“ entgegnete Arthur;„Sie werden Ihre Freude an mir haben.“—
„Hab' ich's doch immer geſagt,“ ſprach freudig bewegt Elsner, indem er Arthur’s Hand ergriff,„Ihre Anlagen ſind gut, wenn nur erſt der Augenblick käme, wo ſie erwachten. Gott ſei Dank, er iſt gekommen!— Ich habe Ihrem Vater in ſeine kalte, todte Hand gelobt, daß ich für Ihr Glück wachen wollte, und nun kann ich ſelbſt dazu beitragen!“
„Auch bahne ich mir durch dieſe Verheiratung den ſicher⸗ ſten Weg zu einem einträglichen Amte.“
„Wie ſo?“ fragte verwundert Elsner.
„Nun, der Geheimrath von Salfeld hat großen Einfluß, und da ich nun ſeine Tochter heirate—“
Elsner's Geſicht bedeckte Leichenbläſſe. Dem Umſinken nahe, erfaßte er krampfhaft die Lehne des Stuhles; ſeine Augen blickten wirr umher, und endlich preßte er hervor:
„Wen heiraten Sie?“
„Nun, des Geheimraths Tochter!“ verſetzte Arthur ver⸗ wundert.. 1 G
„Arthur!“ rief Elsner aus;„treiben Sie einen Scherz mit mir?“
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