Jahrgang 
1 (1879)
Seite
64
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64 Concordia.

Ich argwöhnte, daß Frau Mitchell und Herr Burrell ge⸗ meinſchaftlich dahin arbeiteten, mich zu täuſchen, daher wurde ich ſo heftig und widerſpenſtig. Sie thaten es ficherlich in der beſten Abſicht und in dem Gedanken, daß die Trübſal immer noch früh genug zu mir kommen würde. In ſpäteren Jahren aber wurde es mir klar, daß ſolche Liebesdienſte übel angebracht ſind, ſie erwecken zu leicht Mißtrauen und Angſt, wo vielleicht kaum Grund dazu vorliegt. Bei meiner Weiger⸗ ung, zu Abend zu eſſen, blieb ich hartnäckig, doch ging ich ruhig zur gewohnten Stunde zu Bett, wie ich es dem Herrn Burrell zugeſagt, nahm jedoch zuvor Frau Mitchell das feier⸗ liche Verſprechen ab, mich zu rufen, im Fall Mama's Zuſtand ſchlechter werden ſollte. Kaum hatte ich mich niedergelegt, ſo entſchlief ich auch, die Jugend verlangte ihr Recht, ich wußte ja auch nicht, welcher Schmerz mir bevorſtand. Wie lange mein Schlummer gedauert, iſt mir unklar, es iſt mir nur er⸗ innerlich, daß ich ohne beſonderen Grund wieder erwachte und daß mir dann ſofort wieder die Szenen des letzten Abends vor Augen traten.

Meine Mutter war krank, und zwar gefährlicher als früher wohl, und ein zweiter Arzt war gekommen, ihr beizuſtehen. Ich hatte ein unwiderſtehliches Verlangen, zu erfahren, wie⸗ viel Uhr es war, ob der fremde Doktor angekommen und wie er ſich über Mama's Zuſtand geäußert. Nachdem ich einige Augenblicke wachend gelegen, hatte ich keine Ruhe mehr, ich mußte Gewißheit haben, daher verließ ich mein Lager, warf ein leichtes Morgenkleid über und trat auf den erſten Treppen⸗ abſatz. Dort herrſchte lautloſe Stille; auf dem Klapptiſche neben der Thür, die zu Mama's Stube führte, ſtand ein ſchwankendes Licht. Aengſtlich lauſchend ſtand ich eine Weile da, hörte jedoch im Zimmer nicht die geringſte Bewegung. Plötzlich öffnete ſich die Thür und Herr Burrell trat haſtig heraus.

Wie geht es Mama? fragte ich flüſternd, doch Herr Burrell hörte mich nicht und lief die Treppe hinunter. Mich überkam eine nie gefühlte Angſt, und Klugheit und Vorſicht außer Augen ſetzend, rief ich laut:Frau Mitchell, ſagen Sie mir, wie geht es der Mama!

Kaum hatte ich die Worte ausgeſprochen, ſo hielt ich an, ich befürchtete, unrecht gehandelt zu haben. In demſelben Augenblicke wurde mir das auch ſchon zur Gewißheit, denn Frau Mitchell kam unruhig, mit rothverweinten Augen, aus dem Nebenzimmer, um mich wieder hinunterzuführen; ſie ſagte mit leiſer Stimme:Der fremde Doktor iſt bei Mama, Pet, und wünſcht, daß Du keinesfalls zu ihr gehſt; er findet ſie ſehr ſchwach.

Mein Gott! iſt ſie denn ſchwächer als vorhin?

Frage mich nicht weiter, mein liebes Kind, gehe nur nach Deiner Stube und gedulde Dich bis morgen früh! Sei folg⸗ ſam, liebe, gute Pet!

Fordern Sie das nimmer von mir, rief ich unwillig, ich kann es nicht. Wenn Mama wirklich ſo krank iſt, muß ich bei ihr ſein.

Kind, es geht nicht, flehte Frau Mitcchell ängſtlich, in⸗ dem ſie mich zurückzuhalten verſuchte,nach dem boſtimmten Befehl des Arztes ſollſt Du jetzt nicht zu ihr!

Laſſen Sie mich, Frau Mitchell, ſagte ich, ſie bei Seite ſchiebend,ich muß zu Mama! Und damit trat ich vor und öffnete ohne Weiteres Mama's Thür. Bei meinem Eintritt

ſah ich anfänglich nichts als einen großen dunklen Herrn, der ſich umwandte und mich ſtaunend anblickte. Sein Blick war ſo ernſt und ſtarr, daß ich anhielt und plötzlich fiel mir ein, daß ich mit bloßen Füßen und in einem leichten Morgenkleide vor einem fremden Herrn ſtand, und ich fühlte, wie ich erröthete. Doch in demſelben Augenblick kehrten meine Gedanken wieder zur Mama zurück, und meine Augen ſuchten ſie.

Bleich und bewegungslos lag ſie dort, mit einem Ausdruck ſo lieblich, wie ich ihn ſeit Langem nicht geſehen, doch, wie es mir ſchien, in einer Ohnmacht.

Bei dieſem Anblick ſtürzte ich bei dem Herrn vorbei auf ihr Bett zu, kniete nieder und rief, indem ich die ſchmale, liebe Hand zärtlich ſtreichelte, wie ich es ſo oft und ſo gern gethan:Mein Gott! Herr, ſehen Sie denn nicht, daß Mama ohnmächtig iſt?

Doch der fremde Herr blieb zu meinem Erſtaunen gauz ſtumm und bewegungslos und machte keine Miene, mir bei uneinen Bemühungen, Mama wieder zur Beſinnung zu bringen, zu helfen.

Bitte, bitte, holen Sie Waſſer oder irgend etwas, was der armen Mama gut thut! rief ich aus, indem ich ihn an⸗ blickte, und nun erſt ſah ich, wie lieb und freundlich der Aus⸗ druck ſeiner Mienen war. Er ſagte aber noch nichts, ſah mich nur ſo trüb und mitleidig an, daß mir mit einem Schlage Alles klar wurde. Ich ſchnellte aus meiner knieenden Stell⸗ ung empor, ließ Mama's Hand fallen und ergriff die ſeine.

Sprechen Sie! Sprechen Sie! waren die einzigen Worte, die ich in der Angſt meines Herzens hervorbringen konnte. Doch er verſtand mich und antwortete mild:Sie leidet nicht mehr! So dumm und einfältig ich war, ich wußte, was er damit ſagen wollte, Mama war todt!

Der Schlag traf mich ganz unvorbereitet, und mich über⸗ kam ein Gefühl, als ſei auch mein Todesurtheil mir zu⸗ zurufen; vernichtet ſank ich wieder in die Kniee, lehnte mich an's Bett, barg weinend meine Augen in meine Hände und konnte mich nicht faſſen.

O, Mama war todt, war dahin! Sie ſollte fortgebracht werden, hin nach dem Friedhofe, und ich ſollte nichts mehr von ihr ſehen, ihre liebe Stimme nie mehr hören! Alle dieſe Gedanken ſtürmten auf mich ein, und ich vermochte nicht, ſie zu faſſen und daran zu glauben, und doch, wenn ich meine Thränen für einen Moment bewältigt, um meine Gedanken zu ſammeln, trat die volle trübe Wahrheit klar hervor, und ich fiel wiederum in Weinen und Schluchzen.

Geduldig und mit dem Zlicke der zärtlichſten Theilnahme ſtand der fremde Herr neben mir. Jetzt weiß ich ſeine Nach⸗ ſicht und Theilnahme beſſer zu würdigen als damals!

Warum hat man mich nicht rufen laſſen? rief ich klagend in meinen Thränen aus,Sie hätten es mir doch ſagen müſſen, daß Mama ſo krank war; ich bin ja ihr Kind! Es war grauſam und unfreundlich, mich ſo ganz zu ver⸗ geſſen!

Wenn ſie den Wunſch geäußert, Dich zu ſehen, ſagte er mild, und dabei fühlte ich, wie er freundlich ſeine Hand auf meinen Kopf legte,ſo hätten wir Dich ſicherlich rufen laſſen, doch noch bevor ſie es ausdenken konnte, verlor ſie die Beſinnung und gewann dieſe bis zu ihrem Ende nicht