Jahrgang 
1 (1879)
Seite
62
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Concordia.

lange ich nur denken konnte, war die arme Mama ſtets arm und leidend geweſen und hatte bei den Klagen über die mir fehlende Ausbildung und über den Mangel der geringſten Lebensbedürfniſſe nie ein Auge für mein körperliches Ge⸗ deihen und für die Entwickelung meines Geiſtes gehabt. Die Anſpielung auf meine mangelhafte Schulbildung war alſo leider nur zu wahr; es iſt zum Erbarmen, wenn ein drei⸗ zehnjähriges Mädchen bekennen muß, daß es faſt gar nicht rechnen, ſchreiben und leſen kann! Doch Betſy Mitchell ging es nicht beſſer; wir wuchſen zuſammen auf. Ich entſinne mich deſſen noch, daß ich die erſten Jahre, während wir in Salt⸗ pool lebten, täglich mit ihr einige Stunden nach einer Schule in der Nachbarſchaft ging. Später ließ man mich wild wie ein Füllen umherlaufen, und das Wenige, was ich gelernt, war raſch vergeſſen. Da wir nur ein Wohnzimmer hatten und Mama ſo empfindlich gegen Geräuſch war, lief ich im Sommer und Winter faſt den ganzen Tag mit Betſy Mitcchell im Freien umher und kam nur zu den verſchiedenen Mahl⸗ zeiten nach Hauſe; dieſe nahm ich meiſtens in der Küche zu mir, da Mama auch die Gerüche von den Speiſen nicht leiden konnte. In meiner Erinnerung an jene Tage ſteht mir Betſy mit ihrem dunklen Haar und mit ihren leuchtendrothen Backen noch deutlich als ein hübſches, freundliches Kind vor Augen, und wir waren auch ſo innig befreundet, daß ich mich nie der geringſten Streitigkeit entſinne, einmal ausgenommen, wie ſie den Bäckerjungen Tom Müller aufhetzte, zu ſagen, ich hätte eine Stülpnaſe und rothe Haare. Ganz triumphirend rief ich aus:Wenn Ihr mein Haar roth nennt, ſo iſt es das meiner Mutter auch!

Ja, richtig, ſo iſt es! erwiderte Tom verwegen.

Seine Bemerkung über meine Stülpnaſe würde mich wohl kaum ſo gereizt haben, denn im Stillen war der Verdacht, den ich bis zur Stunde auch noch habe, daß meine Naſe ſich in beunruhigender Weiſe erhebe, ſchon in mir erwacht, doch eine Kritik über das köſtliche blonde Haar meiner armen leidenden Mama, die zu krank war, um dieſe Unverſchämtheit ſelbſt zurückzuweiſen, über das ſeidenweiche Haar, das ich ſo oft mit Stolz geſtreichelt hatte, das war mehr, als ich er⸗ tragen konnte. So ſprang ich denn auf Tom zu und gab ihm rechts und links Backenſtreiche, daß er weinend nach Hauſe lief, während ich zu meiner Mama ging, ohne Betſy weiter eines Blickes zu würdigen; ich war ſo tief empört und be⸗ leidigt, daß ich mir vornahm, nie wieder mit ihr zu ſprechen. Doch Abends kam ſie ſo demüthig um Verzeihung bittend an mein Bett, daß ich ihr nicht allein großmüthig vergab, ſondern ſie auch noch zu mir in's Bett nahm, und wir entſchliefen Arm in Arm wie zwei liebende Schweſtern. Mit den Kindern im Dorfe, die in meinem Alter waren, verkehrte ich zwar täg⸗ lich und vertraulich wie mit meines Gleichen und ging ab und zu auch mit in deren Häuſer, wußte mir aber doch in der kleinen Bande eine gewiſſe hervorragende Stellung zu verſchaffen; in unſeren Spielen redeten ſie mich ſtets mit Miß Pet an, und hinter meinem Rücken nannten ſie mich das kleine Fräulein. Doch welch' ein Leben für ein Kind von Stande! Meiſtens kletterten wir in den Felſenklüften umher,

ſuchten Eier von Seemöven und anderen Vögeln, oder lagerten uns im Sommer im hohen Graſe und wanden Kränze und Bouquets von Maiblumen und Himmelsſchlüſſelchen, oder kndelten in der Nähe der Schmiede umher, oder auf den

Scheunendielen in der Meierei, ſelbſt in der Küche des Wirthshauſes. Im Winter vertrieb ich mir die Zeit mit den Taglöhnerskindern, die noch zu klein waren, um mit den Eltern auf Verdienſt auszugehen, und ſah und hörte oft mehr, als gut für mich war. Durch dieſen Verkehr mit Kindern, denen ich an Alter und Bildung überlegen war, konnte es nicht ausbleiben, daß ich herrſchſüchtig und rechthaberiſch wurde, ich jagte und ſchickte ſie wie meine Sklaven und vergaß mich dabei oft ſoweit, mit ihnen zu zanken und zu ſtreiten, als ſtänden ſie mir gleich.

Ich habe bisher nur von meiner Mama geſprochen, des Papa's entſinne ich mich auch kaum. Wenn ich mir die früheren Zeiten, die ſo ganz verſchieden von denen in Salt⸗ pool waren, wieder in Erinnerung rufe, ſo iſt es mir dunkel, als habe damals ein Herr mit uns gelebt, den ich Papa nannte; wie ich ſpäterhin hörte, iſt dieſes in Frankreich ge⸗ weſen.

Gleich nach unſerer Ueberſiedelung nach Saltpool fragte

ich Mama, wo der Papa geblieben ſei, und bekam zur Ant⸗ wort, daß er auf Reiſen gegangen; dabei beruhigte ich mich und fragte nicht weiter, ich war damals noch ſo kindlich, ich glaube, kaum ſieben Jahre alt. Später theilte Mama mir mit, daß Papa geſtorben ſei und ich ihn nie wiederſehen würde, dabei brach ſie in ein ſo heftiges Weinen aus, daß ich nie wieder wagte, Papa's Namen zu nennen. Es ſetzte mich zwar einigermaßen in Erſtaunen, daß weder Mama, noch ich Trauerkleider anlegten, doch da Papa mir zu meinem Glücke weiter nicht fehlte, achtete ich weiter nicht darauf und ſagte im Dorfe überall, wie ich es ſelbſt nicht anders glaubte und wußte, daß ich keinen Papa mehr hätte.

Mein Geburtstag fällt in den ſtürmiſchen Monat März, und ich hatte eben mein dreizehntes Lebensjahr vollendet, als Mama's letzte Krankheit anfing. Nie dachte ich damals daran, daß dieſe ihre letzte ſein ſollte. Mama war ja eigent⸗ lich immer leidend und klagend und ſo zart und ſchwach, daß ſie bei der geringſten Gelegenheit gleich das Bett hüten mußte; ſo hielt ich denn auch dieſes für ein Unwohlſein, wie ſie deren ſchon Hunderte durchgemacht. Ich entſinne mich noch, daß ich anfänglich jeden Morgen und Abend behutſam zu ihr ging und ſie fragte, ob ich ihr gar nicht helfen könne, dann klagte ſie wohl über heftige Bruſtſchmerzen, ſagte aber, es fehle ihr an nichts. Frau Mitchell war ihr eine treue Pflegerin; mich bat dieſe wiederholt, nicht ſo oft zu kommen und die Thür zu ſchlagen, Herr Burrell habe ihr dringend anempfohlen, Mama möglichſt vor Unruhe zu bewahren. Ich wußte wohl, daß es mir bei meiner Lebhaftigkeit nicht möglich war, ruhig zu ſein, deshalb hielt ich mich in dieſen

Tagen lieber außerhalb des Hauſes auf; das Gefühl aber,

daß Mama zu dulden habe, betrübte mich tief und ließ mir keine Ruhe. An Mama's Todestage zuerſt machte mich das

Benehmen von Frau Mitchell neugierig und ernſthaft beſorgt.

Ich hatte am Morgen wieder mit Betſy geſpielt, und wir kamen etwas verſpätet zu unſerer Mittagsmahlzeit, die wir gewöhnlich gegen ein Uhr in der Küche zu uns nahmen. Als wir eintraten, empfing uns Frau Mitchell mit den Worten:Ihr müßt ſehen, wo und wie Ihr etwas zu eſſen findet, ich hatte oben zu viel zu thun und keine Zeit zum Kochen.