Jahrgang 
1 (1879)
Seite
60
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60 Concordia.

nur, es liegen vierzehn Jahre dazwiſchen, ſeit wir uns zuletzt ſahen. Doch es betrübt mich aufrichtig, Dich ſo krank zu finden, ich kam in der Hoffnung, Dir noch helfen zu können.

Und nun kannſt Du es nicht mehr meine letzte Stunde naht? unterbrach ſie ihn.

Er konnte und wollte ihr nicht widerſprechen, wenngleich ſie ihn angſtvoll anſah und ſo gern einen Aufſchub ihres Todesurtheils gehört hätte.

Ja, ich ſterbe, und Niemand wird es beklagen.

Er biß ſich auf die Lippen und ſchwieg; nach einer Weile fuhr er fort:Haſt Du noch Wünſche, die Du gern erfüllt ſäheſt, oder Aufträge an Deine Eltern, die unmöglich eine Ahnung von Deinem Zuſtande haben, ſo ſieh' mich an als Deinen Bruder, vielleicht kann ich Dir dienlich ſein.

Mein Kind! ſtieß ſie ſchwach heraus, der Athem ver⸗ ſiegte faſt,Ulih, bring' es ihnen!

Ulih ſchrak jäh zuſammen; er wußte zwar, daß ſeine Couſine Mutter war, glaubte aber, ihre Kinder ſeien alle in zarter Jugend geſtorben. Daher kam ihm ihr Ausruf über⸗ raſchend, ja beängſtigend.

Dein Kind? wiederholte er.Ich wußte nichts davon iſt es ein Knabe?

Nein, ein kleines Mädchen, das nun ganz einſam und freundlos in der Welt ſein wird; bringe es nach Frampton zu meinem Vater und bitte ihn, ſich ſeiner zu erbarmen, es hat ja Niemanden auf der weiten Welt. Dann, wie er ganz wortlos neben ihr ſtand, fügte ſie ängſtlich hinzu:Er wird Mitleiden mit ihr haben hat er mich doch ſo oft mit Geld unterſtützt wer hätte es auch ſonſt wohl thun wollen?

Und Dein Gatte? fragte Ulih ernſt und beſtimmt, doch mit gedrückter Stimme.

Der iſt fort iſt todt, wie ich nicht anders weiß; er wird ſie nie wieder beläſtigen.

ulih's Blicke wurden immer ernſter; es war ihm ſehr zweifelhaft, ob die Eltern und Geſchwiſter in Frampton dieſe Angelegenheit von demſelben Geſichtspunkte wie ſie anſehen würden, darum zauderte er mit der Zuſicherung, daß ihre Ver⸗ wandten das Kind des ehemaligen Zeichenlehrers berückſich⸗ tigen würden. Die ſterbende Mutter ſah ſein Schweigen und erkaunte deſſen Bedeutung.O, mein armes, liebes Kind! rief ſie in bangſter Sorge aus, indem ſie matt und ſchwach ihre Arme erhob.Ach, Niemand wird ſich ſeiner erbarmen Niemand wird es lieben, und es wird einſam und verlaſſen ſterben wie ich!

Als er ihre Qualen ſah, vermittelte er raſch und entgeg⸗ nete mit feſter Stimme, freundlich ſeine ſtarke Hand auf ihre vom Fieber geſchüttelten Arme legend:Ciſſy, jetzt bin ich Dein Arzt, ſei deſſen eingedenk und folge meinen Anord⸗ nungen; liege ganz ruhig und höre mir zu. Erinnere Dich der alten Zeiten, in denen Du Dir einbildeteſt, mich zu lieben Du weißt, ich war nie wortbrüchig gegen Dich, Du kannſt nicht glauben, daß ich es jetzt ſein wollte. Ich nehme Dein Kind mit mir, bringe es nach Frampton und werde es dort der Liebe und Sorgfalt Deines Vaters anempfehlen; ſollte dieſer verweigern, dafür zu ſorgen ſehnend und erwartungs⸗ voll hingen ihre großen blauen Augen an ihm,ſo werde ich es thun; ſei ohne Sorge, ich werde es ſo halten und pflegen, wie es Deinem Kinde zukommt, und nicht ruhen, bis ich ihm

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ſein Recht erſtrebt. Glaubſt Du mir und willſt Du Dich nun beruhigen?

Du? Ulih Du wollteſt ſo viel für mich thun? fragte ſie ihn verwundert und erſtaunt.

Warum denn nicht, liebe Ciſſy? antwortete er, indem er ſich gewaltſam zwang, gleichgiltig zu erſcheinen.Wir ſind ja ſo nahe Verwandte, und einſtmals, Ciſſy, beglückteſt Du mich ſo unendlich, es dauerte nur nicht lange!

Bei dieſen Worten ergriff ſie ſeine Hand und preßte ſie an ihre brennenden Lippen. Er entzog ſie ihr raſch.Ach, deſſen bin ich nicht würdig! rief ſie weinend und ſchwach; dann wich die augenblickliche Erregung und es trat eine Kriſis ein, in der ihr ganzer Körper erbebte. Ulih hatte dieſe vorhergeſehen, ſie jedoch ſo früh noch nicht erwartet; er zog an der Glocke, und Herr Burrell und Mrs. Mitcchell eilten herbei.

Ich glaube kaum, ſagte er mit leiſer Stimme dem herantretenden Doktor,daß ſie noch wieder zur Beſinnung kommen wird, es wird bald mit ihr zu Ende ſein; ſie iſt zu ſchwach, um einem ſolchen Anfall widerſtehen zu können.

Dabei verſuchte er, ohne daß ſeine Stimme und ſeine Augen die geringſte Bewegung verriethen, die Sterbende, die er über Alles geliebt, etwas aufzurichten. Niemand, der ihn bei dieſem Liebesdienſt anſah, hätte eine Ahnung davon ge⸗ habt, wie heftig ſein tiefverwundetes Herz unter dem ruhigen Aeußeren ſchlug.

Mrs. Mitchell verlor alle Faſſung und rief hände⸗ ringend aus:

Iſt es denn wirklich wahr, daß die arme Dulderin ſo bald nun ſchon ausgelitten haben ſoll? Gott ſei uns gnädig! Dann muß ich aber hinaufeilen und ihr Kind wecken; Petronel würde es mir nie vergeben, wenn ſie ihrer Mutter nicht in der Sterbeſtunde zur Seite geſtanden hätte.

Bleiben Sie hier! hielt Ulih ſie zurück; er ſagte dieſe Worte weder in heftigem, noch in erzürntem Tone, doch ſo beſtimmt, daß Mrs. Mitchell nicht zu widerſprechen wagte. In dieſem Augenblicke dürfen Sie nicht fort; für ein Kind iſt hier auch nicht der Platz.

In ſtummer Ergebung ſetzte ſie ſich wieder auf ihren Stuhl, während beide Aerzte ſich über die Sterbende beugten und ſich beriethen; anſcheinend fehlte ihnen etwas, denn Herr Burrell verließ alsbald die Stube. Beim Oeffnen der Thür hörte man von oben her den Ruf eines Kindes:

Mrs. Mitchell, Mrs. Mitchell! Wie geht es der Mama?

Das iſt Petronel! rief dieſe in Verzweiflung.Mein

Gott, ſie kommt!

Laßt ſie draußen bleiben! gebot Doktor Ford, da die Bewegungen und der Kampf Ciſſy's von Augenblick zu Augen⸗ blick ſchwächer wurden und der letzte Athemzug ſich nahte.

Mrs. Mitchell lief hinaus, und abermals war Ulih allein mit Ciſſy. Behutſam hob er ihren Kopf etwas in die Höhe, lehnte ihn an ſeine Bruſt und ſah ſie innig an; milder Friede breitete ſich während deſſen über ihre Züge, ihre ſchwachen Lippen öffneten ſich, und ihre brechenden Augen fanden die ſeinigen.

Schon lag der Tod darin, doch in dem bittenden Ausdruck konnte er die Sehnſucht nach Vergebung erſpähen, und als Antwort darauf berührte er ihre Lippen mit den ſeinigen. Es ſchien faſt, als hätte er damit das Zeichen zu ihrer Er⸗