Jahrgang 
1 (1879)
Seite
58
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58 Concordia.

Als Römer dies letzte Schreiben den Seinen bei Gelegen⸗ heit des Frühſtückes vorlas, ſaß Klara, wie zur Bildſäule geworden, ganz ſtarr da; jede Farbe war aus ihrem Antlitz verſchwunden und nur ihr Auge deutete an, daß kein Wort, welches der Vater hervorbrachte, für ſie verloren ging. Der Brief warEduard Wellmann unterzeichnet. Erſt als der Vater dieſe Namen ausſprach, bewegte auch Klara ihre Lippen; aber nicht um laut zu ſprechen, ſondern nur leiſe den Namen Eduard zu wiederholen. Klara hatte bisher nicht gewußt, daß Wellmann dieſen Vornamen trug.

Der Krieg lief bald zu Ende und der Friede erfolgte ſchneller, als man erwarten durfte. Die ſiegreichen Truppen kehrten heim und wurden überall, beſonders in der Reſidenz mit Jubel empfangen. Auch im Römer'ſchen Hauſe freute man ſich über dieſe Ereigniſſe.

Wellmann hatte es möglich zu machen gewußt, früher als viele Andere aus ſeinen Dienſtverhältniſſen entlaſſen zu werden, und ſo erſchien er denn eines Tages, ganz unerwartet, im Komptoir ſeines Prinzipals, um ſeine Funktionen in demſelben wieder aufzunehmen.

Römer hieß ſeinen Prokuriſten herzlich willkommen und nahm ihn mit ſich zum Frühſtück hinauf, eine Auszeichnung, die ſo leicht Niemand widerfuhr. Auch die Damen des Hauſes begrüßten den jungen Mann freudig und gratulirten ihm zur glücklichen Wiederkehr. Klara's Aeußerungen ließen jedoch eine gewiſſe Zurückhaltung durchblicken.

Nachdem man im heiteren Geplauder eine Stunde am Frühſtückstiſche verbracht, empfahlen ſich Römer und Wellmann den Damen, um wieder in das Komptoir zurückzukehren, wo der heiteren Frühſtücksſtunde ſehr trübe Geſchäftsſtunden folgen ſollten.

Römer war nämlich dem Falle nahe, und es galt jetzt, Mittel und Wege ausfindig zu machen, den drohenden Schlag abzuwehren. Die beiden Herren komponirten, beriethen und rechneten faſt fünf Stunden hindurch, und endlich zeigte ſich ihnen auch ein Ausweg, der einige Hoffnung auf günſtige Wendung der Sachlage faſſen ließ. Doch die beſte Hoffnung bot immer noch keine Gewißheit. Sicher war nur, daß auch unter den günſtigſten Umſtänden jahrelange Arbeit und große Anſtreng⸗ ung dazu gehören würden, die Firma wieder auf den Stand zu bringen, welche ſie vor dem Kriege innegehabt hatte.

Römer beauftragte ſeinen Prokuriſten, die erſten einleiten⸗ den Schritte zum Beginn der beſchloſſenen Operationen vor⸗ zunehmen, und zog ſich erſchöpft zurück. Doch auch Wellmann

war vorläufig unfähig zur Arbeit und fühlte das Bedürfniß einer.

kurzen Erholung. Er verließ deshalb ebenfalls das Komptoir und begab ſich in den hinter dem Hauſe gelegenen Garten, wo er auf einer Bank im Schatten eines rieſigen Wallnuß⸗ baumes Platz nahm und ſeinen Gedanken nachhing.

Eine plötzlich und faſt lautlos vor Wellmann tretende Geſtalt unterbrach ſeinen Gedankengang, und als er den am Boden weilenden Blick ſeines Auges erhob, ſah er in das verlegen lächelnde Antlitz Klara's, welche vor ihm ſtand. Well⸗ mann erhob ſich ſofort.

Ehe der junge Mann jedoch, wie er beabſichtigte, ſprechen konnte, hatte Klara bereits ihre Verlegenheit unterdrückt und am ihm zuvor.

Lieber Eduard! ſagte ſie leiſe, indem ſie dem jungen Mann ihre Hände auf die Schultern legte,welche Angſt habe ich Ihretwegen ausgeſtanden!

Wellmann ſiel es wie Schuppen von den Augen. Klara hatte ihn durch ihre unerwartete Erſcheinung überraſcht; doch das Geſtändniß, welches ſie jetzt machte, bildete noch etwas Anderes als Ueberraſchung für ihn es verurſachte ihm einen jähen Schreck, weil es nicht allein die Empfindungen des Mädchens für ihn verrieth, ſondern auch ſeine Selbſt⸗ erkenntniß wachrief und ihn über die in der eigenen Bruſt bisher ſchlummernden Gefühle klar machte.

Wellmann war nicht im Stando, ſofort eine entſprechende Antwort zu geben; er machte ſich ſanft von den Händen Klara's los, behielt jedoch dieſelben in den ſeinigen.

Klärchen! flüſterte er endlich und Beide ſahen ſich einen Moment in die Augen, um dann faſt zugleich zu erröthen.

Klärchen! wiederholte er,wie wiſſen Sie, daß ich Eduard heiße? Ich habe Ihnen meinen Vornamen nie genannt!

Der magiſche Bann, in dem ſich Beide einen Augenblick befanden, war gebrochen; das Ueberwallen der Empfindungen hatte ſein Ende erreicht und man ſuchte ſich zu faſſen.

Sie haben ja Ihren letzten Brief mit Eduard Wellmann unterzeichnet! antwortete Klara lächelnd;der Vater hat ihn vorgeleſen und ich habe mir den Namen gemerkt!

Ah wenn ich das vorausſehen konnte, hätte ich den Brief nicht geſchrieben, erwiderte Wellmann,es war unrecht von mir, Ihnen wegen der leichten Verwundung Sorgen zu bereiten, Klärchen!

Leichte Verwundung? meinte Klara,und doch hat dieſelbe ſo bedeutende Spuren hinterlaſſen!

Die Zeit wird ſie nach und nach verwiſchen! erwiderte Wellmann,ganz werde ich freilich die Entſtellung nicht wieder loswerden!

Ah die Entſtellung ſteht Ihnen ſehr gut! rief Klara, ich mag Sie mir gar nicht mehr ohne dieſelbe denken!

Dann will ich ſie gern tragen! antwortete Wellmann ſchnell,der Ausdruck Ihrer Theilnahme macht mich ſehr glück⸗ lich, Klärchen!

Klärchen erröthete wiederum.

Meine Theinahme iſt indeſſen eigennützig, Eduard, erwiderte ſie;ich bin durch das Leſen der Zeitungen ganz kriegeriſch geſtimmt worden möchten Sie mir nicht Einiges von Ihren Erlebniſſen im Felde mittheilen?

Gern, ſobald ſich Gelegenheit dazu bietet! ſagte Wellmann.

Iſt die Gelegenheit nicht ſchon jetzt da? fragte Klara.

Nein, Klärchen! antwortete Wellmann,eilige Arbeit nimmt mich in Anſpruch; ich kam nur einen Moment in den Garten, um mich zu derſelben zu ſammeln.

Alſo ſpäter! meinte Klara lächelnd.

Noch einen flüchtigen Händedruck und Beide trennten ſich.

Mit Unbehagen und ziemlich erſchöpft hatte Wellmann vorhin das Komptoir verlaſſen; mit ſtürmiſchen Gefühlen im Herzen und etwas wirren Gedanken im Kopfe betrat er daſſelbe wieder.

Ueber die Empfindungen, welche in ſeinem Herzen ſo plötz⸗ lich für Klara zur Geltung gekommen waren, brauchte er ſo wenig im Zweifel zu ſein, wie über die Gefühle, welche Klara für ihn hegte und in faſt kindlicher Unbefangenheit an den

Tag gelegt hatte. Nur fragte es ſich, ob die erſten wärmeren