Jahrgang 
1 (1879)
Seite
56
Einzelbild herunterladen

56 Concordia.

yy

dabei hauptſächlich um Wahrnehmung des richtigen Moments zum Einkauf!

Und wann könnte dieſer Moment eintreten, Herr Römer?

Das iſt ſchwer zu beſtimmen; ſagen wir, daß der Ankauf innerhalb Jahresfriſt ſtattgefunden haben kann.

Aber ich muß bis dahin ebenfalls von den Zinſen des Kapitals leben können!

So kaufen wir zunächſt Staatspapiere, deren Kurs nicht ſchwankt und die ſo gut wie baares Geld ſind, ſich auch jeden Augenblick verſilbern laſſen!

Der Baron lächelte und rieb ſich vergnügt die Hände.

Alſo Sie weiſen mein Anliegen nicht zurück, Herr Römer? fragte er,Ihre letzte Aeußerung läßt mich hoffen

Es ſoll mir ein Vergnügen machen, Ihnen dienen zu können, Herr Baron! antwortete Römer;führen Sie die Summe bei ſich?

Ja wohl ich trage das Geld bei mir! erwiderte der Baron und zog. ein ziemlich umfangreiches in Wachstuch ge⸗ ſchlagenes Packet hervor. Er öffnete daſſelbe und begann einzelne Päckchen von Bankſcheinen, von denen jeder einzelne auf fünfhundert Thaler lautete, der Reihe nach aufzulegen.

Römer ſah nur die Notizen auf dem Bande der einzelnen Päckchen an und nahm ſchließlich das Nummer⸗Verzeichniß der Bankſcheine entgegen. Dann erhob er ſich, um an ſein Pult zu treten, wo er einige Formulare ausfüllte, die er ſodann mit einer Verbeugung dem Baron überreichte.

Der alte Herr nahm die Papiere in Empfang, ſteckte ſie ohne Prüfung zu ſich und erhob ſich dann ebenfalls.

Es iſt ſelbſtverſtändlich, Herr Baron, ſagte der Bankier, daß Sie jeden Augenblick Geld erheben dürfen, und ſollte es ſich ereignen, daß ich nicht anweſend wäre, wenn Sie dem Komptoir die Ehre Ihres Beſuches ſchenken, ſo bitte ich, ſich an meinen Prokuriſten, Herrn Wellmann, den Sie bereits ge⸗ ſehen, zu wenden, der ſodann das Weitere veranlaſſen wird.

Es folgten neue Verbeugungen zur Verabſchiedung und

Baron Bodenbrink verließ, von Römer begleitet, das Kahinet. Der Letztere gab dem Beſucher auch noch das Geleit bis zum Ausgange des Komptoirs und kehrte von hier aus erſt in das für ihn reſervirte Gemach zurück. Den jungen Leuten im Komptoir fiel auf, daß ihr Chef bei dieſer Gelegenheit ſein Haupt viel höher wie ſonſt in letzterer Zeit trug.

Als Römer die Thür des Gemaches wieder geſchloſſen, trat er ſchnell zum Tiſche; ein langer, tiefer Athemzug ſchwellte ſeine Bruſt.

Gerettet! war das einzige Wort, welches er hervorſtieß; aber dies eine Wort ſagte viel unendlich viel. Es zeigte in der Ferne ein trübes Bild vom Unglück und Elend einiger Perſonen, die dergleichen bisher nur dem Namen nach kannten; aber es machte auch zugleich mit breitem Pinſel und greller Farbe einen Strich über dies ungewiſſe Bild, welcher es völlig wieder verſchwinden ließ.

4. Kapitel. Der Prokuriſt.

Der Bankier hatte ſich demnächſt in die Stadt begeben und kehrte von dieſem Ausgange erſt nach drei bis vier Stunden in das Komptoir zurück. Unmittelbar nach ſeinem Eintreffen hatte er eine neue Unterredung mit Wellmann,

4

welche weit über eine Stunde an Zeit in Anſpruch nahm. Was während dieſer Friſt zwiſchen den beiden Männern ver⸗ handelt worden, mußte wohl ganz beſonderer Natur geweſen ſein, denn der ſonſt ſo frei ausſchauende und beſtimmt auf⸗ tretende Prokuriſt erſchien für den Reſt des Nachmittages gedrückt, wie von ſchwerer Sorge oder großem Kummer be⸗ laſtet.

Wellmann's Stellung im Geſchäft, ſowie zur Familie des Bankiers war überhaupt eine ſo eigenthümliche, daß man ihn mit voller Berechtigung die Seele des erſteren und die Ver⸗ trauensperſon der letzteren nennen durfte,

Stellungen dieſer Art haben ſtets ihre beſonderen Schwierig⸗ keiten und in dieſem Falle wurden letztere noch durch gewiſſe widerwärtige Umſtände vermehrt, welche eine Art von Bann auf den jungen Mann ausübten, indem ſie ihn verhinderten, zu handeln, wie er unter normalen Verhältniſſen gehandelt haben würde.

Wellmann hatte vor ungefähr ſechs bis ſieben Jahren die Univerſität der Reſidenz bezogen, um auf derſelben die Rechte zu ſtudiren. Nach Ablauf von drei Semeſtern war er neben⸗ bei, um ſeiner Militärpflicht zu genügen, als Einjährig⸗ Freiwilliger in ein Garde⸗Kavalerie⸗Regiment getreten.

Wenige Monate ſpäter erhielt er die Trauerbotſchaft, daß ſein Vater, welcher Bürgermeiſter einer Provinzialſtadt war und noch im rüſtigſten Mannesalter ſtand, ganz plötzlich ge⸗ ſtorben ſei.

Das war ein doppeltes Unglück für die Familie deſſelben, denn der Verſtorbene hinterließ kein Vermögen, und die ſchmale Penſion, welche ſeiner Wittwe zuſtand, reichte zur Unterhaltung für dieſe und ihre fünf Kinder, von denen noch keines in der Lage war, ſich zu ernähren, nicht aus.

Unter ſolchen Umſtänden war für Wellmann nicht daran zu denken, ſeine Studien fortzuſetzen. Es durfte ſchon viel genannt werden, wenn man die Mittel auftrieb, welche nöthig waren, ſeine Militärdienſtzeit glücklich zu Ende zu bringen.

Der junge Mann brauchte einige Zeit, um ſich von dem furchtbaren Schickſalsſchlage, der ſeinem Lebenswege eine ganz andere Richtung geben mußte, wieder zu erholen. Doch ſo wie dies geſchehen und die Spannkraft ſeines Geiſtes vollkommen zurückgekehrt war, richtete er ſein Augenmerk darauf, einen Erwerbszweig für die Zukunft zu ſuchen.

Es war das keine leichte Sache, und nachdem Wellmann einige Tage vergeblich über dieſelbe nachgeſonnen, begab er ſich zu einem entfernten Verwandten, den er in der Hauptſtadt hatte, um dieſem ſeine Wünſche mitzutheilen und ſich ſeinen Rath zu erbitten.

Der Vetter Wellmann's war ein alter Junggeſelle, von Hauſe aus Kaufmann und jetzt ſchon ſeit einer Reihe von Jahren Prokuriſt in einem Bankgeſchäft. Derſelbe hörte die Mittheilung des jüngeren Verwandten aufmerkſam an und billigte zunächſt deſſen Entſchluß. Hiernach machte er ihm den Vorſchlag, die freie Zeit, welche ihm der Militärdienſt laſſe, dazu anzuwenden, als Volontair im Komptoir ſeines Prinzipals zu arbeiten. Er fügte hinzu, daß ſich bald zeigen werde, ob der junge Mann ſich für ein ſolches Geſchäft eigne; ſei dies der Fall, ſo dürfe er nicht allein auf baldige Honorirung,

ſondern nach Ablauf ſeiner Militärdienſtzeit auch auf eine 6

gut dotirte geſicherte Stellung rechnen.