Jahrgang 
1 (1879)
Seite
45
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Zeit mit dem erlogenen Namenphiloſophiſchen Sinn nennt. Sie grübeln, ſinnen und laſſen piich allein die Spur Ihres armen, unglücklichen Onkels aufſuchen, der

Und dennoch irren Sie! rief Edgar lebhaft.So gewiß ich meinen Onkel herzlich liebe, ſo gewiß er unſchuldig und unausſprechlich leidet, ſo wahr mich Menſchheit und die Bande des Blutes auffordern, etwas zu thun, was meine Mitbürger

Concordia. 45

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aus ihrem Gewohnheitsſchlafe wecken ſoll ſo wahr ſoll das, was Sie jetzt Unthätigkeit nennen, meinem Vaterlande bald heilſam ſein.

Edgar! rief Elsner verwundert,dieſe Sprache o,

mein Gott, ſie macht mich gerade von Ihnen ſo glücklich! (Fortſetzung folgt.)

Ein moderner Räuberhauptmann. Von Woldemar Berndt.

Es war im Januar 1879, als faſt alle Zeitungen Oeſter⸗ reichs und Deutſchlands die Nachricht brachten, der Räuber⸗ hauptmann Rozsa Sandor ſei in der ungariſchen Landesſtraf⸗ anſtalt zu Szamos⸗Ujvar geſtorben. Mit ihm verſchwand der letzte Repräſentant der ungariſchen Räuberromantik; das Volk hatte ſeine Perſon ſchon bei Lebzeiten mit einen ganzen Sagenkreis umgeben und verehrte ihn wie einen National⸗ helden. Unzählige Male ſind die Thaten des Räubers be⸗ ſchrieben und in ſchwungvollen Gedichten verherrlicht worden, die im ungariſchen Volke fortleben und den künftigen Ge⸗ ſchlechtern von dem kühnen Bandenführer erzählen werden, der ſein Roß in den Ebenen des Alföld tummelte. Unerbitt⸗ lich gegen die Reichen, großmüthig gegen die Armen, die er oft beſchenkte, verwegen bis zur Tollkühnheit, galant gegen die Frauen und dabei bekannt als derſchöne Sandor, war er ganz danach angethan, ein Held des Volkes zu werden, vor Allem des ungariſchen Volkes, das demszegény legények (arme Burſche), wie es ſeine Wegelagerer beſchönigend nennt, ſeine Sympathien entgegentrug.

Szegedin, die in letzter Zeit zu ſo trauriger Berühmtheit gelangte Stadt an der Theiß, iſt der Geburtsort Rozsa Sandors, wo er am 16. Juli 1813 das Licht der Welt er⸗ blickte. Sein Vater und Großvater waren ebenfalls Räuber, wenn ſie es auch nie zu der Popularität ihres Sohnes und Enkels gebracht haben. Der Vater wurde im Kampfe mit einer gegen ihn ausgeſchickten Patrouille erſchoſſen und San⸗ dor, der mit ſeinen Brüdern dem Vater bereits in Ausübung ſeinesBerufes behilflich geweſen war, übernahm nun die Führung. Er ſammelte eine große Schaar gleichgeſinnter Ge⸗ ſellen um ſich und wurde bald der Schrecken der großen ungariſchen Tiefebene. Menſchenleben hatten für ihn nicht den mindeſten Werth; ohne Beſinnen ſchoß er Den nieder, welcher ſeinen Plänen im Wege ſtand.

Im Anfange der dreißiger Jahre lernte er eine junge hübſche Frau kennen, in die er ſich ſterblich verliebte. Um ſie zu beſitzen, bot er dem Gatten derſelben eine namhafte Summe, aber nichts vermochte dieſen zu bewegen, dem Räuber ſeine Frau abzutreten. Aber Sandor ließ ſich nicht ſo leicht abweiſen; er kam wieder und verdoppelte die früher gebotene Summe, freilich mit nicht beſſerem Erfolg. Da faßte Sandor das in der Bruſttaſche ſteckende Piſtol und eine Sekunde ſpäter lag der Mann ſeiner Angebeteten mit zerſchmettertem Schädel am Boden. Kathi, ſo hieß die Frau des Ermordeten, folgte nun dem Geliebten hinaus in die Pußta und ihre treue Anhänglichkeit an den Räuberhauptmann iſt im Alföld ſprich⸗ wörtlich geworden.

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Im Jahre 1836 gerieth Rosza Sandor zum erſten Male in die Hände von Gensd'armen, die ihn vorläufig im Komitats⸗ haus ablieferten, von wo aus er dem gerichtlichen Gewahrſam übergeben werden ſollte. Es war eine finſtere Nacht, die der Räuber hier zubringen mußte; das Ungewohnte ſeiner Lage und die vorausſichtlich ſchwere Strafe, die ſeiner harrte, be⸗ ſchäftigten ſeinen Geiſt und verſcheuchten den Schlaf von ſeinem Lager. Der Wächter draußen vor ſeiner Kerkerthüre ging mit ſchweren Schritten auf und ab und im Dorfe bellten die Hunde; ſonſt drang kein Laut in Sandor's Gefängniß.

Plötzlich bemerkte er, daß der Schlüſſel in das Schloß ſeiner Zellenthür gebracht wurde; erſtaunt erhob er ſich halb von ſeinem harten Lager und ſeine an die Dunkelheit ge⸗ wöhnten Augen erblickten die Konturen einer dem Anſcheine nach jugendlichen Mannesgeſtalt.

Du biſt frei, koms'! flüſterte der geheimnißvolle Fremde, indem er den Räuber an der Hand faßte und nach dem Aus⸗ gange zog.

Draußen lag der Pandur in ſeinem Blute; ein Dolchſtoß hatte ſeinem Leben ein Ende gemacht. Ueber ſeine Leiche ſtiegen die Flüchtlinge und eilten ſchweigend in die Nacht hinaus. Wiederholt ſchwebte Sandor die Frage auf der Zunge, wem er ſeine Befreiung zu danken habe, aber mit einer Handbewegung gebot ihm der Fremde immer wieder Schweigen.

Endlich, als ſie vor Verfolgung ſicher zu ſein glaubten, mäßigten die nächtlichen Wanderer ihre Schritte, der Fremde blieb einen Augenblick ſtehen und ließ den vollen Schein der geöffneten Blendlaterne auf ſich fallen. Sandor war ſprach⸗ los vor Ueberraſchung; der kühne Befreier war Kathi, die Geliebte des Räuberhauptmannes!

Von jetzt an wurde Rosza zwar vorſichtiger, aber ſeine Raubzüge begann er im großen Style auszuführen. Die reichen ungariſchen Edelſitze erfreuten ſich ſeiner beſonderen Aufmerkſamkeit und wehe dem Magnaten, der es magte, Widerſtand zu leiſten; ſein Schloß fiel unfehlbar der Brand⸗ fackel zum Opfer. Furcht und Schrecken knüpfte ſich an den Namen Rozsa Sandor und die reichen Gutsbeſitzer ſuchten ſich dadurch ſeiner zu erwehren, daß ſie ihm eine gewiſſe, oft ziem⸗ lich bedeutende Summe zahlten, wogegen er ſie mit ſeinem unwillkommenen Beſuche zu verſchonen verſprach.

Eines Tages feierte die Tochter eines bekannten ungari⸗ ſchen Großgrundbeſitzers ihre Vermählung mit einem in Wien garniſouzrenden Kavallerieoffizier aus altadeliger Fauiilie. Die Hochzeit fand auf dem väterlichen Schloſſe ſtatt und faſt die geſammte hohe ungariſche Ariſtokratie hatte ſich ein⸗