44 Concordia.
in all' Deinen Büchern
„Agnes, das darfſt Du mir glauben, herzlich liebt als
giebt's keinen Vater, der ſeine Tochter ſo
ich Dich!— Nun, ich bin mit meinem Kinde wieder einver⸗ ſtanden und der Schuldbrief iſt zerriſſen!— Wo lebt ein
Menſch, der glücklicher wäre als ich! Die ganze Hoffnung meines Lebens halte ich jetzt in meinen Armen!“
Die Gattin ſtand ihm bewegt gegenüber und mit Thränen im Auge fragte ſie halb vorwurfsvoll:
„Gehöre ich nicht zu Euch?“
„Vergieb mir!“ entgegnete er raſch,„vergieb mir, liebe Marie! Was wäre mein Leben ohne Dich! Wer könnte ſich ſo herzlich mit mir über meine Agnes freuen, als die,
welche mir ſie gab. Jetzt will ich Deinen Flüchtling Arthur
aufſuchen; Gott laſſe mich ihn finden, wie ihn mein Kind verdient!“
Er wandte ſich zum Gehen; doch an der Thür kehrte er nochmals um, reichte ſeinem Weibe die Hand und ſprach:
„Ich bin nicht empfindſam, liebe Marie, aber daß ich Dich vorhin überſah, als ich wähnte, all' mein Glück in den Armen zu halten— das thut mir weh!“
Er drückte ſeiner Gattin einen Kuß auf die Lippen und verließ raſch das Zimmer.
Mutter und Tochter ſchauten ihm bewegt nach.
„Liebe Tochter,“ ſprach die Erſtere bewegt,„größeren Segen kann ich Dir nicht wünſchen, als Deinem künftigen Mann das Herz Deines Vaters.“
„Das fühle ich!“ entgegnete Agnes innig.
„Er iſt heftig— in einer Familie gisbt's der Gelegenheiten zu kleinen Zwiſtigkeiten mancherlei— ach, aber ſein edles Herz ſorgte dafür, daß jeder Zwiſt unſere Herzen noch enger vereinigte.“
Das Geſpräch der Beiden wurde durch den Eintritt Ed⸗ gar's unterbrochen.
.„Störe ich, meine Damen?“ fragte er mit ſeiner be⸗ ſcheidenen, milden Stimme. Und da er in den Augen der beiden Frauen Thränen glänzen ſah, fuhr er fort:„Haben Sie Mißvergnügen gehabt?“
„O, nein, Herr Walther,“ entgegnete Frau Elsner.
„Und doch haben Sie geweint?“
Agnes wandte das umflorte Auge zu ihm und ſprach mit bewegter Stimme:
„Es ſind Dankesthränen, Herr Walther!— Thränen der Tochter und Mutter über die Liebe des guten Vaters und Gatten.“
„Freudenthränen?“ entgegnete er innig,„o, dann laſſen Sie mich hier! So wohl war mir lange nicht, die zu ſehen! Wohl dem, über den man ſie weint.“
„Ja, wohl ihm!“ ſagten Mutter und Tochter faſt zugleich.
„Nun wird wohl auch der Ernſt aus Ihren ſchönen Augen verſchwinden, mein liebes Fräulein.“
„Ernſt?“ fragte unter Thränen lächelnd Agnes,„und den werfen Sie mir vor?“
„Gewiß.“
„Verzeihen Sie, Herr Walther, daß ich die Frage meiner Tochter wiederhole— den Ernſt ſollten Sie doch wohl nicht tadeln!“„
„Warum nicht?“
„Fragen Sie mich das noch?“ 1
„Gewiß!“ entgegnete er beſtimmt;„denn daß die allge⸗ meine Meinung von mir auch die Ihrige wäre, das glaube ich nicht.“
„Herr Walther, Sie dürfen verſichert ſein, daß wir in Ihnen einen Mann ſchätzen, der—
„O, ich wollts keine Wendung der Höflichkeit; ich bat um Meinung Ihrer Herzen.“
„Lieber Herr Walther—“
„Was Gewohnheiten, was die Fehler gegen das Her⸗ kommen betrifft, darüber laſſen Sie uns hinausgehen,“ fuhr Edgar fort.„Habe ich hierin Dinge angenommen, welche Ihnen nicht gefallen, ſo geſchah es— aus Zufall— ich hatte ja Niemand, dem es lieb geweſen wäre, wenn ich es nicht gethan hätte.“
In dieſem Augenblicke trat Elsner wieder ein. Er reichte Edgar freundlich die Hand und ſprach:
„Das iſt hübſch von Ihnen, daß ich Sie einmal in Ge⸗ ſellſchaft finde.“
„Wenn ich nicht fürchtete, die Damen zu ſtören, vielleicht auch zu langweilen, würde ich mir öfterer erlauben hierherzu⸗ kommen— allein—“
„Ei, ei, lieber Edgar,“ entgegnete lächelnd Elsner,„haben Sie ſich ſo plötzlich zum Phraſenthum bekannt?“
Edgar erröthete leicht.
„Nun, vielleicht iſt das ein gutes Zeichen, daß Sie auch endlich zu neuem Leben erwachen!“ fuhr Elsner fort.„Ich bin bei aller Liebe nicht blind für Sie. Ihr Bruder weiß recht wohl, daß ich Ihr einſames Grübeln, Ihr Einſchließen, mit einem Worte, Ihre Unthätigkeit, ebenſo haſſe, als ſeinen Hang zum Leichtſinn.“
„Halten Sie mich für ſo ſcheiden.
„Gewiß, das thue ich.— Sehen Sie, lieber Edgar, Sie haben Eindruck auf die Menſchen gemacht, unter denen Sie leben. Man hat Erwartungen von Ihnen; das allgemei Beſte hat Rechte auf Sie. Dieſe Dinge beſtimmen Ihren Beruf, und zwar iſt dies der edelſte, den ich kenne. Sich wochenlang in die Bibliothek Ihres Großvaters begraben und ſich über Varianten ängſten, heißt nicht, ihn erfüllen.“
„Ich kann Ihnen nur bedingungsweiſe Recht geben,“ ent⸗ gegnete lächelnd Edgar.
Elsner aber fuhr fort:
„Glauben Sie mir, Edgar, es iſt leichter, über die Ver⸗ derbtheit der Menſchen zu klagen, als zu ihrer Beſſerung thä⸗ tig zu ſein. Man macht gute Menſchen, wenn man ihr Gutes ſucht und ſie darauf aufmerkſam macht. Der finſtere Späher
nach Argem erzeugt Argwohn, und wer immer prüft, ge⸗ 4
die
unthätig?“ fragte Edgar be⸗
nießt nie!“
„Wenn ich zu dem Gemälde geſeſſen haben ſoll, das Sie ſoeben entworfen, ſo malen Sie mit etwas zu harten Farben,“ entgegnete Edgar.
„Mag ſein!“ fuhr Elsner fort;„aber ſagen Sie ſelbſt, worin unterſcheiden ſich meine Gefühle üben Sie und Ihren Bruder?— Er kränkt mich— Sie bekümmern mich.— Ihr Bruder lacht aller ernſtlichen Pflichten des Staatsbürgers und eine edle Blume blüht ungenutzt— Ihre Kräfte ſchlummern für ein Ideal, für die Geburt Ihres Eigenſinnes. Sie thun nichts, weil Sie nichts Ausgezeichnetes thun können. Mit einem Worte, Sie kranken an der thörichten Mode, die unſere
———„


