Jahrgang 
1 (1879)
Seite
37
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ſie ihren Liebling zu ſich genommen, um ihn ſanft und ſicher

zu bergen, bis auch ſie zu ihnen kommt. Es wird auch nicht lange mehr ſein bis dahin, glaub' es nur und halte Dich daran!

Dieſe Worte ſchienen tröſtend zu wirken, die Tiefbetrübte vermochte es über ſich, ihren heftigen Schmerz zu unterdrücken, und legte ihr müdes Haupt mit geſchloſſenen Augen in die Arme ihrer treuen Freundin. Doktor Ford erhob ſich, um zu gehen; ſein Herz blutete beim Anblick dieſer Trübſal, er be⸗ dauerte aufrichtig, hier keinen geiſtlichen Troſt ſpenden zu können, und ſah mit Kummer ein, daß ſeines Bleibens hier nicht länger ſei, für ihn war die Gelegenheit, der armen Mutter zu helfen, dahin. So wandte er ſich nochmals an dieſe, er⸗ innerte ſie daran, daß Gott ihr noch ein Kind gelaſſen und daß ſie ſich in der Sorge für dieſes aufeichten müſſe, und ſchied, indem er ihr noch ein Goldſtück in die Hand drückte, begleitet von dem Dank und dem Segen der beiden Frauen.

Auf ſeinem Heimwege fühlte er ſich gedrückt, doch nicht mehr wie gewöhnlich; Szenen ähnlicher Art erlebte er ja faſt täglich. Wie mochte es wohl mit ſeinem Slauben und Hoffen ausſehen, und wie dachte er über Vergangenteit, Gegenwart und Zukunft? Allem Anſchein nach machte Nichts Eindruck auf ihn, und wir müſſen nun aus dem weiteren Verlauf der Erzählung ſehen, ob ſeine Freunde recht hatten, wenn ſie behaupteten, daß er alles Gefühl bis auf die Liebe zu ſeinem Beruf überlebt.

Bei Ulih's Rückkehr öffnete ihm ſein treuer Diener Wheeler die Thür und übergab ihm ſchweigend die in ſeiner Abweſen⸗ heit eingegangenen Briefe. Es iſt eigenthümlich, daß meiſten⸗ theils die Dienerſchaft der Aerzte und Zahnärzte ganz nach einem Modell geſchult zu ſein ſcheint, ſchweigſam wie Leichen⸗ träger oder Dickens'Littimer. Ordnung, Präziſion und zuvorkommendes Weſen ſcheinen ihnen angeboren zu ſein; jedenfalls iſt bei der Wahl der betreffenden Perſönlichkeiten mit beſonderer Sorgfalt verfahren worden und haben dieſe eine ſtrenge Probe beſtehen müſſen, bevor ſie zu den Myſterien der ihnen anvertrauten Räume zugelaſſen werden, in denen oft die wichtigſten Konſultationen und die ſchwierigſten Operationen ſtattfinden. Trotz aller äußerlicher Verſchiedenheiten haben ſie Alle das nämliche ſtereotype Weſen. Geräuſchlos und behut⸗ ſam öffnen ſie den Ankommenden die Thür, fragen mit ge⸗ dämpfter Stimme, ob ſchon eine Verabredung oder Aehnliches mit dem Herrn getroffen ſei, und führen dieſen, nachdem ſie ſich davon überzeugt, daß der Eintritt berechtigt iſt, in das elegant eingerichtete und doch ſo unerquickliche Wartezimmer, in dem auf dem Tiſche derPunch und andere Lektüre heiteren Inhalts ausgebreitet liegen und deſſen Wände ſchon mehrere verzagte Leibensgefährten ſchmücken. Mit ſtrafendem Blick, in dem ebenſo viel Esſtaunen wie Vorwurf liegt, zügeln ſie die Ungeduld, wenn Einer oder der Andere ſich der Thüre nähert in der Hoffnung, vorgelaſſen zu werden, bevor die Reihe an ihn gekommen, mit ſtummer Verbeugung öffnen Sie dem glücklichen Sterblichen, deſſen Wartezeit beendet iſt, die Thür und ſchließlich entlaſſen ſie Den, der die geheimnißvollen Thore hinauswandert, bei ſeinem Rücktritt in die Anßenwelt mit vielſagenden, theilnehmenden Mienen, gleichſam als ob ſie von dem ganzen inneren Mechanismus und von allen Ver⸗ hältniſſen ebenſo viel wüßten, wie ihr Herr, und als ob ſie Mitleid fühlten mit den wenig günſtigen Ausſichten.

Concordia. 37

Ganz durchdrungen von der Wichtigkeit ſeines Poſtens, war auch Wheeler keine Ausnahme von der Regel; er war immer gleich ſteif und ſchweigſam, für ihn hätte jeder Tag ein Begräbnißtag und hätten alle Patienten unrettbar ver⸗ loren ſein können, man hätte es ihm doch nicht angeſehen.

Doktor Ford nahm die ihm überreichten Briefſchaften, faltete ſie zuſammen, und trat raſch in's Speiſezimmer, indem er noch zurückrief:Wheeler, geh' zu Herrn Auſtin und ſage ihm, ich ließe ihn bitten, zu mir zu kommen.

Da bin ich wieder, und bin doch auch nicht viel länger fortgeblieben als ich glaulbte; jetzt, Marcia, ſei ſo gut und ſchaffe uns einen ſtarken erwärmenden Trunk und ſorge für Cigarren, Du haſt den armen Bertram vergeblich danach ſchmachten laſſen; Ihr Damen ſeid immer rückſichtslos!

Soll geſchehen, Ulih, ich habe nicht daran gedacht, er⸗ widerte Marcia, indem ſie hinausging.

Der Doktor legte ſeine Briefe auf den Tiſch, beugte ſich über das praſſelnde Kaminfeuer und ſagte, indem er die er⸗ ſtarrten Hände rieb:

Eine bitterböſe Nacht, Bertram, ich wüßte mich kaum zu entſinnen, daß der Wind je ſo ſchneidend geweſen wäre, und dabei fällt der Regen in Strömen herab. Doch ich denke, es wird nicht lange ſo bleiben, obſchon das Barometer bis jetzt noch immer fällt.

Jetzt bleibſt Du doch wohl zu Hauſe?

Ja, ich denke. Ich habe für heute meine Schuldigkeit in vollem Maße gethan, den armen Auſtin kann ich aber nicht dispenſiren, der muß noch einige Patienten beſuchen.

Dann nahm er die vorhin zur Seite gelegten Briefſchaften und wandte ſich zum Licht; ein langes blaues Couvert, worauf per Telegraph ſtand, feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit beſonders, und er öffnete es raſch mit verdrießlichen Mienen. Bertram entging dieſes nicht, und wie er ihn näher beobachtete, um den Grund zu erforſchen, ſah er zu ſeinem Erſtaunen, daß die Züge des Freundes ſich in einer Art ſtreng und hart ver⸗ zogen, wie er es nie bemerkte. Die hohe Stirn legte ſich ge⸗ dankenvoll in tiefe Falten, das milde Auge wurde düſter, und Ulih preßte die Lippen auf die Zähne, als ob er ſich vor⸗ bereiten wollte, einer großen geiſtigen oder körperlichen Pein entgegenzutreten. Aber Bertram hatte kaum Zeit gehabt, über dieſen auffälligen Wechſel zu erſtaunen, ſo war auch ſchon Alles vorbei: die Eindrücke, welcher Art ſie immerhin geweſen ſein mochten, ſchienen überwunden, und Ulih war wieder der Alte und ſofort mit ſich einig. Mit der einen Hand zog er die Glocke, mit der anderen griff er zum Bradſchaw, der auf dem Nebentiſche lag, und nachdem er gefunden, was er ſuchte, ſah er die anderen Briefe durch.

Wheeler und Marcia traten wieder in die Stube.

Wheeler, beſorge ſofort einen Wagen, der mich nach dem Bahnhofe bringt, und packe meinen Reiſeſack; es iſt ein Schrei⸗ ben eingegangen, das mich nach auswärts ruft, vor morgen früh werde ich nicht zurückkehren. Iſt Herr Auſtin benach⸗ richtigt? Schicke nochmals hin, um ihn zur Eile zu mahnen, und laß ihm ſagen, ich müßte ihn in zehn Minuten ſprechen.

Ulih, rief ſeine Schweſter aus, die ſtumm vor Erſtaunen Alles mit angeſehen hatte, während Wheeler, ohne ein Wort zu ſagen, verſchwand, um den Befehlen ſeines Herrn nachzu⸗ kommen; er würde um keinen Preis der Welt ſein Erſtaunsn zu erkennen gegeben haben, ſelbſt nicht, wenn ihm der Befehl