Jahrgang 
1 (1879)
Seite
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ich erkenne ja die Wirkung, welche dieſer Schandbrief auf Sie macht, in Ihrem Aeußern. Verlieren wir alſo für jetzt kein Wort über denſelben, bis wir den Gegenſtand mit Ruhe behandeln können. Ha! mir ein ſolches Anerbieten und der Preis: mein einziges Kind!

Römer brach jäh ab und riß dem immer noch wie ver⸗ ſteinert daſitzenden Wellmann das Billet aus der Hand.

Gehen wir zu anderen Sachen über! fuhr der Bankier, wieder Platz nehmend, fort.Haben Sie die Bedingungen für die Verpachtungen von Lomath entworfen?

Wellmann ſchien aus einem ſchweren Traume zu erwachen. Er mußte ſich offenbar Gewalt anthun, dem Ideengange ſeines Prinzipals zu folgen. Es gelang ihm nur halb, ſich zu faſſen, und mit unſicherer Hand nahm er ein Papier in Folioformat vom Tiſche auf, um es Römer zu reichen.

Gut! ſagte dieſer, das Papier nehmend,kommt es heute zum Abſchluß des Vertrages oder, was die Hauptſache iſt zur Zahlung der ausbedungenen Summen, ſo werde ich mit meiner Familie ſchon in den nächſten Tagen auf längere Zeit die Stadt verlaſſen und Sie das Regiment allein im Hauſe haben. Meine weiteren Dispoſitionen deswegen werde ich ſpäter treffen; laſſen wir auch alles Uebrige bis zu meiner Rückkehr vom Notar; es iſt Zeit, daß ich mich in deſſen Bureau verfüge!

Römer erhob ſich und Wellmann folgte, immer noch zer⸗ ſtreut, der erhaltenen Weiſung; der Bankier traf ſeine Vor⸗ bereitung zum Ausgehen. Doch ehe er noch damit zu Stande gekommen, kehrte Wellmann in das Kabinet zurück.

Herr Römer, begann er etwas gefaßter als vorhin,

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ein Baron von Bodenbrink wünſcht Sie ſprechen!

Bodenbrink Bodenbrink! murmelte Römer,ich kenne keinen Menſchen dieſes Namens. Iſt der Mann jung oder alt?

Der Baron iſt ein älterer Herr! erwiderte Wellmann.

Kommt mir eigentlich ungelegen, meinte Römer ver⸗ drießlich,doch bitten Sie den Herrn, einzutreten; hoffentlich wird er mich nicht lange aufhalten.

Wellmann ging und gleich darauf betrat ein Herr, viel⸗ leicht im Alter von ſechszig bis ſiebenzig Jahren, höflich grüßend, das Zimmer.

Römer dankte entſprechend und bot dem Beſucher einen Seſſel; er ſelbſt blieb jedoch ſtehen.

Womit kann ich dem Herrn Baron dienen? fragte er.

Mein werther Herr Römer! begann der Baron,ich war bis heute Gutsbeſitzer, habe jedoch meine Beſitzung ver⸗ kauft und beabſichtige in der Reſidenz zu leben. Mein Kapital beträgt zweihunderttauſend Thaler und ich wünſche daſſelbe ſo anzulegen, daß es mehr als die gewöhnlichen Hypotheken⸗Zinſen trägt. Mich leiten dabei nicht Habgier oder Geiz, ſondern die Abſicht, ſchon bei Lebzeiten zahlreiche Seitenverwandte Kinder habe ich nicht unterſtützen und verſorgen zu können. Ich kenne wenig von Geldgeſchäften und man hat mich an Sie gewieſen, weil Ihre achtbare Firma ſtets bemüht ſein ſoll, vorſichtig und deshalb glücklich zu operiren. Würden Sie geneigt ſein, mir Ihren Beiſtand zur Erreichung meines Zweckes zu gewähren?

(Fortſetzung folgt.)

dringend zu

3 Betronel.

Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung)

3. Käpitel. Eine telegraphiſche Depeſche.

Die nächſte Thür, die ſich Ulih öffnete, gehörte zu einem Hauſe, das bedeutend anſpruchsloſer war als die beiden vorigen; es war ein niedriges, beſcheidenes Gebäude in einer langen ſchmalen Gaſſe nach Art derer, wie ſie den Anſprüchen der

Seeleute genügen. Doktor Ford's vorſichtiges Klopfen wurde

im Hauſe ſogleich erkannt und von innen beantwortet. Die Bewohnerin war ein ältliches, hageres, unverheiratetes Mädchen, in deſſen ſonſt harten, unfreundlichen Zügen Sorge und Liebe einen faſt milden Ausdruck hervorgerufen.

O, Doktor Ford, ich wußte wohl, daß Sie noch kommen würden. Denken Sie nur, ich habe ihr klar geſagt, wie es mit ihr ſteht; ſie fragte mich ſo eindringlich, daß ich es nicht vermeiden konnte, ihr die Wahrheit zu ſagen.

Es thut mir leid, ſagte Ulih, ſich ſeines durchnäßten Mantels entledigend,ich glaubte, Sie beſtimmt darauf auf⸗ merkſam gemacht zu haben, daß Sie ſie vor Aufregungen zu bewahren ſuchen müßten.

Das thaten Sie allerdings, doch was ſollte ich machen? Wie ich ihr vorhin den Thee gab, ſah ſie mich unverwandt an und ſagte:Lottie, ſage mir die Wahrheit, iſt mein Ende nahe? Nie im Leben habe ich ihr die Unwahrheit geſagt,

und wie konnte ich es nun, ſo kurz vor der Scheideſtunde! Arme, arme Annie!. Inzwiſchen waren Beide in's Wohnzimmer getreten; es

war nur ſehr klein, doch ſorgſam geſchmückt mit rothen und

grünen Wollgardinen, die wenigen Stühle waren mit Haar⸗ tuch überzogen, das Kamingeſims zierten Muſcheln aller Art, und doch ſchien der Raum in dieſem Augenblick ein Tempel des Schmerzes und des Kummers zu ſein.

Glauben Sie, daß es ihr ſchaden oder gar ihr Ende be⸗ ſchleunigen könnte? fragte Miß Warren beſorgt und dabei ſank ihre ſonſt ſo harte Stimme zu einem leiſen Flüſtern herab.

Ulih legte freundlich ſeine Hand auf die ihrige.Nein, nein, das glaube ich nicht, tröſten Sie ſich in dem Gedanken, daß nichts das Leben Ihrer Schweſter länger erhalten hätte.

Daß in dieſen Worten kein Troſt lag, wußte Ulih wohl; die arme ſchwache Perſon ſank vor ihm in die Kniee, lehnte ſich an den morſchen Tiſch und weinte bitterlich. Geduldig ſtand er neben ihr, dann richtete er ſie liebreich auf, als ob ſie eine Schweſter oder eine liebe Freundin ſei, und wie ihr Schmerz ſich etwas beruhigt, ſagte er, ſeine Hand ſanft auf ihre Schultern legend:Kommen Sie, Miß Warren, bedenken Sie, wie nothwendig jetzt Ihre Hilfe noch iſt, für Ihren Schmerz werden Sie nur zu bald Zeit genug haben.