34 Concordia.
„Ja— vielleicht!“ meinte Römer,„im Uebrigen hat die Sache nicht die Bedeutung, welche Du ihr beizulegen ſcheinſt. Falk hat nie mein Vertrauen beſeſſen und die Löſung unſeres Verhältniſſes wird ſich daher leicht vollziehen. Ich habe darüber fortgeſehen, daß er mich geſchäftlich beobachten ließ, kann aber nicht dulden, daß ſolches auch in Betreff meines Familienlebens geſchieht, denn der damit verbundene Zweck kann nur ein unlauterer ſein!“
Frau Römer wollte etwas entgegnen, doch unterdrückte ſie dieſe Abſicht ſchnell wieder.
„Laß gut ſein!“ ſagte ihr Gemahl, als er jenes bemerkte, „wir verſtehen uns ohnehin ſchon über den Herrn. Fröhliches Wiederſehen, meine Theure!“
Der Bankier küßte ſeiner Frau die Hand und ſtieg nach
einer leichten Verbeugung die Treppe hinab. Frau Römer
blieb ſtehen, bis er ihren Augen entſchwunden war, dann
wendete ſie ſich ab und ſchritt langſam wieder dem Frühſtücks⸗ ſalon zu. Ihre Geſichtszüge waren bei dieſer Gelegenheit nachdenklich und beſorgt. Der Bankier Falk war ein lang⸗ jähriger Geſchäftsfreund ihres Mannes. Es kam ſo ſelten vor, daß ſich der Letztere mit Jemand überwarf; die Spannung zwiſchen den beiden Männern mußte doch wohl von größerer
Bedeutung ſein, als Römer gelten laſſen wollte.
3. Kapitel. Sinter den Couliſſen.
Herr Römer ſchritt durch das Portal des Hauſes auf die Straße; er ging an dem Hauſe entlang, bis zu einem Seiten⸗ gange deſſelben. An dieſem Eingange lag das Komptoir, in welches er ſich begab.
Im Komptoir waren ein halbes Dutzend junger Leute beſchäftigt, die den Gruß ihres eintretenden Chefs höflich erwiderten, um hiernach ihre Arbeit weiter fortzuſetzen.
Römer ſchritt, ohne ſich um Anderes zu kümmern, bis zu dem etwas erhöhten, umfangreichen Pult ſeines Prokuriſten.
„Ich erwarte Sie, Herr Wellmann!“ ſagte er zu demſelben und ſchritt, ohne ſeinen Gang zu hemmen, auf eine Thür zu, welche in der jenſeitigen Wand angedbracht war; durch jene trat er in das für den Chef der Firma reſervirte Komptoir⸗ zimmer— das Allerheiligſte dieſer Räume.
Als Römer dies Kabinet betreten hatte, warf er einen
Blick auf das in demſelben befindliche Geldſpind und— ſeufzte. Er nahm mehr hinſinkend, als ſich ſetzend, Platz auf einem Polſterſeſſel, ſtützte den Ellenbogen auf den Tiſch und den, jedenfalls ſorgenſchweren Kopf in die Hand. Kaum hatte er jedoch in dieſer Weiſe Platz genommen, als Wellmann, das Hauptbuch unterm Arm und einige andere Papiere in der Hand, im Zimmer erſchien.
Römer ließ die Finger leicht über die Stirn gleiten und richtete ſich auf.
„Nehmen Sie Platz, lieber Wellmann!“ ſagte er, auf einen Seſſel deutend;„was giebt es Neues?“
Der Prokuriſt folgte der Einladung ſeines Prinzipals unter einer leichten Verbeugung und legte das Buch, ſowie die Schriftſtücke vor ſich auf den Tiſch.
„Es iſt ein Privatbrief für Sie, unter Adreſſe der Firma, eingelaufen, Herr Römer,“ begann der Prokuriſt;„ich habe denſelben demzufolge geöffnet und geleſen. Es ſcheint Ihnen
ein unvorhergeſehener Verluſt zu drohen, denn die am erſten Januar abgeſchickten Zinſen für das auf Ihr Gut Lomath eingetragene Kapital ſollen nicht an den Empfänger gelangt ſein. Es wird bei der Poſt Nachfrage gehalten werden müſſen!“
Das Geſicht Römer's zeigte die unangenehmſte Ueber⸗ raſchung.
„Fatal!“ rief er, indem er ſich augenſcheinlich Mühe gab, ſeinen Unmuth zu beherrſchen.
„Außer dem möglichen Verluſte,“ fuhr Wellmann fort, „kann Ihnen daraus wohl kein Nachtheil erwachſen; man wird hoffentlich ſo anſtändig ſein, nach Vorlegung des Poſt⸗ ſcheins, billige Rückſichten zu nehmen!“
Römer hatte ſich völlig wieder gefaßt.
„Schoön richtig!“ meinte er,„demungeachtet muß das Geld ſofort übermittelt werden; es kann per Draht geſchehen. Ich werde das ſelbſt beſorgen und auch die weiteren Schritte in der Angelegenheit thun.“
Römer nahm das von Wellmann emporgehobene Schreiben an ſich und legte es bei Seite.
„Der Geldbrief iſt nicht durch das Komptoir befördert!“ warf der Prokuriſt noch ſo nebenbei hin.
„Nein, nein, ich weiß!“ ſagte Römer ärgerlich,„mein Diener hat ihn zur Poſt getragen; doch was giebt es weiter?“
„Zunächſt möchte ich mir erlauben, einige Worte über unſeren Agenten Meißner zu äußern,“ erwiderte Wellmann, „ich bin beſorgt, daß der Mann das ihm geſchenkte Vertrauen mißbraucht!“
„Meißner hatte ſich nie Ihres Wohlwollens zu erfreuen,“ ſagte der Bankier ziemlich gleichmüthig.„Haben Sie Be⸗ weiſe, daß er ſich einer Indiskretion ſchuldig gemacht?“
„Das gerade nicht, Herr Römer!“ antwortete der Prokuriſt, „aber ich habe ihn geſtern in ſehr vertraulicher Unterredung mit Herrn Falk beobachtet!“
Römer warf den Kopf heftig zurück.
„Falk und immer Falk!“ ſtieß er zornig N„es iſt zwar noch kein Beweis von Meißner's Unzuverkſſigkeit, wenn er mit Falk ſpricht, aber es iſt beachtenswerth und ich danke Ihnen für den Wink. Verrathen könnte er für dieſen Augen⸗ blick nux, daß ich einen Pächter für Lomath geſucht, und das iſt von keiner Bedeutung!“
Trotz dieſer letzten Aeußerung erhob ſich der Bankier heftig
erregt ugd begann mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abzugehen. Mehrmals warf er dabei einen Blick auf Wellmann, als beabſichtige er, demfelben etwas von Wichtigkeit zu eröffnen, und ſchien doch nicht zu einem Entſchluſſe kommen zu können. Endlich blieb er vor dem jungen Manne ſtehen und zog ſchnell das vorhin erhaltene Billet aus der Taſche. „Leſen Sie!“ ſtieß er hervor und ſetzte ſeine Wanderung fort, ſo wie ihm Wellmann das Billet abgenommen hatte. Dieſer entfaltete das Briefchen und begann daſſelbe zu überfliegen, doch noch ehe er damit zu Ende kam, wich jeder Blutstropfen aus ſeinem Geſicht und ſein Auge ward ſtarr; der Blick deſſelben ſchien einen Moment erlöſchen zu wollen. Wellmann ſtarrte das Blatt noch immer an, nachdem er daſſelbe ſchon längſt überflogen haben mußte, und dies ver⸗ anlaßte vielleicht den Bankier, ihm wieder näherzutreten. „Was ſagen Sie dazu?“ rief Römer ſcharf betont,„aber Sie haben nicht nöthig, etwas zu ſagen, lieber Wellmann;


