—
,—
Concordia. 33
Die drei anderen Damen lächelten zu der Weiſe, wie der Bankier die Einwürfe ſeiner Schweſter niederzuſchlagen ver⸗ ſtand, und Fräulein Amalie machte ſich angelegentlich mit ihrem Teller zu ſchaffen.— Rümer's Zuſtand erlaubte ihm nicht, kulinariſchen Genüſſen in bedeutendem Umfange zu fröhnen. Er zog ſich deshalb vom Frühſtückstiſche zurück und nahm an einem Nebentiſche Platz, um die Zeitung zu leſen.
Dies war ſtets eine Art Abſchnitt in der Beſchäftigung,
welcher man oblag. Die Damen ſetzten dieſelbe zwar fort,
unterhielten ſich jedoch von jetzt ab nur mit leiſer Stimme, um den Hausherrn nicht in ſeiner Lektüre zu ſtören.
Eine ſolche Störung ſollte heute jedoch in anderer Weiſe erfolgen. Die Thür ward geöffnet und der Diener Paul trat in das Zimmer.
Der Menſch trug eine ſilberne Platte, auf welcher ein Schreiben lag, in den Händen und ſein hämiſch⸗ſchadenfrohes Geſicht konnte faſt die Vermuthung hervorrufen, er wiſſe im Voraus, daß er der Ueberbinger einer unangenehmen Nach⸗ richt ſei.
Die Damen waren beim Erſcheinen des Burſchen ſofort
verſtummt. Römer blickte von ſeiner Zeitung auf; doch kaum
hatte er Paul erblickt, als ſeine Stirn auch ſchon wieder finſter wurde und ſeine Augen zornig erglänzten.
„Vom Herrn Kommerzien⸗Rath Falk!“ ſagte der Diener und fügte, offenbar zu ſeiner Entſchuldigung, hinzu:„Sehr preſſant!“
Der Bankier nahm das Schreiben von der Platte und gab dem Ueberbringer ein unwilliges Zeichen, ſich zu entfernen. Paul kam der Weiſung nach, nahm jedoch Gelegenheit, dem Frauenzirkel am Tiſche einen ſpöttiſchen Blick zuzuwerfen. Die Damen thaten zwar, als beachteten ſie denſelben nicht, ſahen ſich jedoch in einer Weiſe an, die ein gewiſſes Cinver⸗ ſtändniß in Betreff ihrer Gedanken erkennen ließ.
Inzwiſchen hatte Römer das zierliche Billet geöffnet und überflogen, wauiadas Blatt in ſeiner Hand merklich zitterte. Endlich ſtie t zornigen Laut hervor und ließ die Hand ſchwer auf den Tiſch fallen.
Begreiflicherweiſe ſahen die Damen erwartungsvoll und
Frau Römer auch beſorgt zu dem Hausherrn hinüber; doch dieſer ſagte kein Wort weiter, richtete nicht einmal ſein Auge auf ſie, ſondern ſteckte das Billet in die Bruſttaſche ſeines Rockes und nahm die Zeitung wieder in die Hand. Auf einen Wink der Frau Römer begannen denn auch die Damen ihr Geplauder von Neuem und führten es anſcheinend im heiteren Tone fort, bis plötzlich Klara, etwas lauter als man bisher geſprochen und von einem melodiſchen Lachen be⸗ gleitet, ebenfalls den Namen Falk hervorſtieß.
Römer fuhr heftig auf und warf den Kopf zurück.
„Wer ſpricht von Falk?“ rief er,„was iſt es mit Falk?“
Das Zeitungsblatt zitterte in ſeinen Händen, ſein ganzes Ausſehen, ſogar ſeine Geſichtsfarbe hatte ſich verändert. Ddie Damen bekamen einen heftigen Schreck und ſuchten ängſtlich in den Zügen des Hausherrn die Veranlaſſung zu ſeiner Aufregung zu ergründen.
„Es handelt ſich ja nur um einen Scherz, lieber Arwed!“
jagte Frau Römer beſänftigend.
„um einen Scherz mit Falk?“ fragte der Gemahl finſter; ewas iſt das für ein Scherz?“
Römer gab ſich offenbar Mühe, ſeine Faſſung wieder zu erlangen, was ihm jedoch nicht ſo ſchnell gelingen wollte.
„Mein Gott, Papa!“ rief Klara dazwiſchen,„wie kann es Dich nur ſo erregen, daß ich die Vermuthung ausſpreche, Herr Falk, der ja ein ſo großer Verehrer von Tante Malchen iſt, habe in dem eben an Dich gelangten Schreiben um deren Hand geworben!“
Die drohende Wolke lagerte noch immer auf der Stirn des Bankiers; doch bei der keck⸗naiven Rede der Tochter ging der Ausdruck ſeines Geſichts mehr in ein Staunen über.
„Falk um Malchens Hand werben!“ murmelte er; „Kind, Du reimſt manchmal wirklich ſonderbare Sachen zu⸗ ſammen; doch laſſe Falk, wenn Du mir einen Gefallen thun willſt, in Zukunft fort aus Deinen Scherzen. Verzeiht meine Heftigkeit, eine Stelle des Blattes nahm mich mehr wie ge⸗ wöhnlich in Anſpruch.“
Römer legte die Zeitung bei Seite; doch wahrſcheinlich ſchenkte die Frau der Bemerkung des Gemahls in Betreff derſelben keinen Glauben und beeilte ſich deshalb, die Unter⸗ haltung auf ein anderes Gebiet zu ſpielen.
„Lieber Arwed,“ ſagte ſie freundlich,„möchteſt Du nicht, wenigſtens flüchtig, meine Anordnungen in Betreff der Oran⸗ gerie in Augenſchein nehmen?“
„Mit Vergnügen!“ meinte Römer,„übrigens iſt mir die Unterbrechung meiner Lektüre ganz lieb; ich habe noch Ver⸗ ſchiedenes zu ordnen; Du wirſt mich daher in dieſen Tagen nicht viel beanſpruchen dürfen, liebe Marie. Doch ſteht Dir meine Kaſſe zur Verfügung!“
Römer erhob ſich und ſah nach der Uhr.
„Ja richtig!“ murmelte er und fügte lauk hinzu:„Gehen wir, denn ich muß in's Komptoir. Adieu, Klärchen! Adieu, Malchen! Ihr Diener, Fräulein Hartmann! Komm', liebe Marie!“
Römer verbeugte ſich gegen die drei genannten Perſonen und wendete ſich ſeiner Frau zu, um ihr den Arm zu reichen. Beide verließen den Salon.
Bei der Treppe angelangt, ließ der Bankier ſeine Augen über die dort aufgeſtellte Orangerie gleiten und hörte zugleich auf die ihm von ſeiner Gemahlin gemachten Erörlerungen. Doch ſah man ihm an, daß die Prüfung der erſteren nur eine ſehr oberflächliche und er ſelbſt nicht frei von Zerſtreut⸗ heit war. Im Uebrigen billigte er alle Anordnungen der Frau.
„Lieber Arwed,“ ſagte dieſe ſchließlich,„Du wurdeſt bei Durchſicht des Schreibens von Falk, ſowie bei der ſpäteren Erwähnung ſeines Namens durch Klara auffallend erregt. Iſt etwas zwiſchen Euch vorgefallen?“
Römer antwortete nicht gleich, ſondern ſah einige Zeit finſter vor ſich nieder, während ihn ſeine Gemahlin mit ſicht⸗ licher Sorge beobachtete.
„Falk iſt mir ſchon verſchiedentlich unangenehm entgegen⸗ etreten,“ begann er endlich langſam,„in letzter Zeit ſcheint er es aber ſogar darauf abgeſehen zu haben, mich zu beleidigen. Es kann alſo nichts ſchaden, wenn ich Dich darauf vorbereite, daß es zwiſchen mir und ihm leicht zum Bruche kommen dürfte!“
„Vielleicht gehen wir dier Unannehmlichkeit durch die baldige Abreiſe aus dem Wege!“ ſagte die Jrau ſchnell.
5
d
————————


