Jahrgang 
1 (1879)
Seite
31
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Concordia. 31

Mr. Penwyn war entſchloſſen, ſich einmal ſeinem Mentor gegenüberzuſtellen, und er fühlte, daß es jetzt Zeit wäre zur Aktion.

Mr. Elgood und Mr. Dempſon kamen in den Garten hinausgewandert, Cigarren im Munde. Penwyn's ausgeſuch⸗ teſte Spezialität war heute reichlich auf dem Altare der Gaſt⸗ freundſchaft geopfert worden.

Judy, haſt Du die Zeit vergeſſen? fragte der gewichtige Vater mit dem Nachdrucke, den er ſonſt auf dem Kothurne anzuwenden pflegte und in dem ſich ſtarre Würde vergebens

bemühte eine ſüße Neigung zu verhüllen.

Ja, Vater, antwortete das Mädchen unſchuldig.Es iſt ſo ſchön hier außen.

Schön, wiederholte der Vater ſchwerfällig.Sieh' wie des Himmels Decke eingelegt iſt mit was doch geſchwind? ja mit lichtem Golde! Komm', Jeſſica Judy lege Hut und Shawl an. Mrs. Dempſon hat die letzte halbe Stunde feſt geſchlafen. Sieh' doch! Der Morgen ſchreitet, ge⸗ hüllt in rothen Mantel, über den Thau des hohen Hügels dort im Oſten und das erinnert mich daran, daß wir nahezu eine halbe Stunde zu gehen haben, ehe wir nach Hauſe kommen.

Ich will mit Euch gehen, ſagte James.Ich wünſche Einiges mit Euch für morgen zu arrangiren. Wir müſſen für das Rennen eine fröhliche Geſellſchaft bilden. Ich werde einen geräumigen Wagen nehmen, der für uns Alle Platz bietet.

Ich habe mit Komfort in der That in den letzten fünfzehn Jahren kein Wettrennen geſehen, entgegnete Mr. Elgood.

Nun, wir wollen den Tag genießen. Cliſſold und ich kommen auch Abends in's Theater.

Mache Deine eigenen Engagements, wenn es Dir ge⸗ fällig iſt, James, und erlaube mir, die meinigen zu machen, ſagte Mr. Cliſſold.Ich werde morgen nicht zu dem Rennen gehen oder, wenn ich es thue, geſchieht es für mich allein und zu Fuß; und ich will Abends nicht in's Theater.

Nach Belieben, antwortete James beleidigt.

Man war nun zum Abgange bereit. Mrs. Dempſon war aufgeweckt worden, und man hatte ſie aus der Täuſchung ge⸗ rüttelt, daß ſie auf dem Sopha in ihrem eigenen Quartier eingeſchlafen ſei, und die Erinnerung war ihr unangehm genug, daß ſie nun noch einen weiten Weg zu Fuße machen müſſe, ehe ſie zu völliger Ruhe kommen könnte. Mr. Dempſon hatte ſeine Cigarre ausgeraucht und eine andere angenommen als Troſt für den Heimweg. Juſtina hatte ihren ärmlichen Hut und Mantel angelegt. Alles war bereit.

Die Schauſpieler verabſchiedeten ſich von Maurice Cliſſold, der nur kalt höflich war. James Penwyn ging mit ihnen hinaus und gab Juſtina ſeinen Arm, als ob dies das natür⸗ lichſte Ding in der Welt wäre. Die Beiden ſchritten voraus, die anderen Drei bildeten die Nachzügler. In der Nähe mur⸗ melte der Fluß leiſe und ſein Waſſer glitzerte hier und da durch das Geſträuch am Ufer.

Die beiden jungen Leute ſprachen, wie ſie im Garten ge⸗ ſprochen über einander ihre Gedanken ihre Phan⸗ taſien Hoffnungen und Träume.

O Jugend! O Täuſchungen! Seltſame Welt, in der wir in den erſten fröhlichen Jahren wie in einem Traume leben! Süße Dämmerung des Lebens, da nichts ſo wahr ſcheint als die Hoffnungen, deren Erfüllung wir doch niemals genießen!

(Fortſetzung folgt.)

Aus der Vörſenwelt.

Erzählung von Karl Schmeling. (Fortſetzung.)

2. Kapitel. Im Jamilienkreiſe.

Ungefähr eine Stunde nach der zuletzt beſchriebenen Szene zwiſchen Herrn und Diener waren die Mitglieder der Familie des Bankiers im Speiſezimmer am Frühſtückstiſche ver⸗ ſammelt.

Den Hausherrn und ſeine Gemahlin kennen wir bereits, ſoweit es vorläufig nöthig iſt.

Die einzige Tochter des Paares, Klara oder wie ſie von Doktor Rohrbeck genannt wurde,Klärchen, das liebe Kind und welches, wie die Mutter geäußert,fröhlich wie eine Lerche ſein ſollte, zählte gegenwärtig ſiebzehn Jahre. Wie faſt alle einzigen Kinder, hatte auch Klärchen die Wohlthat genoſſen, einigermaßen verzogen zu werden. Sie verdiente demgemäß im kurzen Röckchen vollkommen die Bezeichnung eines enfant terrible und empfand auch jetzt noch von Zeit zu Zeit An⸗ wandlungen, daſſelbe zu ſpielen. Doch war ihre rückſichtsloſe Naivetät ſtets mit herzlicher Gutmüthigkeit gepaart und ſtand der aufblühenden ſchönen Jungfrau deshalb durchaus nicht ſo übel.

Da Römer allgemein für reich gehalten ward, ſo konnte

nicht fehlen, daß allgemach aus allen Klaſſen der Geſellſchaft,

die begehrliche Blicke auf ein einziges Goldkind werfen durften, Bewerber um die Gunſt deſſelben auftauchten. Es war indeſſen ſchon etwas ſchwierig, der Familie Römer näherzutreten, und Klara's Benehmen war offenbar abſichtlich darauf ge⸗ richtet, jede berechnende Huldigung ihrer kleinen Perſon im erſten Entſtehen zurückzuweiſen. Wir werden übrigens ſehr bald ihre Beweggründe zu einer ſolchen Handlungsweiſe er⸗ kennen.

Die vierte der im Zimmer anweſenden Perſonen war eine unverheiratet gebliebene Schweſter des Bankiers, gegen⸗ wärtig den Vierzigern nahe, Namens Amalie, gewöhnlich Tante Malchen genannt.

Die alternde Dame war die Herzensgüte ſelbſt, doch leider in geiſtiger Beziehung, trotz ihrer Jahre, nicht über das Stadium der empfindſamen, ſchüchternen Jungfrau hinaus⸗ gekommen. Nebenbei unterlag ſie der Illuſion, daß jeder Mann, der ſich nur irgendwie aufmerkſam gegen ſie benahm, die Abſicht habe, ihr ſeine Hand anzubieten. Je nachdem ſie ſich nun einbildete, einen Verehrer zu haben oder ohne ſolchen zu ſein, war denn auch regelmäßig ihre Toilette beſchaffen: im letzten Falle einfach und dunkel, im erſteren modern, reich und in allen möglichen hellen Farben ſchillernd.

Daß dieſe Sonderbarkeiten der alternden Jungfrau viele