Jahrgang 
1 (1879)
Seite
29
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linge wegen Mangels eines anderen Anzuges tragen mußte. Niemand aber dachte an ihr abgetragenes Kleid, als das bleiche junge Geſicht ſich erhellte und ſich röthete in ungewohn⸗ ter Freude, und die großen, gedankenvollen Augen ſchimmerten von einem neuen Lichte und ſchienen doch dunkler als zuvor.

James Penwyn that ſein Aeußerſtes, um ſie glücklich und fröhlich zu machen, und es gelang ihm nur zu gut. Kein Eindruck iſt ſo raſch und lebhaft wie der, den der erſte Be⸗ wunderer auf ein Mädchen von ſiebzehn Jahren macht. Die zärtlichen Worte, der gedämpfte Ton, das Lächeln, die Lob⸗ Die Huldigung von einem Cäſar würde in ſpäteren Jahren kaum ſo ſüß ſcheinen,

ſprüche, Alles hat eine ſolche Friſche.

wie die erſten Schmeicheleien eines Jünglings einem Mädchen, das an der Schwelle des Frauenthums ſteht.

Mr. Elgood ſah, was vorging, war aber keineswegs be⸗ unruhigt über den Stand der Dinge. Er fühlte ſich ſelber vollkommen befähigt, die Sorge für Juſtina zu übernehmen, auch wenn Mr. Penwyn der verhärtetſte Verführer geweſen wäre, ſtatt eines gutherzigen Jünglings, der friſch von der Univerſität kam. Er hatte nicht den Wunſch, eine Be⸗ wunderung zu erſticken, die ſehr wenig bedeuten konnte, aus der aber möglicherweiſe eine Patronage zu ſeinem eigenen Vortheile erwuchs und ein oder das andere kleine Geſchenk für Juſtina, ein Ring, ein Bracelet oder eine Schachtel voll Handſchuhe.

Ich wünſchte nicht, Juſtina im Lichte zu ſtehen, dachte Mr. Elgood, während er ſich auf ſeinem Stuhle zurücklehnte und ſein letztes Glas Champagner ſchlürfte, als die Freuden der Tafel ihm ein angenehmes Gefühl der Fülle und des Ge⸗ nügens gegeben hatten.

Was meinte jene Zigeunerfrau mit der Linie des Lebens und den Planeten? fragte Juſtina. Sie hatte zu dieſer

Zeit alles Gefühl von Scheu verloren, und ſie und James

ſprachen miteinander mit leiſer Stimme und fühlten ſich ſo allein, als ob die übrige Geſellſchaft nur aus Gemälden an der Wand beſtanden hätte. Maurice betrachtete ſie, während er etwas abſeits von den Anderen ſaß und ſeine ſchwarze Pfeife rauchte.

Pah! Das war nur der profeſſionelle Jargon. Was weiß ſie von den Planeten!.

Aber ſie ſtarrte in ſo ſeltſamer Weiſe in Ihre Hand und ſah ſo ehrfurchterweckend aus, daß ich mich fürchtete. Sagen Sie mir, was ſie meinte.

James lachte und legte ſeine linke Hand in die Juſtina.s, die Handfläche nach Fufwärts.Da ſehen Sie, ſagte cr, Sie ſehen dieſe Linie, einen krummen Einſchnitt, der von dem erſten Fingen zu der Baſis des Daumens geht das heißt, er ſollte bis zu der Baſis des Daumens gehen, aber⸗ in meiner Hand thut er es nicht. Hier, gerade in der Mitte, verſchwindet die Linie, eben bei der Schramme, die mein Meſſer zurückließ. Sie können kezne. Linie jenſeits der

Schramme ſehen, folglichsging die Linie niemals weiter, als

bis zu dieſem Punkte.

Juſtina betrachtete genau die ſanft gerundate Handfläche..

Wäs bedeutet das? fraste ſie;ich verſtehe es auch jetzt noch nicht.. 3 e bedeutet ein kuraes, gbey fröhliches Leben.

ie ſeltene Farbe ſchwand von Juſtina's Wangen.,

Sie glaubens nicht baran afe ete He ſtlic..

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Nicht mehr, als ich an Zigeuner glaube, oder an Geiſter⸗ klopfer, oder an die Höhle des Trophonius, antwortete James fröhlich.Was für ein albernes Kind Sie ſind ſo er⸗ ſchrocken auszuſehen!

Juſtina ließ einen leichten Seufzer vernehmen und ver⸗ ſuchte dann zu lächeln. Auch dieſe erſte Dämmerung einer mädchenhaften Neigung, noch ätheriſch wie die Leidenſchaft eines Schmetterlings für eine Roſe, brachte neue Sorgen mit ſich. Das Kauderwälſch der Zigeunerin war für ſie ein böſes Omen, das ſie mit einer noch geſtaltloſen Furcht umgab.

Es war Vollmond, das ſilberne Nachtgeſtirn ſtand über den fernen Bergſpitzen. James blickte zu ihm empor in die ſideriſche Welt, welche die Phantaſie der Jugend mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt anzieht. Das Speiſezimmer hatte zwei große Fenſter nach dem Garten zu, und das eine nächſt Penwyn, am Ende der Tafel, ſtand offen.

Laſſen Sie uns aus dem Rauche fortgehen, ſagte er, ärgerlich darüber, zu ſehen, daß Cliſſold's Augen immer mit düſterem Ausdruck auf ihn gerichtet waren. Das Zimmer war um dieſe Zeit ziemlich voll Tabaksrauch und Mr. Elgood drängte Mr. Dempſon, der Geſellſchaft ſein famoſes Lied: Der Schiffszimmermann, zum Beſten zu geben.

Kommen Sie in den Garten, ſagte James fröhlich, in⸗ dem er ſeinem Mentor einen trotzigen Blick zuwarf.

Juſtina erröthete, zögerte und gehorchte ihm. Sie gingen miteinander hinaus in die mondhelle Nacht und wanderten Seite an Seite durch den einfachen Garten, einen begrasten Abhang, auf dem die älteſten Aepfel⸗ und Birnbäume ſtanden, groß genug, daß man ſie hätte für ſtattliche Ulmen nehmen können, welche ihre ſich mannichfaltig windenden Schatten auf den Boden warfen. Es mar mehr ein Obſt⸗ als ein Zier⸗ garten, aber ein heimliches und nützliches Plätzchen. Topf⸗ pflanzen wuchſen unter den Roſenbüſchen an einer lebenden Hecke, die den begrenzenden Zaun bildete, und auf einer Seite, nahe der Schänke, gab es einen Platz, wo Kohl und anderes Gemüſe wuchs; aber alles Uebrige beſtand aus Grasplätzen mit Aepfelbäumen.

Am Ende dieſes graſigen Abhanges lief der Fluß, der unter dem Monde wie Silber ſchimmerte. Eborsham, über die ebene Landſchaft hinweg ſichtbar, ſah aus wie verklärt in dem ruhigen und ſchmelzenden Lichte. Die beiden jungen Leute gingen hinab an den Rand des Fluſſes und blickten auf die entfernten Hügel und Wälder, auf die zerſtreuten Hütten mit niedrigen Strohdächern, zwiſchen denen hier und da ein vom Monde beleuchtetes beſſeres Wohnhaus ſich zeigte, und, Alles in ihrer erhabenen und düſteren Größe beherrſchend, die mächtigen Thürme der Kathedrale, des Tempels Gottes, der ſich wie ein befeſtigtes Heiligthum über alle menſchlichen Wohnungen erhob gleich der alten Akropolis.

Juſtina ſah und ſchwieg. Es war einer jener ſeltenen Momente der Erhebung, von denen die Dichter ſagen, daß ſie eine gadze Lebenszeit voll träger Empfindungen werth ſeien. Das Mädthen hatte ein Gefühl, als ob ſie bisher gar nicht gelebt hätte.

Iſt es nicht hübſch? bemerkte James, ſehr viel in dem Tone Brummel's, der, nachd er einen prächtigen Sonnen⸗ untergang beobachtet hatte, bemerkte:Wie gut er das ge⸗

A Snee

Gſt zu ſchön! ſagte Juſtina.