Jahrgang 
1 (1879)
Seite
22
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Concordia.

Beweij ſe Hm, da⸗ plt mir nicht ſchwer werden; da könnte ich Euch ein paar Geſchichten erzählen

Ach ja, Vater Schurig, Geſchichten erzählen! tönte es jetzt von Mehreren faſt zugleich, und Alle erhoben ſich wie auf Kommando, um an dem alten, maſſiven Tiſch Platz zu finden; denn ſie wußten, der Trompeter Schurig, oderVater Schurig, am liebſten nennen hörte, hatte etwas erlebt und Alle hörten ihm gern zu, wenn er einmal zum Erzählen kam. Freilich geſchah dies äußerſt ſelten und deshalb nahm man heute die Gelegenheit wahr, und beſtürmte ihn ſolange mit Bitten, bis er endlich nach

Nachdem mit dem berüchtigtenGrünſiegel geſtopft und in Brand geſetzt hatte, begann er:

S war im erſten Jahre meiner Dienſtzeit, alſo anno 54. Unſere Batterie hieß damals im ganzen Regimentedie wilde, und das nicht ganz mit Unrecht; denn es gab der tollen Streiche bei uns in einer Woche ſo viel, als jetzt kaum in der ganzen Dienſtzeit eines Artilleriſten vorkommen.

Die meiſtenJuxe, wie wir es nannten, wurden Nach⸗ mittags ausgeheckt und dann bei der erſten beſten Gelegen⸗ heit ausgeführt. Es hielt damals ſchwer, vor demDienſt⸗ kommandiren Dispens zum Nusgehen zu bekommen, und ſo ſaßen denn die dienſden Ma kannſchaften mit Ausnahme derjenigen, die der Frau Fe⸗ wobel ein Packet mit vom Urlaub bringen konnten in ihren Stuben, bis es endlich unſerem Paſcha*) Juſtus beliebte, zu erſcheinen, oder richtiger, bis die

graue Lieſe ausgeſchlafen hatte.

Ich weiß noch, als wär's heute,'s war den Tag darauf, als unſer hochſeliger König beigeſetzt worden war; wir wollten gern ausgehen,

9 und ſahen ſehnſüchtig dem Fe ldwebel oder richtiger, dem Dienſt

wie er ſich

er ſeine Pfeife

kommandirenden entgegen, denn wir Alle waren froh, wegn wir den Paſcha nicht zu ſehen bekamen.

Es mochte wohl ſchon gegen ſechs Uhr ſein, als endlich zum Dienſtkommandiren in Nummer Vierzehn gerufen wurde, und Alles eilte der betreffenden Stube zu. Es währte auch nicht lange, ſo trat der Paſcha, die unvermeidliche große rothe Brieftaſche unter dem Arme und gefolgt von dergrauen Lieſg, ein. Der RufAchtung! ertönte, die Mannſchaft nahm pflichtſchuldigſt Stellung und ſtand ſo, den Daumen an der Hoſennaht, bis der Herr Feldwebel geruhten, ſeinLos! auszuſprechen.

Diegraue Lieſe, die ſtete Begleiterin des Feldwebels, war eine ungehener große, graue Katze mit ein Paar Aungen, die in Form und Farbe genau denen des Feldwebels glichen; die Fama behauptete, es beſtänden auch noch andere Aehnlichkeiten zwiſchen den Beiden, und Einige wollten ſogar wiſſen, daß man der Lieſe, wenn ſie ihre Morgenpromenade in dem Korridor machte, genau anſehen könne, was der Feldwebel für Laune habe.

Thatſache iſt, daß die Lieſe ein kluges Thier war und faſt ſämmtliche Kommando's genau kaunte. Wurde zum Bei⸗ ſpiel dem Feldwebel ein Hanneur gemacht, ſo erhob ſie ſtolz den Kopf, ſtreckte die Krallen weit vor und ſchritt, als gelte das Honneur ihr, feſten Schrittes an dem Grüßenden vorüber.

Wer ſich bei dem Feldwebel recht beliebt machen wollte,

der ſuchte ſich die Gunſt der Lieſe zu erwerben, und einige Paſcha's dargereichte Wurſtſchalen oder

ihr im Beiſein des

dies aber war ein untrügliches

Fleiſ ſchſtückchen dispenſirten den Spender nicht ſelten vom Dienſt und verhalfen ihm zu einem Nachtzeichen.

Aber wehe dem Aermſten, der es wagte, Hand oder Fuß gegen die Lieſe zu erheben! Nicht nur, daß ein ſolcher Frev⸗ ler den ſchwerſten Dienſt bekam, er wurde auch, wo ſich irgend eine Gelegenheit fand, beim Hauptmann zur Beſtrafung ge⸗ meldet, und kam nicht eher wieder in Gunſt, bis er ſich durch ein Stück Fleiſch oder Wurſt die Verzeihung der Lieſe erkaufte. 1

Nachdem nun Feuerreſerve, Zeughausdienſt, Wache ꝛc. kommandirt waren, zupfte ſich der Feldwebel an der Halsbinde, und Lieſe hob gravitätiſch Lapf und Schwanz in die Höhe; Zeichen, daß etwas Wichtiges bekannt gemacht werden ſollte.

Und in der That folgte ein Befehl, der jetzt wohl vielen Soldaten bange Herzen macht, bei uns hingegen damals ziem⸗ lich leichai i aufgenommen wurde. Er lautete:

Alle dienſtfreien Unteroffiziere und Mannſchaften ſtellen ſich morgenWormettag zehn Uhr in feldmäßiger Ausrüſtung zur Spezialrevue in dem Kaſernenhofe.

Hierauf folgten nun die üblichen kleinen Erklärungen, wie ſie ja auch heute noch vorkommen und bei uns wie folgt lauteten:

Daß Ihr's nur wißt, kein Schwerenöther mit kalbs⸗ ledernen Stiefeln kommen! Schmuzige Brotbeutel der Teufel holant Blinde Knöpfe in Arreſt ſtecken! Daß Ihr's nur wißt, Fahrer, Pferde im beſten Stande, Beſchläge nachſehen, ſonſt Donnerwetter d'reinſchlagen! Kammerunteroffizier! Der Gernſene trat, laut ſeinHier! abgebend, vor.Daß Sie's nur wiſſen, beſte Garnitur ausgeben, Alles gut paſſen. Unter⸗

offiziere für Alles verantwortlich! Wer nicht parirt, zur Be⸗ ſtrafung melden und in's Loch ſtecken! Verſtanden?

Und ohne eine Antwort auf die letzte Frage abzuwarten, verließ er ſtolzen Schrittes die Stube, während die Lieſe den Kopf noch einmal umdrehte, gleich als wolle ſie ſehen, welchen Eindruck die Rede des Paſcha's auf die Verſammelten ge⸗ macht habe.

Uns machte, wie geſagt, die Revue wenig Sorge;'s war damals eben anders als jetzt, wo ſelbſt die Zwecken auf den Stiefelſohlen gezählt und bis Nadeln und Reſerveknöpfe, jede Kleinigkeit durchgeſehen wird. War bei uns nur das Aeußereprobemäßig, ſo fragte in der Regel Niemand da⸗ nach, ob wir Heu oder Stroh im Torniſter hatten.

Am nächſten Morgen entſpann ſich in allen Stuben jenes eben und Treiben, wie Ihr 4 ja Alle kennt und wie es eben jeder Revue vorangeht; wurde geputzt, geſäubert,

olirt, daß ſo Manchem die nnen Schweißtropfen von der Stirn rannen.

Die meiſte Sorgfalt widmete mein Nachbar, der Kanonier

Brand, ſeiner Montur.

Brand war, was man im gewöhnlichen Leben einen Pech⸗

vogel nennt; und was beim Soldaten nur irgend vorkommen

kann, das war ihm gewiß ſchon paſſirt.

Sein größtes Unglück aber war, daß er einen unbeſieg⸗ baren Haß gegen Katzen hatte, und daß er gleich in den erſten Tagen ſeines Rekrutenthums dergrauen Liefe beim Lehrſchrittüben auf den Schwanz getreten war, und dies zwar abſichtlich, wie die Frau des Feldwebels behauptet hatte, welche, wie immer, während des Ererzirens aus dem Fenſter

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