Jahrgang 
1 (1879)
Seite
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er.

Nun fürwahr, ich fände darin kein Glück; Leichtſin und ein gutes Herz gewährt mehr Glückſeligkeit, als ſolch' eine finſtere Tugend, wenn es anders eine Tugend iſt! Da es nun aber einmal ſoweit iſt, was gedenkſt Du wegen Agnes zu thun?

Ja, ja, ſprach er, indem er nachdenkend im Zimmer auf⸗ und abſchritt,jetzt kann ich mir Alles zuſammenreimen, was mich bisher befremdete. Somit ſehe ich denn auch wohl, daß ihre Leidenſchaft zu ernſtlich iſt, als daß da noch etwas zu thun wäre. Aber hat Arthur ihr denn geſagt, daß er ſie heiraten wolle?

Nicht geradezn aber

So hat er eben nichts geſagt! Ach, Weiber, Weiber! Ihr ſeht doch immer nur das, was Ihr zu ſehen wünſcht!

Etwas piquirt entgegnete die Frau:

Verlaß Dich etwas auf mich! Ich habe als beſorgte, nicht aber als ſchwache Mutter geſehen.

Wenn das iſt, ſo

Ja, es iſt ſo, und deshalb ſollteſt Du den Brief an den Geheimrath doch lieber nicht abſenden, ſieh', es iſt für ihn doch vortheilhaft, daß er ſo einflußreiche Bekanntſchaften hat, die.

Die abgebrochen werden müſſen, wenn aus der be⸗

wußten Sache etwas werden ſoll, unterbrach ſie Elsner mit

ernſtem Blick.

Warum das eben?

Weil wie Du auch noch ſo fragen kannſt!

Ich ſehe es in der That nicht ein.

Und was thut er dort? Iſt Arthur etwa bei dem auf⸗ geblaſenen, ignoranten Sohne des Geheimrathes gut auf⸗ gehoben? Oder iſt er's bei der ſtolzen, koketten Tochter? Mein friedliches, ſtilles Haus wird dort verlacht und ge⸗ neckt, mein gutes, argloſes Mädchen verſpottet, getäuſcht! Ja, das ſage ich Dir, wenn Jemand das Mädchen unglücklich machen könnte dann ja, dann ſchütze mich Gott vor Thorheit!

Du ſiehſt auch immer und emig ſchwarz.

Und ich fürchte übrigens, nicht mit Unrecht; deshalb werde ich dem Referendar Salfeld noch heute mein Haus ver⸗ bieten.

Das iſt Rache! Nothwendigkeit iſt es nicht.

Sei es Rache! Weshalb ſoll ich mich necken laſſen, ohne mich zu rühren? Doch, unterbrach er ſich,ich will jetzt den Brief an den Geheimrath beſorgen. Sprich Du indeſſen mit dem Mädchen. Sage ihr, daß ich mein Leben für ihr Glück hingeben könnte, daß ihre Wahl auch die meine ſein würde, daß ich aber, wenn ein Schurke ſie betröge, ihn beſtrafen würde, möchte er ſich flüchten in weſſen Schutz er wolle!

Er nahm den Brief und eilte zur Thür hinaus.

Die Gattin blickte ihm ernſt nach. 1

Bald darauf trat ſie in das Zimmer ihrer Tochter ein.

Agnes ſaß beim Eintritt der Mutter vor einem Buche und las; neben ihr lag eine angefangene Stickarbeit; ſie hatte letztere bei Seite gelegt, weil die dem ſchönen Auge entperlenden Thränen ſie am Weiterarbeiten verhinderten.

Agnes zählte neunzehn Jahre. Sie war von imponirender

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Schönheit und das Ebenmaß ihrer Körperformen hätte einen Künſtler begeiſtern können. Nur ihr Geſicht war etwas blaß und ein ſaſt krankhaft ſentimentaler Zug lagerte auf dem⸗ ſelben.

Beim Eintritt der Mutter machte ſie das Buch, in dem ſie eben geleſen hatte, zu und trocknete ſich die Augen.

Haſt Du ſchon wieder geweint, mein Kind? fragte theilnehmend die Mutter, indem ſie ſich neben der Tochter niederließ.

O, nein, liebe Mutter! ſtammelte Agnes.

Wenn die verweinten Augen Dir nicht widerſprächen. Doch beruhige Dich, mein Kind, Du darfſt nicht immer weinen! Sieh', ich habe mit dem Vater von Deiner Liebe geſprochen

O, Mutter! Was haſt Du gethan? rief Agnes, zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebend, aus.

Was wir längſt hätten thun ſollen, Agnes. Weißt Du Jemanden, dem Dein Glück mehr am Herzen liegt als Deinem Vater? Wenn Arthur Dich ernſtlich liebt

Wenn! rief ſie unter neu hervorſtrömenden Thränen. Ach, Mutter, dieſes Wenn koſtet mich ſchon unausſprechlich viel! Wenn er meine aufrichtige Liebe hinterginge!

Freilich iſt er ſehr leichtſinnig.

Er ſpottet der Empfindungen.

Als den gefühlvollſten Mann mußt Du Dir ihn freilich nicht denken.

Aber glaube mir, Mutter, böſe iſt er nicht.

Das glaube ich wohl.

Wenn er unbeobachtet iſt, thut er doch ſo manches Gute.

Das iſt wahr; wenn er nun gleichwohl

Für mich nicht gut wäre? Ach, ich Unglückliche! Und ich liebe ihn ſo herzlich, liebe ſogar ſeine Fehler, denn die meiſten entſtanden aus Anlagen zu herrlichen Eigenſchaften.

Ich will Dir geſtehen, liebes Kind, daß ein Verweis, den mir Dein Vater über meine Leichtgläubigkeit gegeben hat, mich ſehr bekümmert.

O, liebe Mutter, glauben Sie mir, Arthur iſt

Sie konnte den begonnenen Satz nicht vollenden, denn nach einem Klopfen trat der Sohn des Geheimraths Salfeld in das Zimmer.

Wie ſchon der Ausdruck des Geſichts, ſo verrieth auch jede Bewegung des kaum fünfundzwanzig Jahre zählenden Referen⸗ dars den Gecken vom reinſten Waſſer. Nach mehrfachen Verbeugungen begann er:

Meine ſchönen Damen, ich lege mich Ihnen zu Füßen!

Guten Morgen, Herr von Salfeld! entgegnete leichthin Agnes, während deren Mutter ſprach:

Wir haben Ihren Beſuch ſo früh nicht vermuthet.

Ich bin faſt raſend geworden, auf Ehre! bis die Wohl⸗ anſtandsſtunde mir erlaubte, hierher zu eilen. Man iſt doch gar zu gut in Ihrem Hauſe und bei Ihnen, meine An⸗ gebetetſte, aufgehoben?

Agnes that, als habe ſie das fade Kompliment überhört; ſie hatte ſich an den Stickrahmen geſetzt, und die Augen auf die Arbeit gerichtet, ſprach ſie zu der ihr gegenüberſitzenden Mutter:

Bitte, liebe Mutter, geben Sie mir doch die grüne Seide herüber.