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Concordia.
er wenig Neigung dazu hatte.„Luft⸗ und Ortsveränderung werden auf Ihre Tochter günſtiger einwirken als alle meine Vorſchriften,“ fügte er beim Hinausgehen hinzu,„Ihre Tochter muß unbedingt fort von Rockbury.“
Das wäre ja ganz nach meinem Wunſche, doch Emilie iſt hartnäckig dagegen; ich bitte Sie, mit ihr zu ſprechen und ſie davon zu überzeugen.“
Miit dieſen Worten traten ſie in ein Zimmer, worin ein hübſches junges Mädchen von neunzehn Jahren in einem feinen weißen Negligéanzuge auf dem Sopha lag; neben ihr ſtand eine ältere Dame, offenbar ihre Mutter. Nach den erſten Begrüßungen und nach den Berichten der Mutter über den Zuſtand ihrer Tochter ſetzte Ulih ſich neben dieſe und
ergriff ihren Puls. Bei ſeiner Berührung und unter dem
Druck ſeiner Hand fing der arme Puls an ſo unruhig und aufgeregt zu ſchlagen, als ob er wild ſei; nach einer Weile ſteckte Ulih ſeine Uhr in die Weſtentaſche, legte ihre Hand zur Seite und ſah ſie ruhig und feſt an. Mit hochrothen Wangen ſaß ſie halb aufgerichtet vor ihm und blickte ihn an, als ob ſie von ſeinen Lippen ihr Todesurtheil erwartete. Wie ſein Auge dem ihrigen begegnete, blieb es unverändert, kein Abglanz ihrer Gefühle, kein übereinſtimmender Zug ſpiegelte ſich darin, kaum Mitgefühl. Es war auch wohl zweifelhaft, ob er dieſes empfand; wo das Herz außer dem Spiel iſt, hat man ſelten Sympathie mit der Hoffnungsloſigkeit Anderer. Fräulein Beauclerk, ich verſchreibe Ihnen heute ein Medica⸗ ment, das ganz anderer Art iſt wie die früheren. Ich ſprach ſchon mit Ihrem Herrn Vater, ich rathe unbedingt dazu, daß Sie Rockbury für einige Zeit verlaſſen.“
„Ich ſollte Rockbury verlaſſen?“ rief das junge Mädchen händeringend aus—„es würde mein Tod ſein; glauben Sie es nur, ſchicken Sie mich nicht fort von hier, laſſen Sie mich nicht gehen, ich will ja Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, will genau Ihren Befehlen nachkommen; nur nicht von Rockbury!“
„Es würde ſicherlich das Beſte ſein,“ ſagte er ruhig zur Mutter,„und meiner Anſicht nach das Einzige, was uns übrig bleibt. Sie dürfen freilich Fräulein Emilie nicht zu Rathe ziehen; wenn dieſe ſich nur erſt an den Gedanken gewöhnt
hat, wird ſie ſchon nachgeben.“
Leidenſchaftlich erregt rief dieſe aus:
„Ich will nicht reiſen, ich gehe nicht weg von hier; es iſt unfreundlich und grauſam
von Ihnen, Herr Doktor, dieſes zu verlangen.— Es iſt ja Allen gleich, ob ich lebe oder ſterbe!“
„O, liebe, liebe Emilie, wie kannſt Du nur das ſagen? Du weißt ja, daß Dein Vater und ich nur für Dich leben und ſorgen.“
„Für Beides wird nichts beſſer ſein, als wenn Sie meinen Rath befolgen,“ ſagte Doktor Ford aufſtehend.„Gute Nacht, Frau Beauclerk, bleiben Sie bei den bisherigen ſtärkenden Tropfen und bei den Sturzbädern; gute Nacht, mein Fräulein!“
Doch dieſe verweigerte ihm Gruß und Blick und verbarg ihr in Thränen gebadetes Geſicht.
„Kommen Sie morgen wieder?“ fragte die Mutter beſorgt.
„Ich denke nicht, ſeien Sie überzeugt, Fräulein Emilie bedarf meiner Hilfe nicht; ich werde noch mit Ihrem Herrn Gemahl ſprechen.“
Dieſer harrte ſeiner vor der Thür.
„Nun, Herr Doktor, wie fanden Sie Emilie?“
„Ganz unverändert. In dieſem Falle kann nur eine ſchleunige Abreiſe helfen; folgen Sie meinem Rathe, rüſten Sie ſich ſofort dazu und gehen Sie mit den Damen nach Deutſchland oder Italien für ſechs bis acht Monate und haben Sie guten Muth. Ihre Tochter wird aufblühen wie eine Roſe und die jetzigen Thorheiten vergeſſen. Sie bildet ſich ein, krank zu ſein, und infolge deſſen könnte ſie leicht wirklich erkranken; fernere Beſuche von mir, wie Sie wünſchten, wären durchaus überflüſſig.“
„Nehmen Sie meinen innigſten Dank, Herr Doktor,“ ſagte Herr Beauclerk, indem er Ulih's Hand drückte,„Sie haben gegen uns wie ein Freund gehandelt, und nie werde ich Ihnen dieſes vergeſſen.“
„Meine Freundſchaft habe ich nie aufrichtiger gezeigt als durch den Rath, Fräulein Emilie zu ihrem Wohl von hier zu entfernen.“
„Ich werde dieſem folgen und will gleich mit meiner Frau das Weitere verabreden, alle Einrichtungen treffen und reiſen, ſobald es geht. Gute Nacht!“ Und nach abermaligem Hände⸗ druck ließ er den Doktor gehen. .(Fortſetzung folgt.)
Jurchtlos und treu.)
Roman.
1. Kapitel. Herz und Welt.
Es war Sonntag. Hell und feierlich erklang das Geläut von den Kirchthürmen der Stadt Wollberg. Ein rauher, kalter
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Herbſtwind rauſchte bereits über die trauernde Flur, die ſo leer und kummervoll ausſah wie ein freudenloſes Herz. Auch
der Himmel erſchien ſo dunkel und grau, gleich einer weiten Zukunft ohne Muth und Hoffnung.
Dieſer Morgen harmonirte ſo recht mit der ernſten Stimm⸗ ung, in welcher ſich eine Dame befand, die in ſchlichter, aber
*) Nachdruck verboten.
äußerſt ſauberer Hauskleidung in dem geſchmackvoll möblirten Zimmer eines der am Marktplatze gelegenen Häuſer ſaß.
Sie mochte in der Mitte der vierziger Jahre ſtehen; ja man hätte ſie für jünger halten können, wenn das fein⸗ geſchnittene Antlitz nicht ſichtlich von Harm und Sorge entſtellt geweſen wäre. Indeſſen ſo ernſt auch das Geſicht war, ſtrahlte doch aus den blauen Augen ſoviel Milde und Güte, daß man bei der erſten Begegnung auf ein durch und durch edles Herz ſchließen konnte.
Lange Zeit ſaß ſie, den Kopf auf die Hände geſtützt, und tiefe Seufzer ſtiegen aus ihrer Bruſt empor.


