Jahrgang 
1 (1879)
Seite
16
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16 Concordia.

In verzogenem, faſt ärgerlichem Tone erwiderte ſie ihm, ſie ſeien zwar noch alle lebendig, doch ihr jüngſtes Töchterchen athme ſeit Dunkelwerden auffallend ſchwer und der kleine Ronald ſei nach Ausſage der Wärterin auf Hals und Bruſt ganz roth.

Komm', laß uns zu den Kindern gehen; das jetzige Wetter bringt viele Erkältungen mit ſich, hoffentlich hält es nicht lange an.

Lady Otho brachte ihn nach der Kinderſtube, die keines⸗ wegs gemüthlich zu nennen war. Dort lag die Kleine, ein ſehr ſtarkes Kind, ſchlafend in der Wiege, man hörte jedoch an ihrem Athem, daß ſie erkältet war; der kleine Ronald, den man noch nicht zu Bett gebracht, um ihn dem Doktor zeigen zu können, ſaß, in Decken gehüllt, vor dem Kamin und ſtellte ſich an, als ob er gefährlich krank ſei.

Die Kleine ſcheint jetzt etwas beſſer zu ſein, ſagte Julia, ſich über die Wiege beugend,vorhin athmete ſie ſo raſch und unregelmäßig, hoffentlich iſt keine Bruſtentzündung im Anzuge.

Doktor Ford ſah ſich das ſchlafende Kind eine Weile an und ſagte dann:

Sei ohne Sorgen, Julia; es hat nichts zu bedeuten, die Kleine iſt nur leicht erkältet, halte ſie recht warm und einige Tage im Hauſe. Und Du, Ronald, mein tapferer Junge, wie ſieht es mit Dir aus?

Alle Kinder liebten Ulih; bei dieſer freundlichen Anrede ſprang Ronald aus ſeiner Umhüllung heraus und in die Arme ſeines Onkels. Die Wärterin nahm ihn zu ſich und ſagte, indem ſie ſeinen gerötheten Hals zeigte:

Die Rötheln erſtrecken ſich bis über die Bruſt, ich fürchte, daß die Scharlachfrieſeln Hier ſtockte ſie, ſie las ſchon in den Mienen Ulih's ihren Irrthum.

Ziehen Sie ihn nur um und legen Sie ihn in's Bett; die Röthe kommt von einem verdorbenen Magen und wird morgen ſchon vorbei ſein.

Indem er ſich anſchickte, mit Lady Julia wieder in deren Stube zu gehen, wandte er ſich zu ihr mit der Frage:Deine Eltern ſind wohl von London zurückgekehrt? Ich ſah vorhin den Kutſcher.

Ja, ſeit vorgeſtern, ſagte ſie, ohne weiter daran zu denken, ihm für ſeine Bemühungen zu danken;Wilfred und Archy ſind auch mitgekommen. Doch, Ulih, haſt ſchon gehört, daß der Papa wieder einen Brief von Ciſſy erhalten hat?

Davon habe ich nichts gehört, antwortete er anſcheinend ruhig, indem er ihr folgte; bei genauerer Beobachtung hätte man bemerken können, daß Ulih's Mienen ſich bei dieſen Worten ernſt verzogen, doch Julia entging dieſes.

Ja, wirklich; und Papa iſt ganz aufgebracht, Ciſſy ſchreibt dieſes Mal, als ob ſie die Beleidigte ſei, und droht damit, Papa's Benehmen gegen ſie ſeit ihrer Verheiratung veröffent⸗ lichen zu wollen. Das iſt wirklich unklug von ihr und bringt Papa noch mehr gegen ſie auf. Ich bin überzeugt, wenn er je die Abſicht gehabt hat, ſie zu unterſtützen, ſo denkt er jetzt nicht mehr daran.

Iſt Ciſſy denn einer Unterſtützung bedürftig?

Wie könnte es anders ſein; ſie haben ja nichts zu leben.

Woher ſchreibt ſie denn? fragte Ulih in gleichgiltigem Tone, indem er mit ſeiner Couſine in ihre Stube trat.

Das weiß ich nicht, Mama nannte den Ott, ich habe

aber den Namen vergeſſen; ich glaube, es iſt irgend ein kleines Fiſcherdorf, nach dem ſie ſich zurückgezogen, ihr Mann hat ſie ſchmählich verlaſſen. Ich begreife nicht, warum ſie dort bleibt, vermuthe aber faſt, daß ſie Geldmangel dazu zwingt, vielleicht aber auch ihr langes Krankſein. Es iſt eine un⸗ glückſelige Geſchichte von Anfang an.

Das ſcheint ſo! ſagte Ulih, ſich zum Fortgehen rüſtend.

Papa hätte ſich damals willfähriger zeigen ſollen. Für Ciſſy wäre es jedenfalls beſſer geweſen, für Dich vielleicht nicht! rief ſie ihm lachend nach, indem ſie ihm über das Treppengeländer leuchtete.Gute Nacht; wenn die Kinder morgen nicht wieder hergeſtellt ſind, ſchicke ich zu Dir.

Ulih verließ das Haus und trat wieder in die dunkle, ſtürmiſche Nacht hinaus.

Das nächſte Haus, wohin Ulih ſeine Schritte lenkte, war ſehr verſchieden von dem zeitweiligen Domizil der Lady Otho Vivian. Es war ein großes Prachtgebäude mit einer hohen Säulenthür, zu der eine breite Treppe hinaufführte. Oben angelangt, zog er an der Hausglocke, und nachdem ein Portier geöffnet, trat ein galonnirter Bedienter auf ihn zu, um ihn den Mantel abzunehmen, während ein anderer bereit ſtand, ihn die Treppe hinaufzuführen. Das Haus gehörte einem Herrn Beauclerk, einem reichen, allgemein geachteten Privat⸗ mann, deſſen einzige Tochter ſchon längere Zeit kränkelte. Oben auf dem Vorplatze empfing der Vater den Doktor Ford und nöthigte ihn in ſein Zimmer.

Lieber Doktor, warum haben Sie ſich ſo lange nicht ſehen laſſen? Wir hofften ſchon ſeit mehreren Tagen auf Ihren Beſuch; heute iſt das Befinden meiner Tochter ſo beſorgniß⸗ erregend, daß wir trotz des ſchlechten Wetters zu Ihnen ſchicken mußten.

Das Wetter iſt ja ganz gleichgiltig, ſagte Doktor Ford ruhig,ich bedauere nur, daß Sie meiner Hilfe bedürfen; wie ich Fräulein Beauclerk zuletzt ſah, ſchien mir ihr Zuſtand keineswegs beängſtigend. wr iſt ſo wechſelnd, daß es gewiß gut wäre, wenn Sie täglich kämen, womöglich täglich zweimal.

Ulih wurde ſehr ernſt.

Seien Sie verſichert, Herr Beauclerk, wenn es nöthig geweſen wäre, ſo würde ich täglich, und ſo oft es ſein mußte, gekommen ſein, doch es war der Fall nicht; aufrichtig geſagt, meine Zeit iſt ſo in Anſpruch genommen, daß

Das weiß ich ja, lieber Doktor, doch entſchuldigen Sie, daß ich es Ihnen ſage, für das Wohl meiner Tochter iſt mir kein Opfer zu groß.

Könnte ich ihr durch Beſuche helfen, ſo ſollte es ihr daran nicht fehlen, ſelbſt nicht, wenn Sie der ärmſte Mann in Rock⸗

bury wären. Doch darf ich fragen, welche neuen Krank⸗ heits⸗Symptome eingetreten ſind, die Sie ſo ſehr in Sorgen ſetzen?

Bei Ihrem letzten Beſuche befand ſich Emilie ſo gut, ſeit⸗ dem aber hat ſie täglich heftige Weinkrämpfe, und zwar beſonders, wenn ſie auf Sie wartete. Geſtern war ſie ſo, daß wir ſie kaum bewegen konnten, etwas zu genießen; ſie weinte ununterbrochen, ſodaß ihre Mutter ganz in Verzweiflung gerieth.

Wenn Sie es wünſchen, ſo gehe ich zu Fräulein Emilie, ſagte Doktor Ford trocken, doch in ſeinem Tone lag es, daß

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