Jahrgang 
1 (1879)
Seite
13
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Lady Halſtedt in der Befürchtung, ähnliche Unzuträglichkeiten

ſich wiederholen zu ſehen, es für rathſam, ihre Tochter ſtrenger zu überwachen, was dieſe, die etwas leicht und geiſtig nicht ſehr begabt war, damit vergalt, daß ſie ſchon nach Ablauf von ſechs Monaten mit einem jungen Künſtler, dem Zeichen⸗ lehrer Fleming, entfloh. Alle Welt war voll davon, wie ſchwer die Familie Halſtedt durch dieſes Mißgeſchick betroffen wurde wie Sir Lionel, als er davon erfahren, die feierlichſten Eide geſchworen, nie wieder ſeine Tochter, noch deren Gatten ſehen zu wollen, wie Lady Halſtedt offen erklärt, ſie ſähe ihr pflichtvergeſſenes Kind lieber im Grabe als an der Seite jenes Nichtswürdigen, und wie endlich Ciſſy's Geſchwiſter ſich verabredet, den Namen Fleming nie wieder in Gegenwart der Eltern zu nennen. Der Schlag war hart für Alle und traf den Stolz der Halſtedt's beſonders empfindlich, die ganze Ver⸗ wandtſchaft kam dadurch in die größte Aufregung; an Ulih Ford aber und daran, wie er die Zertrümmerung ſeiner ſchönſten Hoffnungen aufnehmen und tragen würde, dachte Niemand. Er verſchloß ſeine Gefühle tief in ſich und ließ keine Frage an ſich herankommen, ſelbſt nicht von Seiten ſeiner Mutter und Schweſter.

Er blieb nach wie vor in Rockbury und wandte ſich im Vollgefühl ſeiner Kraft immer mehr ſeinem Berufe zu, ſelbſt ſeine nächſte Umgebung vermochte in ſeinen ernſten, gedanken⸗ vollen Mienen keine Veränderung zu erſpähen; man konnte höchſtens bemerken, daß er ſeinen Eifer für ſeine Kunſt ver⸗ doppelte. That er dieſes auch nur, um ſich zu betäuben, ſo hatte es doch zur Folge, daß ſein Ruhm täglich wuchs. Unter anderen Verhältniſſen würde dieſes wahrſcheinlich nicht ſo der Fall geweſen ſein, denn im Glück und in der Jugend werden hie Gedanken leicht von den ernſteren Beſchäftigungen ab⸗ gezogen, im Alter erſt, ſelbſt wenn dieſes ſich vor der Zeit rinſtellt, und im Unglück oft, wenn alle Freuden des Lebens geknickt zu ſein ſcheinen, findet man es häufig, daß die Be⸗ troffenen ſich von Allem losſagen und Troſt und Erſatz für das verlorene Glück in einer raſtloſen Thätigkeit ſuchen.

Möglich wäre es geweſen, daß Ulih Ford auch an der Seite Ciſſy Halſtedt's und umringt von einer Kinderſchaar die⸗ ſelbe ruhmgekrönte Stellung erreicht hätte, wahrſcheinlich aber nicht. Familienbande ſind allerdings für den Mann ein Sporn zur Arbeit und zur Thätigkeit, doch ſie bringen Zerſtreuungen aller Art mit ſich; Frau und Kinder nehmen die Gedanken des Familienvaters zu ſehr in Anſpruch, zum ernſten Nach⸗ denken bleibt ihm wenig Zeit und weniger noch für ſeine Ge⸗ ſchäfte, wenn alle die kleinen Hände nach ihm haſchen und die ſchmeichelnden Stimmen ihn rufen. Ulih Ford's Bahnen aber waren frei von ſolcherlei Anfechtungen, ſie leiteten ihn ſicher zur ruhmgekrönten Stellung. Ob auch ſein Herz darin Befriedigung fand, wußte nur er allein.

Vierzehn Jahre waren ſeit den eben genannten Ereigniſſen entſchwunden und Ulih hatte ſchon ſeinen achtunddreißigſten Ge⸗ burtstag hinter ſich; die Mutter war heimgegangen, ihm zur Seite ſtand ſeine Schweſter Marcia. War dieſe auch in ihrem Weſen und in ihren Anſichten ſehr verſchieden von ihm, ſo hatte er ihr doch ganz die Führung ſeines Haushaltes über⸗ tragen, ſie war die einzige nähere Verwandte, die ihm ge⸗ blieben war. Der Verkehr mit der Familie in Frampton hatte ſich im Laufe der Zeit wieder angeſponnen. Wie groß und ſtolz der Ehrgeiz ſeines Neffen war, dem er ſo rückſichts⸗

Concordia.

13 los ſein Haus verwieſen hatte, davon hatte Sir Lionel keine Ahnung; Ulih hatte es ſich feſt vornommen, Frampton mit keinem Fuße wieder zu betreten, bis man ihn von dort aus riefe; in ſeinem Chrgeize ſah er den Tag nicht ſern, an dem dieſer Ruf an ihn gelangen und die Familie dort ſtolz auf die verwandtſchaftlichen Beziehungen mit ihm ſein würde. Sehr bald ſchon nach der Flucht der armen Ciſſy und nach der Verheiratung der zweiten Tochter, Julia, mit dem Lord Otho Vivian, die ganz den Beifall Sir Lionek's fand, hatte dieſer ſeinem Neffen, deſſen raſches Emporkommen ihm nicht unbekannt geblieben, wiederholentlich zu erkennen gegeben, daß er ihn gern wieder bei ſich ſehen würde; Ulih jedoch ignorirte dies hartnäckig und ſah ſeinen Onkel immer nur bei ſich in ſeinem eigenen Hauſe, bis Sir Lionel eines Tages ſehr ſchwer erkrankte. Die Gicht trat heftiger denn je bei ihm auf und drohte einen bedenklichen Verlauf zu nehmen. Die ganze Familie war in bangſter Sorge. Da wandte die Tante ſich in ihrer Angſt ſchriftlich an Ulih und bat ihn flehentlich, nach Frampton hinauszukommen und im Verein mit den anderen Aerzten zu verſuchen, das Leben des Onkels zu retten. Dem widerſtand er nicht. Sir Lionel genas und ſchrieb ſeine Rettung einzig dem rechtzeitigen Einſchreiten Ulih's zu. Da⸗ mit war ein offener, dauernder Waffenſtillſtand zwiſchen Frampton und Rockbury unterſchrieben.

Seitdem ging kein anderer Arzt in Frampton aus und ein, Ulih allein hatte die Ehre, dort Hausarzt zu ſein. Mit dieſer Ehre mußte er ſich aber auch begnügen, Vergütungen für ſeine Zeit und Bemühungen wurden ihm in keiner Weiſe geſpendet. Mancher würde hierin vielleicht eine Ungerechtig⸗ keit gefunden haben, Ulih jedoch grollte darob nicht, er war ſtets gleich willig und bereit mit ſeinem Rathe und mit ſeiner Hilfe, ſelbſt in der Familie der Lady Vivian, welche die Wintermonate gewöhnlich in Rockbury verlebte, während ihr Gatte in Paris Zerſtreuung ſuchte.

Wenn nun auch die ſonſt zur Weihnachtszeit üblichen Gelsſendungen von den hochgeborenen Verwandten in Frampton gänzlich unterlaſſen wurden, ſo beehrten ihn dieſe doch bei jeder Gelegenheit mit Einladungen, zumal zu den großen Galadiners, bei denen es dann gewöhnlich der Fall war, daß er abberufen wurde, nachdem er ſich kaum hingeſetzt. Auf dieſe Weiſe hatte ſich allmälig wieder ein freundlicher Ver⸗ kehr gebildet, und dieſer, ſowie das Gefühl gethaner Pflicht, mußte ihn dafür entſchädigen, daß er oft bei jedem Wind und Wetter und auch bei den geringfügigſten Veranlaſſungen hinausgerufen wurde. Die Halſtedt's ſahen darin eben nichts beſonders Anerkennenswerthes, ſie wußten es ja und ſprachen oft unter ſich davon, daß Ulih Ford's pekuniäre Lage ſich im Laufe der Zeit ſehr günſtig geſtaltet hatte. Ulih jedoch legte keinen Werth darauf, daß ſein Vermögen allmälig eine be⸗ deutende Höhe erreichte; raſch, wie das Geld bei ihm kam, ging es auch oft. Oeffentlichen Sammlungen und dergleichen entzog er ſich nie, liebte es aber nicht, ſeinen Namen in den Liſten aufgeführt zu ſehen; er gab und ſchenkte gern und reichlich, entzog ſich jedoch ſtets dem Dank und der Anerkenn⸗ ung. Für Alle, die geneigt waren, etwas tiefer in ihn hinein⸗ zuſchauen, war er ein unerklärlicher Charakter, Niemand ver⸗ mochte ſeine Gedanken und Gefühle zu ergründen; ſelbſt ſeine Freunde nannten ihn ein unlösbares Räthſel, und nun gar ſeine Schweſter! Dieſe hatte es ſchon ſeit lange ganz auf⸗