Jahrgang 
1 (1879)
Seite
12
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Abſchied nehmen, ohne einmal danach zu fragen, ob auch ſeit ihrem letzten Beſuche Veränderungen im Befinden eingetreten ſind, aber darauf beſtehen, daß ihnen vor Ablauf Tag noch Nachricht geſchickt wird. Endlich auch, und leider nur zu oft, geräth man in die Hände von jungen Anfängern, die ganz ohne Halt und in völliger Unklarheit über den vorliegen⸗ den Fall ſorglos fortprobiren und experimentiren und uns mit Grauen daran erinnern, daß es zur Vervollkommnung ihrer Kunſt noch mancher mißlungenen Kur bedarf und daß zum Heil der Mitwelt erſt noch Mancher ihnen zum Opfer fallen muß. Jedermann wird gewiß einräumen, daß dieſe Weltordnung ihr Gutes hat, wenn man nicht gerade dazu be⸗ rufen iſt, in dieſer Art ſelbſt zum Wohle der Menſchheit mit beitragen zu müſſen.

Doch Ulih Ford war keiner von dieſen; er verſchmähte es, ſeine Patienten durch Schmeicheleien zu beruhigen oder ſie durch lautes Weſen einzuſchüchtern, er trug zur Unterhaltung der Damen keine Stadtgeſchichten von Haus zu Haus und hatte, dieſe für ſich zu gewinnen, weder große ſchwarze Augen, noch einen zartgepflegten Bart. Woher kam aber denn das allgemeine Vertrauen, die unbedingte Gewalt, die man ihm einräumte? Denn nie ereignete es ſich, daß eine ſeiner Vor⸗ ſchriften unbeachtet blieb. Selbſt die widerſpenſtigſten Patien⸗ ten, die ſonſt wohl die Pillen und Medicamente in's Feuer oder aus dem Fenſter warfen, folgten den Anordnungen des Doktors Ford gewiſſenhaft und ohne Murren. Kranken⸗ pflegerinnen, die im Vertrauen auf ihr eigenes Wiſſen und Können ſehr geneigt dazu waren, in Abweſenheit der Aerzte ſelbſtſtändig handelnd aufzutreten oder deren Anordnungen zu kreuzen, wußten es ſehr wohl, daß ſie ihre Stelle auf's Spiel ſetzten, wenn ſie ſeinen Weiſungen nicht bis in's Ge⸗ ringſte nachkamen; und die verzogenſten Kinder, die die Löffel zur Seite ſtießen und in ihrem krankhaften Eigenſinn die Wein⸗ gläſer, in denen man ihnen die Medizin darbot, zerbiſſen, öffneten unter dem Zauber von Doktor Ford's Augen ſittſam das Mündchen und dankten ihm oft noch mit Blick und Wort, wenn die unliebſame Arznei glücklich hinuntergebracht war. Sein feſter, klarer Blick, ſein raſches, faſt nie irrendes Ver⸗ ſtändniß waren es, die ihm dieſe Gewalt gaben und ſeine Meiſterſchaft verkündigten, wo er auftrat. Alt und Jung er⸗ kannten dieſe unwillkürlich ſofort an, ſeine Berufsgenoſſen waren zu ſtolz auf ihn, um Neid gegen ihn in ſich aufkommen zu laſſen, und dabei dachte er ſelbſt nie an ſein Talent, ſprach nie davon und mochte auch Andere nicht davon ſprechen hören.

Den meiſten Leuten würden ſeine Erfolge und ſein Empor⸗ kommen ſicherlich den Kopf verdreht haben, ihn aber fochten ſie weiter nicht an ungeachtet ſeines ſonſtigen Ehrgeizes. Vor zehn Jahren noch war er wenig bekannt und kaum die Rede von ihm, jetzt ſah man in den Krankenhäuſern und Ho⸗ ſpitälern ſeinen Namen obenan auf den Liſten der Aerzte und ihn ſelbſt bei allen beſonders wichtigen Konſultationen auch außerhalb ſeines täglichen Wirkungskreiſes. Früher hielt er ein Erklimmen der Ruhmesleiter für ſein höchſtes Lebensglück jetzt, da er auf der höchſten Stufe ſtand, bekannte er offen die Nichtigkeit dieſer Welt. Sein Weſen war ſtets gleich ruhig, ſicher und wohlwollend, doch eine gewiſſe Gleichgiltigkeit bei Allem, was ihn ſelbſt anging, war darin unverkennbar. In der Vergangenheit des Doktors Ford lag ein dunkler Punkt, den nur Wenige ſo überwunden haben würden, wie er gethan.

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Concordia.

Wenn er vor zehn Jahren in Rockbury als Arzt noch ziemlich unbekannt war, ſo konnte er perſönlich doch dort nicht fremd genannt werden; er hatte eine ziemlich ausgebreitete, allgemein geachtete Verwandtſchaft, einige Meilen entfernt lebte ſchon ſeit länger als fünfundzwanzig Jahren ein Onkel von mütter⸗ licher Seite, Sir Lionel Halſtedt, auf ſeinem Familiengute Frampton. Die geſammte Familie Halſtedt war eben nicht ſtolz auf den VetterDoktor, im Gegentheile, wie ſeine Mutter, die durch ihre Verheiratung mit dem verſtorbenen Herrn Ford den Zorn der ganzen Familie auf ſich gezogen hatte, Ulih dazu veranlaßte, ſich in Rockbury als Arzt nieder⸗ zulaſſen(ſie hoffte, daß der Einfluß ihres Bruders vortheilhaft für ihn ſein würde), ſah der ſtolze Sir Lionel für ſich darin eher eine Beleidigung als ein Kompliment. Seiner Anſicht nach hatte Ulih's Mutter durch ihre Heirat mit einem Manne ohne Rang und Namen ſchon hinlänglich alle Rückſichten gegen ihn aus den Augen geſetzt, und nun fügte ſie dem ſogar noch den Schimpf hinzu, daß ſie ihren Sohn bewog, ſeine Praxis in ſeiner nächſten Nachbarſchaft zu eröffnen.

Dabei konnte er es doch nicht vermeiden, ſeinen Neffen bei ſich in Frampton zu empfangen, und dieſer war dort ein oft, wenn auch nicht gern geſehener Gaſt, bis er das Unglück hatte, ſich in ſeine jüngſte Couſine, Cecilie Halſtedt, zu ver⸗ lieben und, was noch ſchlimmer war, der jungen Dame zu er⸗ lauben, auch ihrerſeits für ihn zu ſchwärmen.

Ulih Ford war damals jung, friſch und unerfahren und, ohne hübſch zu ſein, von ſehr anſprechendem Aeußern; es prägte ſich darin ein männlicher Anſtand aus, wie man ihn ſonſt in den Jahren ſelten findet. Ihm aber erſchien Cecilie Halſtedt als der Inbegriff alles Liebreizes und aller Liebens⸗ würdigkeit. Reichthümer hatte er ihr nicht zu bieten, ſein Ein⸗ kommen war zur Zeit dürftig, doch das verbeſſerte ſich ja von Tag zu Tag, und er wollte ſich auch gern noch gedulden; dabei war er ſo thöricht, zu glauben, daß Jugend und Ge⸗ ſundheit, Liebe und Geduld für einen Freier ſchwer in die Wagſchale fielen. So trat er denn offen und vertrauens⸗ voll mit ſeinen Wünſchen bei Sir Lionel hervor, entſetzte und empörte dieſen jedoch über alle Maßen.

Eine Bewerbung von Seiten ſeines Neffen, der ganz ohne Namen und Anſprüche und ſcheinbar ohne Ausſichten eben in's Leben trat, um ſeine Ciſſy, ſein jüngſtes, hübſches und vorzugsweiſe geliebtes Töchterchen, für das er die hoch⸗ fahrendſten Pläne hatte, ſchien ihm undenkbar. Anfänglich konnte Sir Lionel dieſe Vermeſſenheit gar nicht faſſen, nach⸗ dem ihm dieſe aber klar geworden war, gab er dem Freier eine entſchiedene, abſchlägige Antwort und ſprach es ſehr deut⸗ lich aus, daß ein möglichſt eingeſchränkter Beſuch von Seiten

des Doktors Ford in Frampton fortan für alle Theile ſehr

wünſchenswerth ſei. In ſeiner Kurzſichtigkeit vermochte er es nicht zu ahnen, wie glücklich ſich die Zukunft des vor ihm ſtehenden, reichbegabten Jünglings geſtalten und welch' ein Juwel ſich unter günſtigen Verhältniſſen aus ihm entfalten könnte; oder wenn er es auch ahnen mochte, ſo unterdrückte er den Gedanken an eine ſolche Möglichkeit abſichtlich.

nlih Ford war arm und ohne Namen, das allein ſprach hinreichend gegen ihn, und ſo wurde das Paar getrennt, aller⸗ dings nicht ohne daß vorher Verſicherungen ewiger Treue von beiden Seiten gegeben waren.

Nach dieſem kleinen Abenteuer hielten Sir Lionel und

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