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Kranken ⸗ und Sterbelager eines großen und freien Men- schen, und ihm nahe getreten zu fein, ist nicht nur ein großes Glück, es ist auch eine große Belehrung.
Schillerstiftung.
Die von Julius Hammer in Dresden angeregte Schillerstiftung hat den edeln Zweck vor Augen“ würdigen verdienstvollen deutschen Schriftstellern, die unverschuldet in Armuth gerathen, eine menschenfreundliche Unterstützung angedeihen zu lassen; und Niemand fürwahr wäre einer solchen Unterstützung würdiger und bedürftiger gewesen als gerade der große Schiller selbst. Es geht in's asch⸗ graue, es ist beispiellos, es ist weimarentwürdigend,
wenn man des Schillexr'schen Begräbnisses gedenkt, das man jetzt nach einem halben Jahrhundert in ganz Deutsch⸗ land feiert. Als der große Genius seine Hülle verlassen, sollte letztre von gedungenen Leuten nach der letzten Ru⸗ hestätte gebracht werden, und wäre der Bürgermeister Schwabe nicht gewesen, wär's auch geschehen. Sind denn nicht so viel Freunde des Verstorbenen in Weimar, um dem großen Dichter diesen letzten Dienst zu erweisen! So dachte der Bürgermeister Schwabe, als er am Abend des 11. Mai in Schiller's Wohnung trat und daselbst den Dichter einsam im Sarge und nur von seinem alten Die⸗ ner bewacht fand. Schwabe eilte nach einem Lokale, wo er wußte, daß Freunde und Bekannte von Schiller ver⸗ sammelt waren; er beschwor sie, den Stolz Deutschlands doch nicht von gemietheten Händen hinaus tragen zu lassen. Es folgten eilf Mann, darunter Stephan Schütze und Heinrich Voigt. Das Begräbniß war um Mitter⸗ nacht und außer dem spätern Medieinalrath Froriep und dem jetzt bekannten Unbekannten folgte von ganz Weimar kein Mensch dem Sarge Schillers, außer zwei Personen von ganz Weimar keine Seele. Wie ist dieses herzer⸗ schütternde Räthsel zu erklaren? Aber noch mehr, die Weimaraner, Hof, Adel und geehrtes Publikum haben es geschehen lassen, daß der Liebling des deutschen Volks nicht einmal einen der theuern Hülle würdigen Sarg er⸗ hielt. Heinrich Voigt, der den Sarg bestellte, mußte dem Tischlermeister gestehen, daß die kärglichen Verhältuisse des Verstorbenen die größte Sparsamkeit geböten. So erhielt Schiller einen Sarg, eine sogenannte Nasen⸗ quetsche für drei Thaler. Gab es in ganz Weimar keinen Tischler, der hochherzig genug dachte, der sich die Ehre nicht nehmen ließ, dem großen Dichter unentgeltlich sein letztes Häuslein mit eigner Hand zu zimmern? Es waren eben bloße Leimsieder, ächt weimarische Hohelfritzen, deutsche Philister vom 51sten Breitegrade; nicht, werth, daß ein Schiller Jahre lang unter ihnen gelebt. Oder sollte die Persönlichkeit des großen Todten bei seiner näch⸗ sten Umgebung vielleicht nicht günstig gewirkt haben und diese beispiellose Theilnahmlosigkeit in Etwas erklären? Schiller war namentlich in den letzten Jahren beständig kränklich und hypochondrisch, oft von kleinlichen Sorgen niedergebeugt, daher gewiß auch launenhaft, finster, mür⸗
risch, schweigsam, abstoßend— Jean Paul fand ihn selbst,
ohne Liebe;— aber solche kleine meist durch körperliches Siegthum bedingte Unliebenswürdigkeit mußte doch wie Nebel zerfließen bei dem Gedanken an seine große geistige Sonne. Zudem war er gestorben in der Blüthe der Jahre und wenn sich mancher ja nicht mit seiner krän⸗ kelnden Person hätte befreunden können ein mächtiger Vermittler ist der Tod und dazu der Tod eines Schiller!
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Es wird immer kriegerischer! Der Franzosen⸗ kaiser hat sich auf der Industrie-Ausstellung einen preus— sischen Säbel gekauft. Der Säbelschmied, Herr Höller, hatte auf der einen Seite des Säbels den alten Napoleon abgemalt und die Schlacht von Austerlitz, Marengo und die Brücke von Arcole, wo bekanntlich der alte Napoleon überall vorne war. Auf der andern Säbelseite prangte das Bildniß des jetzigen Kaisers und daneben die Schlach— ten von der Alma und Inkerman. Für die Eroberung von Sebastopol hatte der phantastereiche Künstler den nö⸗ thigen Platz auf dem Säbel gelassen. Er machte den Kaiser darauf aufmerksam und dieser antwortete, daß er hoffe, diese leer gelassene Stelle werde noch vor Beendt⸗ gung der Ausstellung ausgefüllt werden können. Der Franzosenkaiser sowie seine Gemahlin sollen hauptsächlich der preußischen Industrie ihre Aufmerksamkeit zugewendet und ihre lobende Anerkennung ausgesprochen haben.
Ueber die Engländer, die so lange sozusagen der gan⸗ zen Welt den Daumen auf's Auge gedrückt, ergeht ein Strafgericht, indem sie nicht allein mit sich selbst im Kampfe liegen. Die reichen Thee- und Käsehaͤndler wol⸗ len die gesammte Aristokratie mit sammt ihren Gevattern und Geschwistern aus ihrem Parlamente vertreiben. Eine große antiaristokratische Bewegung macht sich aber im gan⸗
zen Lande bemerklich, weil man das ganze Pech im ge⸗
genwärtigen Kriege einzig und allein der englischen Ari⸗ stokratie und ihrer schlechten Verwaltung in die Schuhe schiebt. Die neue Bewegung nennt sich Administrativre⸗ form⸗Association, von welchem großen Namen viel zu er⸗ warten steht. Sie zählt in London bereits zehn Agen⸗ turen und ist fast durchs ganze Land verbreitet. Im Ge⸗ gensatze zu der Kasse des berliner demokratischen Vereins von 1848, in der sich aur zwei Thaler und einige rothe Silbergroschen vorfanden, besitzt diese neue englische Asso⸗
ciation bereits ein Vermögen von siebenhunderttausend Thalern. Der bei den Engländern so beliebte und von
ganz Europa so gefürchtete Mann, Lord Palmerston, (Feuerbrand) wird von seinen eignen Landsleuten jetzt nur als ruinirtes Schwefelhölzchen, das nicht mehr fangen will, behandelt und in den Zeitungen als Hochverräther hin⸗ gestellt, den man aus dem Land jagen müsse. So ver⸗ geht der Ruhm der Welt! und die Volksleidenschaften bleiben dieselben.— Unter König Herodes schrieen sie ihr kreuzige! kreuzige! über Ihn, den sie kurz vorher vergöt⸗ tert, und über die Königin Victoria, obschon sie zweitau⸗ send Jahre jünger als der König Herodes, schreien sie dasselbe; und so wird es wahrscheinlich in zweitausend Jahren, wenn es dann noch eine Menschheit giebt, auch noch Lente geben, die so schreien..
Die deutsche Bundesversammlung hat dem Marinerath Jordan seinen Gehalt auf das nächste Jahr bewilligt. Von diesem Marinerath kann man mit Recht sagen, daß er im Trocknen sitzt. Er soll aber auch recht trockene Gedichte machen. 5
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Die Sardinier sind nun auch im westmächtlichen Lager angelangt und Alles erstaunt über das stattliche Aussehen derselben; besonders sollen die Jäger mit ihren schwarzen Federbüschen sehr in die Augen stechen, und da ste sehr thatendurstig sind, so wird wird ihnen auch Herr Pelissier in diesem Vergnügen nicht hinderlich sein. Nach neuern Nachrichten sollen 100,000 mit etwas Türkenthum ver⸗ setzte Westmächte einen Angriff auf die russtsche Stellung bei Inkermann machen, was jedenfalls auch keine übele


