Ausgabe 
27.6.1855
 
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Dritter Jahrgang.

Gießen, 27. Juni 1855.

Erscheint wöchentlich zweimal. Preis für Stadt und Umgegend mit, Bringerlohn mongtlich 12 kr. Einzelne Nummern 2 kr.

M. 32.

Auswärtige können nur bei den nächsten Post⸗ ämtern 3 Monate abonniren, wobei der übliche 5 Postaufschlag eintritt. 201

Gute Aufsätze für's Laternemännche werden mit Vergnügen aufgenommen und nach Umständen auch honorirt. Stadtbriefe können nur angenommen werden, wenn solche mit einer Franko⸗Marke versehen sind. Die Expedition ist Marktstraße Lit. A. Nr. 12. 5 d Da dieses Blatt nicht allein hier und Umgegend, sondern auch in fast allen Städten dieser Provinz

stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich

mit 2 kr.

Heinrich Heine.

Alfred Meißner, der vor einiger Zeit aus Paris

zurückgekehrt, giebt in derDeutschen Zeitung aus Böhmen

folgende Schilderung über den Zustand l und die gegen⸗ wärtige literarische Thätigkeit Heinrich Heine's;Sie kommen aus Paris; wie geht es Heinrich Heinen? So

höre ich schon im Voraus bei meiner Rückkehr uach Deutsch⸗

land meine Bekannten fragen, welche wissen, daß ich mit

Liebe und Verehrung an dem kranken Dichter hänge, und daß ich in der Rue d'Amsterdam Nr. 50 kein Fremd⸗ ling bin. Es ist keine Frage mehr darüber in Deutsch⸗ land, daß es einen seiner größten Dichter ist, der dort auf einem schmerzenvollen Krankenlager hinsiecht, und im⸗ mer klarer aus den wogenden Nebeln tritt seine große Gestalt an das öffentliche Bewußtsein. Auch ist der Frä⸗

gen kein Ende: Ist er verloren? Wird er wieder auf⸗

kommen? Ist es wahr, daß er fromm geworden? Schreibt er noch, und haben wir noch etwas Bedeutendes von ihm zu erwarten? Ich ziehe es vor, dasjenige, was ich den Fragenden einzeln sagen würde, heute schriftlich zusammen⸗ zufassen. Ich thue es um so lieber, als ich mich in der Lage fühle, manchen unwahren Behauptungen entgegen⸗ zutreten, die in letzter Zeit laut geworden sind. Nach seinem Tode werde ich freilich mehr über ihn zu berichten haben und mehr sagen können.

Ja, in der That, es ist ein schrecklicher, ein entsetzen⸗ voller Zustand, in welchem sich Heine befindet. Die Pa ralyste hat innerhalb eines Jahres, wenn auch keine Fort⸗ schritte gemacht, doch auch keine Linderung erfahren. Un⸗ fähig, sich zu erheben, ja kaum fähig, sich umzuwenden, liegt er nun schon mehrere Jahre an sein Bett gebunden und hat er, der Poet seit langer Zeit schon keinen Baum, kein Stück blauen Himmel gesehen! Das linke Auge ist geschlossen, das rechte hat nur einen Schein des Lichts und kann das Licht des Tages nicht vertragen. Furchtbare Schmerzen stören seine Nächte, und nur die Morphine schafft ihm Erleichterung. Die Hoffnung einer Genesung ist längst aufgegeben, und auch er macht sich keine Illustonen darüber, daß dieser Zustand anders als mit dem Tode endigen werde. Er spricht davon mit der außerordentlichsten Ruhe und Fassung.

Man wird mich nun fragen, ob, Heine wirklich noch

zu Annoncen, und berechne ich die gespaltene Petit⸗ * 2 0 8

C. Schild.

schreibt. Ja, er schreibt, er schafft, er dichtet fortwäh⸗ rend; vielleicht war er in seinem ganzen Leben nicht so thütig, als eben jetzt! Mehrere Stunden täglich ist er mit der Composttion seiner Memoiren beschäftigt, die un⸗ ter der Hand feines Sekretärs mächtig emporwachsen. Noch immer gleicht sein Gemüth in seiner wunderbaren Fülle und Frische jenen phantastischen Ballnächten von Paris, die unter freiem Himmel ihr unendliches Leben entfalten. Da rauscht es von Tanz und Mustk, da wo⸗ gen die tieblichsten und groteskesten Gestalten. Da gibt es verschwiegene Lauben für glückliche und unglückliche Thränen, und beleuchtete Plätze voll grellen, frechen Ge⸗ lächters. Rakete um Rakete steigt auf und fliegt in Mil⸗ lionen Sternen aus auseinander; eine unendliche Ver⸗ schwendung von Witz, Feuer, Poesie, Leidenschaft k entzündet sich und läßt die Welt bald im grünen, bald in purpur⸗ nem Lichte erscheinen, bis dann wieder die klaren, silber⸗ nen Sterne hervortreten und uns mit unendlicher Freu⸗ digkeit und dem Bewußtsein der Lebensschönheit erfüllen. Ja, Heine lebt und schreibt noch immer. Sein Leib ist gebrochen, nicht sein Geist, der sich auf dem Krankenbette bis zu prometheischer Kraft und prometheischem Ueber⸗ muthe erhebt. Sein Arm ist lahm, nicht seine Satyre, die noch immer in ihrer sammetnen Pfote das furchtbare Messer führt, das so manchen Marsyas bei lebendigem Leibe geschunden; sein Körper ist abgemagert, aber nicht die Grazie in jeglicher Bewegung seines ewig jungen Gei⸗ stes. Nebst den Memoiren ist ein ganzer Band von Ge⸗ dichten in den letzteren Jahren fertig geworden. Sie werden erst nach dem Tode des Dichters erscheinen; vor⸗ erst kann ich aber sagen, daß sie allen wunderbaren Ga⸗ ben, durch welche seine früheren Bände glänzen, in voll⸗ ster Potenz vereinigt enthalten. So kämpft mit allen Waffen des Geistes aufrecht, nicht verzagend in den graͤß⸗ lichsten Schmerzen, nie zu Thraͤnen sich erniedrigend, dem Furchtbarsten trotzend, ein außerordentlicher Mensch gegen ein furchtbares Verhängniß. Man lächle nur! Mir ist's vor diesem Krankenlager, als sähe ich, in eherne Ketten geschmiedet, vom Geier gemartert, doch unverzagt dem Schicksal trotzend, den Dulder des Kankasus vor mir, der auch Bildner von Menschen war und der, einsam am

Meeresstrande ausgesetzt, von Meergöttinnen, den Dichter⸗ gebilden des Meeres, getröstet wurde. Ja, dieß ist das