Ausgabe 
21.8.1855
 
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Dritter Jahrgang.

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Laternemännch

Gießen, 21. August 1885.

Erscheint wöchentlich zweimal. Preis fur Stadt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. Einzelne Nummern 2 kr.

Nr. 40.

Auswärtige können nur bei den nächsten Post⸗ ämtern 3 Monate abonniren, wobei der übliche Postaufschlag eintritt.

Gute Aufsätze für's Laternemännche werden mit Vergnügen aufgenommen und nach Umständen auch honorirt. Stadtbriefe können nur angenommen werden, wenn solche mit einer Franko-Marke versehen sind. 5 Die Expedition ist Marktstraße Lit. X. Nr. 12. ö d Da dieses Blatt nicht allein hier und Umgegend, sondern auch in fast allen Städten dieser Provinz

stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich zu Annongen, und berechne ich die gespaltene Petit⸗

zeile mit 2 kr.

Brief Paulsackel's aus Amerika.) (Im Interesse der deutschen Auswanderung geschrieben) p New-Orleans, den 4. Mai 1855,

In meinem letzten Berichte habe ich versprochen, daß ich das nächste Mal über die in den südlichen freien Staaten von Nordamerika zur Zeit noch beste⸗ hende Sklaverei berichten wolle. Ehe ich jedoch mit diesem wichtigen Kapitel beginne, muß ich noch einige Beobachtungen mittheilen, die ich während der Zeit meines Hierseins zu machen Gelegenheit hatte, und die ich der Beherzigung aller Menschenfreunde in der alten Heimath dringend anempfehle. Ich gehöre nicht zu denen, die sich in diesem Lande, das noch fuͤr Millio⸗ nen fleißiger Hände Aussicht bietet, ein Eldorndo, träumten: eben so wenig gehöre ich aber auch zu denen, die von den vielen Wiloschößlingen, die der üppige Boden der jungen Freiheit treibt, auf diese edle Pflanze selbst schließen wollen und ihm mit Unmuth den Rücken zuwenden. Amerika hat auch seine wunden Flecke. Viel, sehr viel, ist hier noch zu thun, bis sich die noch immer in Gährung begriffene, aus so verschiedenen Theilen bestehende, Masse geklärt hat. Allein bei die⸗ sem wahrhaft großartigen öffentlichen Leben kann es nicht fehlen, daß die Hefe zuletzt doch zu Boden ge⸗ schlagen werden wird. Ohne Vorurtheil, aber auch ohne Schwenke berichte ich daher, was und wie ich's hier finde: und meine Mittheilungen dürfen darum um so mehr Anspruch auf Glauben und Vertrauen haben, als ich einzig nur im Interesse der armen Auswaude⸗ rer fchreibe. f

Wenn ich draußen in Deutschland irgend was ver⸗ mißte, was dem armen Auswanderer, der, aus was immer für einem Grunde, seine Heimath verlassen will, unumgänglich nöthig wäre, so ist es ein kurz gefaßter populärer Rathgeber und Wegweiser für den Auswan⸗

derer. Es werden zwar dem Auswanderer manche Werke zu diesem Zwecke offerirt, allein kein einziges von denselben entspricht dem Zwecke der Auswanderung vollkommen. Dies ist theilweise mit Ursache, daß all⸗ jahrlich Tausende armer Deutschen, in der Hoffnung,

* 5 7. 2* ) Paulsackel war früher Lehrer in Oppenheim und Abgeord⸗ deter der zweiten Kammer zu Darmstadt.

C. Schild.

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eine bessere Existenz zu finden, ihre Heimath verlassen und hier im Lande der Fülle und des Ueberflusses elend zu Grunde gehen. mit den nöthigen Kenntnissen, Mitteln und Kräften ausgerüstet zu sein, und nur einigermaßen die Aussicht zu haben, hier fortkommen zu können, werden Tau⸗ sende, von Allem entblößt und, in vielen Fällen, elend und krank, in den hiesigen Häfen ausgeschifft und sind dann in Amerika. War die Seereise hierher schon hart, gefährlich und beschwerlich für diese armen Men⸗ schen, die sich, was meist der Fall, nur nothdürftig verproviantiren konnten und darum schon kein Plus von Kraft mitbringen, so geht jetzt erst das eigentliche Elend recht an. Geschäft verstehen, wo möglich ein wenig Englisch kön⸗ nen, und bereit sind, sich jeder Arbeit zu unterziehen, wenn das erlernte Geschäft keine Aussichten bietet, so findet sich schon, wenn auch nicht immer im Augenblick, doch mit der Zeit, Arbeit und guter Verdienst. Anders ist's jedoch mit Familien, die, zum größten Theil, aus kleinen Kindern bestehen. Um diese ist's gewöhnlich in kurzer Zeit geschehen. Arbeit ist nicht gleich zu ha⸗

ben, geborgt wird für keinen Heller; das, was die.

deutschen Gesellschaften thun können, ist, auf so viele rtheilt, nur ein Weniges; der Bettel ist hier ver⸗ pönt und darum nicht einträglich, und das einzige Al⸗ mosen, das die Dollarmenschen dem Armen zur Thür hinauswerfen, ist;Help gourself(Hilf dir selbst!) Ist's da Wunder, wenn diese Unglücklichen in kurzer Zeit, zuerst Bewohner der hiesigen Armen⸗ und Kran⸗ kenhäuser und dann der Kirchhöfe werden. Wie man⸗

Ohne Ziel, ohne Plan, ohne

Sind's junge ruͤstige Leute, die ihr

ches Familienglück wurde hier mit einem Male, für

immer zerstörk! Wie mauche Mutter, wie mancher Va⸗ ter, wie manches Elternpaar wurde hier schon von sei⸗ nen Kindern gerissen, dieselben im größten Elende, ohne Freund und Stütze, in einer herzlosen kalten Welt zurücklassend. Ich habe derartige Scenen hier erlebt, die mich auf das Tiefste ergriffen. Nur einige Beispiele von den vielen, die ich berichten könnte, will ich hier anführen, um meinen Freunden und auch Nicht- freunden draußen zu zeigen, was den nicht gut ansge⸗ rüsteten, armen Auswanderer hier erwartet: Vor Kur⸗ zem las ich eine Aufforderung in der hiesigenDeut⸗ schen Zeitung. Es war diese Aufforderung, die ich hier aus gewissen Gründen nicht wörtlich geben kann, an alle Deutschen in New⸗Orleans mit der dringend⸗

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