5 Dritter Jahrgang.
Giesten, 27. April 1835.
Erscheint wöchentlich zweimal. Preis für Stadt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. 55 inzelne Nummern 2 kr.
Nr. 19.
Auswärtige können nur bei den nächsten Post⸗ ämtern 3 Monate abonniren, wobei der übliche Postaufschlag eintritt.
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Gut e für's Laternemännche werden mit Vergnügen aufgenommen und nach 3 auch honorirt.— Badtbriefe können nur angenommen werden, wenn solche mit einer Franko-Marke ver⸗
sehen sind.
Die Expedition ist Marktstraße Lit. A. Nr. 12.
7 8 e a dieser Da dieses Blatt nicht allein hier und Umgegend, sondern auch in fast allen Städten a Provinz stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich zu Annoncen, und berechne ich die
gespaltene Petitzeile mit 2 kr.
C. Schild.
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Eine Stunde im Sitzungs⸗Lokale der Parla⸗ laments⸗Krim⸗Untersuchungs-Commission g zu London.
Deutschland hat seine historischen Erinnerungen an fünfzig⸗ und hundertfache Staats- und Hoch- verraths⸗Riesen⸗Prozesse, wo es sich um Leben und Tod allgemein bekannter, hervorragender Persönlich— keiten handelte; die ältesten Leute in England kön⸗ nen sich solcher Erinnerungen nicht rühmen. Die Zeiten, als die Bastille des englischen Absolutismus, der Tower Minister und Prinzen, Könige und Kö⸗ niginnen verschwinden ließ, die Schrecken des Staats⸗ gerichtshofes, der Stern-Kammer, gehören der ver— westen Vergangenheit an. Wie mußte es daher das gegenwärtige eschlecht aufregen und anziehen, eine öffentliche Unteksuchung der Krim- und Kriegsver⸗
waltungshelden im Unterhause glänzend siegen und verwirklicht zu sehen und nun aus dem Munde von Generalen, Herzögen, Lords und höchsten Offizieren, von Autoritäten und Augenzeugen das ganze ent⸗ lezliche Drama, welches 50,000 Soldaten und 50 Millionen Pfund Sterling, alle englischen, stolzen Hoffnungen, allen nationalen, althistorischen Heili⸗ genschein in Schmutz und Tod hinabtrat, Punkt für Punkt, Schuld für Schuld enthüllt zu sehen und zu hören!—
Die Untersuchung gewann noch an besonderer Wichtigkeit, da es sich um eine Entscheidung zwi⸗ schen dem Ministerium Aberdeen und der Presse handelte. Ersteres behauptete aus offizieller Un⸗ trüglichkeit, letztere habe übertrieben, ja gelogen. Es sey Alles in Ordnung. Gleich von vorn herein ergab sich nun, daß die Presse bereits Alles haar⸗ klein und genau erfahren und veröffentlicht habe, was die Autoritäten und Augenzeugen nur vor dem Parlamente wiederholeu und bekräftigen. Die bis jetzt(den 25. März) gestellten und beantworteten 9000 Fragen enthalten daher im Wesentlichen nichts Neues, nur daß hier und da eine Anekdote, ein im Winkel versteckt gewesenes kleines Ungethüm von
That sache das Entsetzliche noch furchtbarer, den Blod⸗
sinn zum Wahnsinn, das Lächerliche noch lächerlicher, das Unglaubliche noch wahrer und wirklicher macht. Hospitäler, vollgepfropft mit entstellten, zerrissenen, sterbenden, todten, vor Schmerz, vor Hunger, vor Ungeziefer, vor Gestank aufschreiender Soldaten 908 eine mitleidige Seele, die 200 Pfund bietet, um ein solches Haspital reinigen zu lassen, nachdem man sich damit entschuldigt, daß kein Geld zum Reinigen da sey. Der betreffende Ofstzier verweigert die Annahme des Geldes, weil er fürchtet, man könne es von ihm zurückverlangen. Die Soldaten laufen tausend⸗ weise barfuß und mit erfrornen und verwundeten Füßen und sterben hundertweise. f Lord Raglan sieht das eine zeitlang mit an. Endlich schickt er einen Bevollmächtigten nach Constantinopel, Schuhe zu kaufen. Der Bevollmächtigte ist so glücklich, grade ein nach Constantinopel abgehendes Schiff zu treffen, Er theilt dem Capitain des Schiffes unter dem Sie⸗ gel der Verschwiegenheit mit. daß er alle Schuhe in Constantinopel für die Armee 5 aufkaufen solle, Der Kapitain schlägt die Hande überm Kopfe zu⸗ sammen und sagt, daß er drei Wochen lang im Hafen von Balaklava versucht habe, sein mit Schu⸗ hen für die Armee ganz beladenes Schiff an den Mann zu bringen, und feine Ladung los zu werden.
Von allen Seiten habe man die Annahme verwei⸗
gert, da eer keinen gehörig for mu lürten Gra ch t⸗ brief vorzuzeigen im Stande gewesen. Jetzt gehe er eben zurück nach Constantinopel. Nach dieser Entdeckung läßt denn der Schuh⸗Gesandte den Schnabel des Schiffes wieder gen Balaklava richten. Nun werden die Schuhe sofort angenommen, da sie der Schuh- Bevollmächtigte bringt. Noch schlimmer gings einem Kartoffel ⸗ Gesandten. Er brachte, wie ihm befohlen war, ein Schiff voll Kartoffeln nach dem Hafen. Wochen lang versuchte er und Andere, den Mächtigen auszukundschaften, der allein berech⸗ tigt war, die Kartoffeln in Empfang, zu nehmen. Vergebens. Da ergrimmt endlich der Kapitaln und ruft sich Griechen, Tartaren, Armenier, Juden und Schacherer, Familien und Privatpersonen heran mit der Bitte, sie möchten so viel Kartoffel nehmen,


