Ausgabe 
27.4.1855
 
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als sie nur immer fortbringen könnten. So be⸗ kommt er sein Schiff bald leer, und die englischen Soldaten, die nach Balaklava kommen, um sich aus ihrer Tasche Proviant zu kaufen, triumphiren nun mit vollen Kartoffelsäcken in's Lager zurück. Zuletzt wurden sie, das Stück zu 1 Schilling 10 Sgr. eine Kartoffel an die reichsten englischen Offiziere verkauft.

Mitten im massenhaften Hinsterben der Soldaten an Unverdaulichkeit und Durchfall kam eine medi- cinische Autorität auf den Gedanken, die Soldaten müßten Vegetabilien, Gemüse haben. Nach vielen Wochen ist ein Schiff mit Mohrrüben, Kohl, ben u. s. w. im Hafen und wird ausgeladen. Aber auch jetzt kann der Mann, welcher sie zu verkaufen, zu vertheilen hat, trotz unendlichen Suchens nicht er- mittelt werden. Der Gemüsehaufen wird breit, in Schnee und Schmutz getreten und fängt an zu fau len und den Schmutz noch unerträglicher zu machen. Die Garde-Division unterm Herzog von Cambridge fällt vor Hunger vom Pferde, die Pferde fallen aus demselben Grunde, nachdem sie versucht haben, sich gegenseitig die Schwänze abzufressen. Die Ordre des Herzogs von Cambridge um Futter und Lebens mittel hat deßhalb große Eile und ist ohnehin im höchsten Grimme geschrieben. Im höchsten Grimme hat der Herzog seinen Namen auf eine Stelle der Ordre gesetzt, wo sie nach derRoutine nicht hin⸗ gehört. Er bekommt also sein Schreiben mit der höflichen Bitte zurück, den Namen gefäalligst ein Paar Zoll tiefer zu setzen. Ordnung muß sein, obgleich stie in diesem Falle direkt das Leben von ein Paar Dutzend Pferden kostete. Also kein Wunder, daß die englische Cavallerie, so weit davon noch die Rede sein konnte, besonders daran zu erkennen war, daß Niemand auf einem Pferde saß.

Letztere Geschichte hörte ich am 13. März aus dem Munde des Herzogs von Cambridge selbst. An diesem Tuge war ich zum ersten Male in dem Un⸗ tersuchungslokale. Als ich in den Irrgängen des neuen Parlamentsgebäudes endlich auf den rechten Weg und vor die rechte Thür, einem Seiten-Saale der Sitzungs⸗Halle des Unterhauses gekommen war, fiel mir zuerst das dünne Kommen und Gehen von Neugierigen auf. Ich hatte mich auf stundenlanges Warten und rippenzerbrechendes Gedränge gefaßt gemacht. Man weiß ja schon Alles, dacht ich. Man liest es bequemer in den Zeitungen. Jeder hat sein Geschäft von 12 bis 4 Uhr, gerade während der drängendsten Arbeitszeit, während welcher die Com- mission Fragen thut und Antworten zu einem Ak⸗ tenstück sammelt, dessen Umfang das beste Mittel sein wird, es gegen Leser zu schützen. Und am Ende glaubt auch der höhere Engländer nicht an den Ernst, an den Erfolg dieser Posse. Posse? Ja, so er⸗ schien sie mir. Sind die Herren Richter? Haben sie Gewalt über Schuld und Unschuld, Leben und Tod.? Nein, die schwärzesten Schuldigen, bis jetzt

besonders Kapitain Christin und Admiral Boxer

(der in Constantinopel vierzehn Tage lang ein mit Proviant sür die Verhungernden beladenes Schiff erst anstreichen und trocknen ließ) begnügen sich mit der Strafe der öffentlichenMeinung. Als Posse, als Humbug erschien mir die Untersuchung, weil sich's die Herren gar zu bequem machten und fragend und antwortend über die Schuld an 50,000 Todten und 50 Millionen Pfund Sterling gelegentlich

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kaueten und schluckten. Neben dem Haupt⸗ helden der Inquirenten Mr. Layard saß ein Mitglied der Commission, welches einen halben Sand⸗ wich(belegtes Butterbrod) im Munde, eine Frage that, dann einen derben Schluck Sherry nahm und wieder fragte. Der Herzog von Cambridge wartete wenigstens, bis er seine Aussage beendet hatte. Erst dann rief er nach einem Kellner, bestellte sich Sand wichs und Sherry, fragte ziemlich laut(wie viel?) bezahlte, stellte seine gekreuzten Beine auf das Tisch⸗ gestell unten, und trank und hörte den weitern Fragen und Antworten zu. N (Forts. folgt.) .

Der Sohn des Vaters. Mit Recht heben die Zeitungen hervor, daß von alle den fürstlichen Personen, welche mit den Aliirten nach der Krim zogen, nur der Prinz von Sachsen-Weimar auf dem Kriegsschauplatz ausgehalten und seinen Posten bis jetzt nicht eine Stunde verlassen hat. Wer den Vater des Prinzen kennt, wird dies na türlich finden. Herzog Bernhard von Weimar in der wissenschaftlichen Welt bekannt durch sein großes Reisewerk uber Amerika, ist einer der kräf tigsten, energischsten Charaktere der Jetztzeit und ein eben so tapferer Soldat, wie hochgebildeter und frei sinniger Mann der Wissenschaft. Von 1806 ab fast bei allen Schlachten des Napoleon'schen Krieges be theiligt, nahm er später Dienste in der niedkrlän⸗ dischen Armee und ward da zum Gouverneur von Java ernannt, wo er mehrere Jahre verweilte und diese Insel gründlich kennen lernte.

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Diplomatische Nachricht. Der König von Preußen empfing am 27. März den großh. hess. außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Grafen Otto von Solms-Laubach, in ei⸗ ner Privataudienz und nahm sein Beglaubigungs⸗ schreiben in gedachter Eigenschaft entgegen. In ei nem zu Speyer gedruckten altenHess. Volksblatt, Freimüthigkeit, Wahrheit vom 13. Nov. 1832, le⸗ sen wir:Der heutige Tag führte uns die Ge mahlin des edlen Grafen Otto von Laubach zu. Jeder, der Diesen kennt, wünscht, daß er lange und vergnügt in dieser Ehe leben und seine Nach- kommen seine Tugenden erben möchten. Die Red. des Volsbl. stimmt in diesen Wunsch um so mehr ein, als sie Gelegenheit hatte, sich von dem guten Willen und den achtbaren Gesinnungen des Herrn Grafen, Gutes zu wirken, zu überzeugen.

Am 2. Marz, wo der absoluteste Monarch den irdischen Schauplatz verließ, ging auch der edle Re⸗ publikaner Dupont de l' Eure in die Heimath, nach jenem Lande, wo es hoffentlich keine Parteistellung mehr gibt, und wo sich diese beiden entschiedenen Charactere gewiß die Hand des Friedens reichen werden, da es beides rechtschaffene Männer waren. Dupont war bekanntlich das provisorische Haupt

immer ist der Tod eines großen Mannes auch ein großer Todesfall. Aber bei Kaiser Nikolaus war er es. eine gesammte, eine ernste und nachdenkliche Stim⸗ mung hervor. Wo aber, wie hier, das betheiligte Hauswesen eine Welt von Staaten und Nationen,

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der republikanischen Regierung von 1848. Nicht

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