Ausgabe 
15.8.1855
 
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*

Dritter Jahrgang.

Das

emännche.

Gießen, 15. August 1855.

Erscheint wöchentlich zweimal. Preis für Stadt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. 29007 Einzelne Nummern 2 kr. 5

Vr. 39.

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Gute Aufsätze für's Laternemännche werden mit Vergnügen aufgenommen und nach Umständen auch

honorirt. Stadtbriefe können nur angenommen werden, wenn solche mit einer Franko-Marke versehen sind. Die Expedition ist Marktstraße Lit. X. Nr. 12. d Da dieses Blatt nicht allein hier und Umgegend, sondern auch in fast allen Städten dieser Provinz

stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich zu Aunongen, und berechne ich n

zeile mit 2 kr.

spaltene Petit⸗ Schild.

Eine pariser Geschichte. Nach wahren Thatsachen mitgetheilt von Feodor Wehl. (Fortsetzung.) Mein Vater hatte, ehe er sich offiziell vermählte,

* eine geheime Liaison mit einer Gärtnerstochter zu Sor⸗ rent gehabt und mit dieser einen Sohn erzeugt. Die Geburt desselben fiel in die Zeit, in welcher er sich mit meiner Mutter vermählte, und diese, eifersüchtig auf ihre unebenbürtige Nebenbuhlerin und in Besorgniß, daß der Sprößling derselben ihren eigenen zu erwar⸗ tenden Kindern Eintrag thun könne, wußte es zu ma⸗ chen, daß in dem Hause der Wöchnerin Feuer angelegt und diese, sammt dem Kinde, während man die Flam⸗ men zu löschen versuchte, nach Frankreich hinüber ent⸗ führt wurde. Vom Schreck und den Strapatzen der unfreiwilligen Reise erschreckt, erlag die ihrer Heimath und ihrem Gönner entrissene Frau einem raschen und unerwartet frühzeitigem Tode. Ihr Kind aber ward einer armen Wäscherin übergeben, die mit einem klei nen Handwerker in einer ungesetzlichen Ehe lebend und ihr Kind kurz nach der Geburt durch den Typhus ver⸗ lierend, den verwaisten Knaben für eine beträchtliche Summe als den ihrigen annahm.

Mein Vater, der von diesen Vorgängen natürlich nichks wußte und wie Alle, die Zeugen der Feuers⸗ hrunst gewesen, glaubte, daß seine Geliebte sammt dem Kinde den Tod dabei gefunden, gab, nachdem er lange umsonst geforscht, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, endlich seine Nachforschungen auf, und zwar um so mehr und vollständiger, als einige Monate darnach seine angetraute Gattin ihm in mir einen rechtmäßigen Stammhalter schenkte. Von da ab hat er weiter den Verschollenen nicht mehr nachgeforscht und eine ziem- lich glückliche Ehe geführt. Eben als ich achtzehn Jahr alt geworden und nach Paris abzugehen im Begriffe war, erkrankte meine Mutter, die, ehe ste verschied, meinem Vater die Schicksale seiner Jugendgeliebten und ihres Sohnes beichtete. Gleich nachdem sie beer digt, machte er sich nach Paris auf, um dort nach sei⸗ nem natürlichen Sohne zu forschen. Da aber die Hel⸗ sershelfer meiner Mutter bei der Entführung ihrer Wg n kaiige 7 8 ihr, gestorben, man 8 Lohnung und ferneres Geschick jener armen Wäsche⸗ rin aber durchaus nicht kannte, so vermochte er, allem

Eifer und aller Mühe zum Trotz, nirgends eine Spur von seinem Kinde zu entdecken. Ein Kammerdiener meines Vaters, sein intimster

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Vertrauter, der sich bei mir die Stellung in unserm er Hause sichern wollte, verrieth mir dieses Geheimniß die meiner Familie, indem er mir dabei zu verstehen gab, te daß, wenn ich das große Vermögen des alten Fürsten ift mir ungetheilt erhalten wollte, ich dafür zu sorgen an habe, daß die Entdeckung meines Bruders niemals statt⸗ zie finde. Wie er mir gestand, war diese nur vermöge nd eines goldenen Reifes zu machen, den mein Vater in

der Geburtsstunde seines natürlichen Sohnes durchge

brochen, zur Hälfte behalten und zur Hälfte der Mut⸗

ter für den Neugeborenen übergeben hatte. ch⸗

Nachdem mein Vater unverrichteter Sache von sei nen Reisen zurückkam, trat ich die meinige an, die sich natürlich zunächst nach Paris richtete. Hier lernte ich in zufällig bei dem Grafen Emil Luckner einen gewissen in Alfred Gautier kennen, bei dem ich einmal beim Bil⸗ lardspiel die Hälfte jenes Ringes an einer feinen gol denen Kette aus dem Gillet hervorhängen sah, dessen li⸗ andere, dazu passende Hälfte mir jener Kammerdiener d⸗ meines Vaters gezeigt hatte. Natürlich war augen- ls blicklich mein Plan gemacht.

Ich suchte Alfred Gautier einmal allein auf, ließ 8. mir seine Geschichte erzählen, das Billet seiner Mut⸗ ter, das ihm von seiner geheimnißvollen Herkunft be ie richtete, zeigen und erklärte ihm sodann, daß wenn er r⸗ mir die ganze Sache unter Angelobung unverbrüchlichen in Schweigens gegen Jedermann in die Hand zu geben he sich entschließe, ich Willens und im Stande sei, ihn ö seinem rechtmäßigen Vater in die Arme zu führen. Der harmlose, nichtsahnende Gautier, der zur Zeit, da 1 mein Vater in Paris nach ihm forschte, sich Geschäfte ie halber in Amerika aufgehalten und von diesem Allen 1 nichts wußte, ging dies gerne ein, überantwortete mir ie seine Papiere und that auch sonst, was ich von ihm i⸗ heischte.

Nachdem ihm nun also aufgetragen, sich für den 4 17. September mit Geld in hinreichendem Maße zu versehen, um damit eine größere Reise unternehmen zu können, übergab ich ihm einen, von dem in mein r Komplott gezogenen Kammerdiener täuschend nachge machten Paß mit dem Bedeuten, diesen und das Geld an den Grafen Luckner zu übergeben, mit dem ich dann

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