Ausgabe 
8.8.1855
 
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Das

Laternemäun ch

Dritter Jahrgaug.

Gießen, s. August 1885.

Erscheint wöchentlich zweimal, Preis für Stadt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. 8 Einzelne Nummern 2 kr.

Nr. 38.

Auswärtige können nur bei den nächsten Post⸗ ämtern 3 Monate abonniren, wobei der übliche Postaufschlag eintritt.

Gute Aufsätze für's Laternemännche werden mit Vergnügen aufgenommen und nach Umständen auch honorirt. Stadtbriefe können nur angenommen werden, wenn solche mit einer Franko-Marke versehen sind. Die Expedition ist Marktstraße Lit. A. Nr. 12.

Da dieses Blatt nicht allein hier und Umgegend, sondern auch in fast allen Städten dieser Provinz stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich zu Annoncen, und berechne ich Petit⸗

zeile mit 2 kr.

F. Schild.

Eine pariser Geschichte. Nach wahren Thatsachen mitgetheilt von Feodor Wehl (Fortsetzung.) N

Die große Welt und die Leute der Gesellschaft konn⸗ ten, da der Fürst vorsichtig verfuhr und die im Geheim Gemiedenen bei seinen Bällen und großen Diners noch regelmäßig einzuladen pflegte, den Widerwillen gegen diese ehedem so geflissentlich aufgesuchten Freunde we niger bemerken, als es bei diesen selbst der Fall war, die sich aus seiner Intimität gedrängt sehend, gar wohl und zu ihrem Aerger inne wurden, daß sie an Anse⸗ hen und Gunst auf das Merklichste bei ihm verloren.

Am Meisten erbost darüber war ein gewisser Edmond Lavalle, ein Wüstling höchsten Grades, aber sonst ein Mensch von Geist und weichem Herzen. Dieser hatte, um hinter die Ursache der Abneigung zu kommen, welche der Fürst von Benevent gegen ihn und seine guten Freunde zu Tage legte, sich mit gutem Geschick an den alten Kammerdiener zu machen gewußt, welchen jener mit der Erbschaft seines Vaters zugleich in seine Dienste genommen.

Dieser Kammerdiener, ein ächter Italiener, war ein äußerst listiger und verschlagener Mensch, der den größ ten Einfluß auf seinen Herrn ausübte. Da er, wie die meisten Italiener, aber zugleich auch Eitelkeit und einen fast lächerlichen Ehrgeiz besaß, so liebte er es mit dieser Herrschaft über seinen Herrn zu prunken und von dem vornehmen Umgange desselben sich eine gewisse Aufmerksamkeit widmen zu lassen. Aus diesem Grunde kam es denn nun auch, daß die angelegent⸗

liche Mühe, die sich Edmond von Lavalle gab, ihn für

sich geneigt und gestimmt zu machen, wirklich einen hohen Grad von Zuneigung für diesen in ihm entste⸗ hen mochte. Er ließ sich gern die Plaudereien dieses Cavaliers gefallen und war erfreut, wenn er ihm ir⸗ gendwie dienen und sich in Folge dessen gelegentlich etwas gegen ihn, wie es in der Volkssprache heißt, herausnehmen konnte. e

Nachdem dieses Verhältniß Jahr und Tag gedauert, kam Edmond von Lavalle einmal am Morgen im Ho⸗ tel des Fürsten vor, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. Da er den Herrn des Hauses nicht vor⸗ fand, den Kammerdiener aber in sehr gesprächiger Laune traf, so ließ er sich mit diesem in eine launige Elauderei ein, in deren Verlauf er ihm auch von ei⸗

nem Scherze erzählte, den er sich mit einigen Freunden

machen wollte, und zu dem er mehrerer anonymer und mit fremder Hand geschriebener Billete bedurfte.

Der zu allen Intriguen und Hintersteckereien stets bereite Italiener stellte sich ihm hier sogleich zu Dienst und warf, um seine Fähigkeit dafür zu beweisen, ver⸗ schiedene Schriftzüge mit versteller Hand auf ein ge⸗

rade daliegendes Stück Papier. Edmond von Lavalle

ihm dankend und versprechend, die Sache mit ihm wei⸗ ter verhandeln zu wollen, steckte mechanisch die ihm ge⸗ gebene Schriftprobe in die Tasche und empfahl sich. Am Abend desselben Tages, beim Auskleiden, zog Lavalle dieselbe hervor und begann sie, im Bette lie⸗ gend, rein nur, um noch einen Zeitvertreib zu haben, zu mustern. Bei dieser Musterung blieben seine Blicke, zuerst ihm selbst unbewußt, auf einigen der geschriebe nen Worte hängen. Nach und nach, sie aufmerksamer

betrachtend, kam es ihm vor, als ob er sie schon ein⸗

mal auf irgend einem wichtigen Aktenstücke gesehen, doch konnte er sich durchaus nicht erinnern, auf welchem etwa. Nachdem er lange so vergeblich hin und herge sonnen, löschte er endlich sein Licht, warf sich auf die Seite und sagte, sich selbst belächelnd:Ach was! Wahrscheinlich sind es die Einladungen des Fürsten, auf denen ich diese Schrift gesehen!

Mit diesem Machtspruche wollte er seinem Grübeln und Nachdenken ein Ende und die Einleitung zum Schlafe machen. Und wirklich war er auch nahe da⸗ ran zu entschlummern, als er plötzlich wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe fuhr, in Eile wieder Licht anzündete und die Schriftzüge auf's Neue in Au⸗ genschein zu nehmen begann. Kaum hatte er sie einen Augenblick angestarrt, als er aus dem Bett aufsprin⸗ gend, laut ausrief:

Diese Schrift habe ich auf jenem Passe gesehen, den man bei Emil Luckner gefunden!

Durch diese Entdeckung, er wußte eigentlich selbst nicht warum, ganz außer sich gebracht und des Schla fes beraubt, setzte er sich, da es zu spät war, noch irgend was in der Sache zu unternehmen, in eine Causeuse, sich ein GlasBrandy and Water berei⸗ tend und eine Cigarre anzündend. g

Früh am Morgen, nachdem er ein wenig in seiner aufrechtsitzenden Stellung geschlafen, begab er sich zu einem Freunde, der damals mit in dem Luckner'schen Prozesse als Zeuge aufgerufen gewesen war. Diesem

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