Ausgabe 
2.5.1855
 
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5 Das

Laternemännche.

Gießen, 2. Mai 1885.

Dritter Jahrgang.

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tit wöchentlich zweimal. Preis für Stadt und gegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. Einzelne Nummern 2 kr.

Auswärtige können nur bei den nächsten Post⸗ ämtern 3 Monate abonniren, wobei der übliche Postaufschlag eintritt.

Nr. 20.

Gute Aufsätze für's Laternemännche werden mit Vergnügen aufgenommen und nach Umständen auch honsrirt. Stadtbriefe können nur angenommen werden, wenn solche mit einer Franko-Marke ver⸗

sehen sind. Die Expedition ist Marktstraße Lit. A. Nr. 12. 8 Wer Da dieses Blatt nicht allein hier und umgegend, sondern auch in fast allen Städten diese

Provinz stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich zu Annongen, und berechne ich die

gespaltene Petitzeile mit 2 kr.

Eine Stunde im Sitzungs⸗Lokale der Parla⸗ laments⸗Krim⸗Untersuchungs⸗Commission zu London. 3(Schluß.) 8 Seine Aussagen hatten übrigens, im Vergleich andern, nichts besonderes Interessantes. Um so imponirender ist seine Persönlichkeit. Ein riesiger Mann, bärtig, stolz, breitbrustig, kahlköpfig, so saß a dem kleinen, kränklichen, dünnstimmigen Präsi⸗ denten der Commission Mr. Roebuck gegen⸗ üben! Das volle, energische Gesicht neben Roebuck

it dem berühmten Layard, dem Niniveh⸗ Ausgraber, jetzt Mitgliede des Ministeriums, dem Premier einer bessern oder schlimmern Zeit denn er ist der einzige Mann, von dem man sicher eine energische, hohe Zukunft erwartet. Die Namen de anderen Mitglieder habe ich zum Theil vergessen, zun Theil wurden sie doch nur genannt, um sofort wieder vergessen zu werden. Photographie, Steno graphie, Malerei, Typographie alle diese Künste der Oeffentlichkeit umgaben den Halbmond des grü nen Tisches in großer Fülle und ohne die geringste Beschränkung. Die hieroglyphischen Blätter der Stenographen wanderten unaufhörlich über die Schul⸗ tern der eifrig das lebendige Wort Auffangenden hingus ins Vorzimmer, wo eine Menge Uebersetzer aus; dem Stenographischen in Currentschrift den * in die Hande arbeiteten, welche unten in

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Orgichken nach den Druckereilokalen der Zeitungen

eilten. Weiter hinten in der Ecke wartete ein Pho⸗ toglsph auf malerische, stille Momente und zog dann seine Klappe auf, so daß die dunkele Oeffnung des hvtographischen Apparates wie eine Kanonenmün⸗ dug herab drohte, sich aber nach ein Paar Secun⸗ den immer wieder schloß. Hier machte sich ein Zuhörer Bemerkungen mit dem Bleistifte, dort ver suchte ein Maler die Züge des bärtigen Riesen im Hintergrunde(ich glaube des von Birmingham ge⸗ wählten Parlaments-⸗Mitgliedes Muntz) zu stehlen und Geld daraus zu schlagen.

Ein schäbig⸗gentiles Subject schälte sich eine Apfel

C. Schild.

sine, biß hinein und verfolgte die Verhandlung mit großen Augen, bald Zeichen des Beifalls, bald grun⸗ zende Töne der Unzufriedenheit durch die gekauete Apfelsine von sich stoßend. Crethi und Plethi lahtschte aus und ein, darunter manch düsteres, sorgenver⸗ zerrtes Gesichtohne Geburt und Connexionen, feine Damen und breitschulterige Weiber von der Straße fast alle im tiefsten Schwarz und mit gespannten Zügen horchend, ob diese oder jene Aus⸗ sage einen Schluß auf den hingeopferten Sohn, Bruder, Bräutigam oder Ehemann zulasse, auch nicht wenige nichtssagende Gesichter, die blos aus Langeweile gekommen zu sein schienen,um sich zu amüsiren, da sie immer am Lautesten hear! hear! (hört! hört!) riefen und lachten, wenn eine pikante

Bemerkung fiel oder ein unglaublicher Unsinn speciell

erörtert ward.

Die Zeugen traten alle in die Mitte des Tisch⸗ Haldmondes, um welche die zehn Mitglieder der Commission sitzen, der Herzog von Cambridge jedoch saß ganz bequem unter ihnen, mit ihm machte man dieselbe Ausnahme, wie mit einigen andern Personen höchsten Ranges. Er sah auch gar nicht darnach aus, sich vom berüchtigten GeneralGoutine, der an allem Unheil Schuld ist, etwas vorschreiben zu lassen. Wie leicht hätte er seinen dicken Rohrstock mit dem goldenen Haken nehmen können, um seinen Kopf durchzusetzen? Warum war er überhaupt hier und nicht Chef-Commandeur der Garde-Division geblieben? Die Leute munkeln schreckliche Geschich⸗ ten, die man durch eine andere Munkelei, nämlich daß er Spuren von Geisteskrankheit(allerdings erb⸗ lich öfter in seiner Familie hervorgetreten) zu ver⸗ tuschen sucht. Er soll einem höhern Offizier, der sich gar zu bornirt nach dem GeneralRoutine richtete, etwas versetzt und selbst Lord Raglan be droht haben. So viel Wahrscheinliches dies auch in einem energischen Kopfe, gerade weil er nicht gan der allgemeinen ausgebrochenen Geisteskrankheit des englischen Regierungswesens litt, haben mag, wollen

wir es doch blos als ganz dunkele Munkelei bei⸗

läufig mit erwähnt haben.