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Dritter Jahrgang,
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e männche.
Gießen, 25. Juli 1885.
Erscheint wöchentlich zweimal. Preis für Stadt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. 3 Einzelne Nummern 2 kr.
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N Die Expedition ist Marktstraße Lit. A. Nr. 12. 5 Da dieses Blatt nicht allein hier und Umgegend, sondern auch in fast allen Städten dieser Provinz
stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich zu Annoncen, und berechne ich diere
zeile mit 2 kr.
spaltene Petit⸗ Schild.
Eine pariser Geschichte. Nach wahren Thatsachen mitgetheilt von Feodor Wehl. (Fortsetzung.) f „Es sind viele Dinge, die gegen mich zeugen,“ ließ sich hierauf Graf Luckner selbst vernehmen,„und ich finde es bei einer Verkettung der Umstände, wie sie sich
hier vor Augen legt, nur gar zu begreiflich mich schul⸗
dig zu wähnen. Oft scheint mir selbst alles so zu treffen und zu passen, daß ich in Versuchung gerathe, der gegen mich eröffneten Anklage Recht zu geben. Der Herr Staatsanwalt hat gesagt, daß ich wahrscheinlich zuerst geflohen und bei der Flucht den Dolch verloren habe. Diese Annahme stimmt, wie ich bekennen muß, bis zu einem gewissen Grade zu. Als ich nämlich mei⸗ nen Freund plötzlich an meiner Seite überfallen sah, hatte ich natürlich keine Ahnung davon, daß er tödt⸗ lich verletzt sein könne. Mein erster Gedanke war, den Missethäter, der eilig davon stürzte, einzuholen und festzuhalten, um ihn der strafenden Gerechtigkeit zu überliefern. Elenden her, und merkwürdiger Weise ungefähr bis dahin, wo man der Beschreibung nach zu schließen den Dolch gefunden hat. Wäre es nicht meine Gewohn⸗ heit, ihn nur auf Reisen bei mir zu tragen, und zeigte er nicht Spuren von Blut, so würde ich gern bekennen dürfen, daß ich ihn an Ort und Stelle bei dem plötz⸗ lichen Innehalten im Nachsetzen verloren habe. Die Nutzlosigkeit der Verfolgung einsehend und das entsetz⸗
liche Schmerzgeheul meines Freundes hinter mir ver⸗
nehmend, kehrte ich um. Als ich zu ihm kam, fand ich ihn schon leblos in seinem Blute am Boden, und kurze Zeit darnach mich und ihn von Neugierigen umringt.
Daß ich verdutzt und erschrocken war, als der hinzuge⸗ kommene Polizeiagent mich an der Begleitung meines
unglücklichen Freundes hinderte, kann und will ich nicht leugnen. Ich war in Angst, daß er nicht sorgsame Pflege finden werde, und glaube dieses Bedenken auf dem Wege zur nächsten Wache gegen meinen Verhafter auch kundgegeben zu haben, kann es genau indessen nicht sagen, denn ich muß eingestehen, daß das Ergeb⸗ niß, nach dem übermüthig verbrachten Abend, mich ganz außer Fassung brachte.“ a tn Der zum Zeugen aufgerufene Polizeiagent meinte,
einer solchen Aeußerung des Grafen sich nicht zu erin⸗
In dieser Absicht stürzte ich hinter dem
nern und gab nur an: ihn kleinlaut und resignirt'ge⸗ funden zu haben. g f
Diese und ähnliche Zwischenfälle änderten also nichts in der Sache, und nachdem der Prozeß beinahe zwei Wochen gedauert, kam er vor den Geschworenen zum Spruch, welcher auf„Schuldig“ lautete und den An⸗ geklagten zur Galeerenstrafe verdammte..
Als Graf Luckner dieses Urtheil mitgetheilt wurde, zeigte er sich tief erschüttert. Bleich und mit strömen⸗ den Thränen, die Hand zum Schwure gen Himmel erhebend, sagte er: a 5.
„Ich bin unschuldig, der höchste Richter im Himmel weiß es. so zürne ich ihnen nicht. Sie haben nach Pflicht und Gewissen gesprochen. Der Himmel vergebe ihnen. Er geht streng mit mir ins Gericht. Er bestraft mich nur dafür, daß ich meine Jugend nichtsnutzig und liederlich verbracht. Hätte ich von je auf Reinheit der Sitten, guten Ruf und die Würde meines Namens gesehen, so würde man weniger geneigt gewesen sein, sich von einem bestrickenden Anscheine gegen mich einnehmen zu lassen. Es ist mein vergangenes Leben, was gegen mich spricht. Ich muß mich fügen.“
Seine Schönheit, die edle Haltung und der warme, offene Ton, mit dem er dies reuemüthige Bekenntniß vor den Schranken des Gerichtes ablegte, gewann ihm die Herzen fast aller diesem Auftritte beiwohnenden Menschen. Die rohesten, hartgesottensten Männer fühl⸗ ten sich ergriffen, die Frauen weinten und schluchzten laut, darunter besonders eine, die bei allen Verhören zugegen gewesen und den Graf Luckner stets mit dem größten Interesse beobachtet hatte.
Diese eine Dame, die durch ihre Theilnahme für den Angeklagten bereits zum Stadtgespräch, und in dieser letzten Sitzung der Assisen das Augenmerk aller Anwe⸗ senden geworden, war die einzige Tochter des bekann⸗ ten bonapartistischen Generals Lagrange, die Baronin Stephanie, die von einer befreundeten Familie für den Prozeß importirt und in die erste Verhandlung dessel⸗ ben mitgenommen, bald eine heftige Leidenschaft für den so gräßlich Beschuldigten in sich hatte entstehen fühlen.
Sie hatte gleich nach der ersten Session anonym an Emil Luckner geschrieben und ihm mitgetheilt, wie sie ganz gewiß von seiner Unschuld überzeugt sey und den festen Glauben besitze, ihn freigesprochen zu sehen. Nach
Was aber meine Geschworenen anbetrifft,
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