der dritten, vierten, fünften Verhandlung wiederholte sie diese Versicherungen, die nun vernichtet zu finden, sie auf das Höchste betrübte. verließ sie den Saal, um von da sogleich zu Emil in das Gefängniß zu fahren.
Graf Luckner hatte sie nie gesehen, und war nun erstaunt, unter den mit Bedauern zu ihm drängenden Freunden auch eine fremde Dame von distinguirtem Aeußeren zu finden, die ihn ersuchte, ein paar Worte mit ihm allein sprechen zu dürfen.
Nachdem die Freunde sich unter Beileidsbezeugungen⸗
aller Art von ihm entfernt, entdeckte sich diese Dame ihm nun als Schreiberin iener anonymen Briefe, dabei versichernd, daß sie noch immer trotz der Schulderklärung der Geschworenen an seine Unschuld glaube, und be⸗ reit stehe, mit ihm zugleich nach Brest zu gehen, dort, so viel es gehe, sein schreckliches Loos zu erleichtern und mit ihm des Tages zu harren, an dem einst seine
Enthebung von dem ihm zur Last gelegten Verbrechen
erfolgen müsse.
Man kann sich denken, wie gerührt Graf Luckner von den Worten und dem Benehmen der Dame war und wie flehentlich er sie bat, ihn seinem Schicksale zu überlassen und von ihrem Vorhaben abzustehen. Al⸗ lein, wie vergebens das Alles war, bewieß am Besten, daß man Baronin Stephanie zugleich mit dem Zuge der eingeschmiedeten Galeerensclaven Paris verlassen und nach Brest abreisen sah.
Briefe und Zeitungscorrespondenzen aus dieser letzte⸗ ren Stadt meldeten bald darnach, daß man täglich eine schöne und elegante Dame in der Freistunde der Sträf⸗ linge nach dem Lager kommen und dort viel mit einem in Eisen geschlossenen jungen Manne verkehren sehe, der wegen eines Raubmordes zu lebenslänglicher Ga⸗ leerenstrafe verurtheilt sey. Man schilderte auf das Rührendste die zarte Sorgfalt und Liebe, die sie dem Verbrecher beweise, und unterließ dabei nie zu bedauern, daß ein Heroismus so seltener Art keinem würdigeren Gegenstande gewidmet sey.
Da die pariser Journale, durch solche und ähnliche Briefe angeregt, sich veranlaßt sahen, die Sache ihrem wahren Verhältnisse nach zu schiidern, so kam es bald, daß die ganze Welt über den Hergang in Kenntniß gehn und davon unterrichtet war, daß der Sträfling stiemand anders, als der ehemalige Graf Luckner, und die Dame, die schöne und geistreiche Baronin La⸗ range sey.
Eine Menge Poeten griffen den Stoff auf und machten Novellen und Gedichte daraus. Auch George Sand soll davon zu einem ihrer besten Romane ver⸗ anlaßt worden sein. Alles dies und Anderes hinderte aber nicht, daß man schließlich des seltsamen Paares vergaß und seine Aufmerksamkeit andern Geschichten und Tagesereignissen zuwies. Im Jahre 1827 wenig⸗ stens gab es ohne Zweifel gewiß nur noch sehr we⸗ nige, die sich jener Mittheilungen und der Personen von denen sie handelten, erinnerten. Dennoch war es
gerade um jene Zeit, als dieselben plötzlich wieder in
Vordergrund zu treten begannen.
Der Fürst von Benevent nämlich, der noch während des Graf Luckner'schen Prozesses seinen Vater an einem Schlagflusse plötzlich und unerwartet verlo— ren, war, nachdem er seine reiche Erbschaft in Italien angetreten und einige Jahre im Orient auf Reisen gewesen, nach Paris zurückgekehrt, wo er in der Rue du Bas ein großes Hotel bezogen und ein ansehnliches Haus zu machen begonnen hatte. Natürlich, und wie
sich von selbst versteht, waren die früheren Genossen
aus dem Luckner'schen Kreise wieder an ihn herange—⸗ treten, doch auffallender Weise nicht so zuvorkommend
In Thränen aufgelöst,
darüber hinweg zu bringen.
Rauf und ein Arm lag wie drohend.
und in der frühern Vertraulichkeit aufgenommen worden. Man fand im Gegentheil sogar, daß er diesen ehemaligen Kameraden lustiger Tage geflis⸗ sentlich und wenigstens, so viel es ohne Anstoß zu er⸗ regen war, aus dem Wege ging.
(Forts. folgt.)
Bilder ans dem jetzigen Kriege. (Von verschiedenen Augenzeugen.)
J. Mars und Mai. Der Mai hatte um den Theil des Tschernaya-Flus⸗
ses, den wir durchritten, das Thal weit umher mit dem
üppigsten, grünen, blumenreichsten Gewande angethan. Fett und feist in die Höhe geschossene Blumen neuer Art schwankten schwer unter ihrem reichen Diamanten— schmucke von Thautropfen: Georginen, Anemonen, Weißdorn, Thymian, Münze, Spargel und Hunderte ganz unbekannter Stauden und Blumen. Auf unserer rechten Seite marschirten die Türken als Begleiter des recognoscirenden Omer Pascha durch dieses hohe, herrliche Blüthen- und Duftmeer, das in den süßesten aromatischen Wellen unter ihren eintretenden Füßen aufschwoll und zu uns herüberwehte. Wir nahten dem Schlachtfelde von Inkerman. Rechtwinkliche Stücke langen, reichen, blüthenschweren Grases, hoch emporra⸗ gend über das natürliche Grün der Wiesen umher, be— zeichneten die Massengräber, in welchen die Erschosse— nen und Erschlagenen vom 25. October zu Hunderten in je einer ausgegrabenen Tiefe ruhen. Der Leichen⸗ geruch in seiner Mischung mit dem würzigsten Aroma
des Frühlings machte einen unbeschreiblich erschüttern⸗ den Eindruck, am Empfindlichsten auf die Pferde. Sie schnaubten und schnarchten mit emporstarrenden Mähnen
in die Gräser und Blumen, von denen keins nur einen Halm abbiß und waren nur mit der größten Gewalt Zitternd an allen Glie⸗ dern und starrend in jedem Haar der Mähne eilten
sie dann dadrüber hinweg und athmeten tief auf, als
sie wieder natürliche Wiese unter die Füße bekamen.
Auch die Vögel, die anderswo lustig in den heiß auf⸗ athmenden Maimorgen
hineinpfiffen und trillerten, wurden hier still und flogen davon, nachdem sie an verschiedenen Stellen probirt hatten, sich niederzulassen. Bald häuften sich auf unserm Wege die Denkmäler jenes schrecklichen,„glorreichen“ Octobertages. Das Skelett eines englischen Dragoners lag noch da zwi— schen dem Grase wie er gefallen war. Zerrissene Fetzen seiner rothen Uniform spielten um seine abgenagten Gebeine. Die Knöpfe waren alle abgeschnitten. Er muß gleich im Anfange der Schlacht gefallen sein, als die schwere Reiterei dicht am„Canroberts⸗Hügel“ un⸗ ter das Feuer der russischen Artillerie kam. Nicht weit davon lag freundschaftlich ein noch nicht ganz fleisch— loses Russenskelett. Sie hätten sich im Leben wohl eben so gut vertragen, wenn die höhere Staatsweisheit der Schöpfer und Erhalter des europäischen Gleichge⸗ wichts wirklich als Männer vier Punkte, und nicht Fragezeichen als Diplomaten gemacht haben würden. Der kleine, runde Schädel des Russen war von Geiern kahl genagt und ausgeweidet, nur das röthliche Haar flatterte noch wirr um seine tiefen Augenhöhlen. g Weiter hin schien ein anderes russisches Skelett zwi⸗ schen Kugeln und Fragmenten von Kartätschen aus dem Grabe in die Höhe gesprungen zu sein. Nur die Füße waren etwas bedeckt. Mit dem Oberkörper ragte er Wir mußten nun unsere Pferde mit all' unserer Gewalt durch Labyrinthe halb verwes'ter Artillerie- und Cavalleriepferde zwin⸗


