4 1
Das
Laternemännche.
Dritter Jahrgang.
Gießen, 18. Juli 1835.
Erscheint wöchentlich zweimal. Preis für Stadt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. Einzelne Nummern 2 kr.
NM. 36.
Auswärtige können nur bei den nächsten Post⸗ ämtern 3 Monate abonniren, wobei der übliche Postaufschlag eintritt.
Gute Aufsätze für's Laternemännche werden mit Vergnügen aufgenommen und nach Umständen auch honorirt.— Stadtbriefe können nur angenommen werden, wenn solche mit einer Franko-Marke versehen sind. 5 Die Expedition ist Marktstraße Lit. K. Nr. 12. * Da dieses Blatt nicht allein hier und Umgegend, sondern auch in fast allen Städten dieser Provinz stark gelesen wird, so eignet es sich vorzüglich zu Annonçen, und berechne ich die gespaltene Petit⸗
zeile mit 2 kr.
Eine pariser Geschichte. Nach wahren Thatsachen mitgetheilt von Feodor Wehl. (Fortsetzung.)
Alfred Gautier, der so räthselhaft Ermordete, war al⸗ len Zeugnissen und eingeholten Nachforschungen zufolge ein durchaus braver, tüchtiger und ehrenhafter Mensch gewesen, der, wenn man es so nehmen will, nur die eine Schwäche hatte, Graf Emil von Luckner auf eine beinahe abgöttische Weise zu lieben. Er hatte denselben vor eini⸗ gen Jahren in Nizza kennen gelerut und seitdem überall und jeder Zeit als seinen besten und intimsten Freund behandelt, ihm mehrfach Geld geliehen und andere der- gleichen Dienste erwiesen, alles Dinge, die der Angeklagte auf das Bereitwilligste einräumte und wofür derselbe sich noch stets vom aufrichtigsten Danke beseelt zeigte. Er war der natürliche Sohn eines kleinen Handwerkers, den dieser mit einer Wäscherin zeugte, die kurz nach der Ent⸗ bindung starb. Der Vater, der das Kind zuerst nicht als das Seine anerkennen wollte, nahm sich nach dem Dahinscheiden der Mutter desselben denn doch noch an, ließ es kümmerlich erziehen und in eine Handlung treten, in welcher der junge Mensch später sich von solchem Nutzen und glücklicher Verwendbarkeit zeigte, daß er nach einer zehnjährigen Mitbetheiligung und zeitweisen Leitung des Geschäfts sich zum Compagnon erhoben und dadurch zu einem so vermögenden Manne gemacht sah, daß er im Stande war, seinem Vater auf seine alten Tage und der ganzen Familie, die dieser in einer zweiten, späteren Ehe erzeugt hatte, eine bedeutende Rente auszusetzen.
Daß ein Mann dieser Art, als er von einem so schnel— len und geheimnißvollen Tode ereilt wurde, nun doppelt und dreifach die Theilnahme und das Bedauern der großen Menge zuertheilt erhielt, was sonst in dergleichen Fällen den Manen des in Schaden Gekommenen anheimfällt, versteht sich von selbst, und um so mehr, wenn wir hier noch anführen, daß sich bei der Besichtigung seiner Leiche ein Umstand, oder genauer gesagt, eine Sache zu Tage legte, welche über ihn und sein Ende ein noch feltsameres und eigenthümlicheres Mysterium breitete als es an und für sich schon sein Tod darbot. Man fand nämlich auf der Brust des Todten an einer feinen, goldenen Kette die Hälfte eines Ringes, der offenbar eine Bedeutung hatte,
C. Schild.
die man indessen nicht zu erforschen im Stande war, da der Vater nichts davon wußte, und Graf Luckner sich nur erinnern wollte, von dem Verblichenen gehört zu haben, daß dieser Reif, von dessen Mutter stammend, ihm von einer Freundin derselben lange nach deren Tode mitsammt einem Zettel übergeben worden sey, welcher ihn einst zu einer wichtigen Entdeckung führen könne.
Da aber weder der Zettel noch die Freundin der Mut⸗ ter zu ermitteln gewesen waren, so blieb denn natürlich die ganze Sache im Dunkeln, und Graf Emil Luckner nach wie vor der Mordthat allein und ausschließlich ver⸗ dächtig.
Zu den Zeugenaussagen wurden unter anderen Perso— nen natürlich auch die Beiwohner jenes Festmahles gezo— gen, von dem nach Haus gehend Alfred Gautier an der Seite des jungen Grafen seinen Tod gefunden. Alle, und besonders ein Italiener, ein Fürst von Bennevent, waren von der Unschuld des Angeklagten überzeugt und thaten, was sie konnten, den Verdacht von ihm abzulenken. Sie lobten sein gutes Herz, seinen braven Character, seine Uneigennützigkeit und hoben dazwischen hauptsächlich seine Gleichgültigkeit gegen das Geld hervor.
„Dieser Freund, Graf Luckner,“ rief der oben genannte italienische Fürst bei seiner Vernehmung aus,„kann un⸗ möglich das ihm zur Last gelegte Verbrechen begangen haben. Wenn es auch wahr ist, daß er Schulden hat und gerade jetzt sich in mißlichen Umständen befindet, so wußte er doch zu gut, daß ich, wie alle seine Freunde be— reit waren, ihn aus dieser, wie jeder andern Verlegenheit— herauszureißen, als daß er seine Zuflucht zu einer so ge— meinen Schandthat hätte nehmen sollen, obenein gegen einen Freund, wie ihm Alfred Gautier einer war, der ge⸗ wiß als der Erste ihm zu Dienst gestanden hätte, Geld zu seiner Disposition zu stellen.“
Trotz dieser emphatischen Auslassung mußte freilich der Fürst von Benevent so gut wie die andern Genossen Graf Enril Luckner's zugeben, daß sie den Dolch, mit dem der Mord verübt worden war, bei dem Angeklagten, und zwar noch an dem Tage des Verbrechens selbst gesehen hatten. Graf Luckners Wohnung war für das verabredete Souper zum Sammelplatz bestimmt gewesen, und bei die— ser Gelegenheit hatten die sich Einfindenden die Waffe an ihrem gewohnten Platz gesehen; auch Graf Luckner ge⸗
*
85—— ——


